LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Breite Zustimmung im Parlament für Gesetz zur Schaffung von acht Kompetenzzentren

Alles tun, damit alle Schüler am Regelunterricht teilnehmen können, aber auch dafür sorgen, dass sich spezialisierte Fachkräfte gegebenenfalls um Kinder mit spezifischen Bedürfnissen kümmern können. So könnte man den Ansatz des Gesetzes zur Schaffung von - frei übersetzt - „acht spezialisierten psychopädagogischen Kompetenzzentren zugunsten der schulischen Inklusion“ zusammenfassen, das gestern mit 56 Stimmen bei Enthaltung von „déi Lénk“ angenommen wurde. Ressortminister Claude Meisch (DP) sprach im Anschluss an das Votum von einem „beträchtlichem Schritt“ in Richtung von mehr Inklusion. „Inklusion soll der Normalfall sein“, betonte der Bildungsminister, der allerdings auch einschränkte, dass es nicht in allen Fällen möglich sei.

CSV: Gute Ansätze, keine Strategie

Die Abgeordnete Martine Mergen konnte dem Reformprojekt - die Gesetzgebung geht auf 1973 zurück - Positives abgewinnen, brachte allerdings auch Kritikpunkte vor. Wenn die Sprecherin der CSV die Investitionen in Strukturen und Personal lobte oder hervorhob, dass es endlich auch Anlaufstellen für Kinder mit einer Dys-Problematik oder für Hochbegabte geben wird, bemängelte sie das Ausbleiben einer Zukunftsperspektive, um tatsächlich ein inklusiveres Bildungssystem zu erreichen. Die Trennung der Schüler werde zudem „nicht prinzipiell infrage gestellt“. Als Ursache für den Mangel an Inklusion machte die Vertreterin der größten Oppositionspartei einen fehlenden natürlichen Umgang mit Inklusion im Schulwesen aus. Zwar begrüßte Mergen die Tatsache, dass die Entscheidung der Eltern, ob ihr Kind im Regelunterricht bleiben oder sonderpädagogisch begleitet werden soll - überlassen bleibt. Sie stellte allerdings auch fest, dass in manchen Fällen großer Druck auf den Eltern lastet - sie sprach von „geballtem Widerstand“ von Lehrern. Der Minister setzt indes darauf, dass die Schulen durch die unterschiedlichen Reformen und das zusätzliche Personal in Zukunft besser auf diese Aufgabe vorbereitet sind und dass es auf diese Weise nicht bei einer „theoretischen“ Entscheidungsfreiheit bleibt.

Georges Engel (LSAP) bemerkte: „Unser öffentliches Bildungssystem muss sich so nah wie möglich dem Leitbild der Inklusion annähern“. Dafür würden adäquate Mittel und Personal gebraucht. In Fällen, in denen eine intensivere Betreuung benötigt wird, sei es wichtig, „dass es im Interesse des Kindes ist, nicht im Interesse der Schule“.

Gilles Baum (DP) sprach von einer „grundlegenden Reform der Ediff (éducation différenciée, d.R.) zum Wohle des Kindes“. Josée Losché (déi gréng) wies darauf hin, dass bei der Umsetzung noch viele Fragen zu beantworten seien, beispielsweise wie sich die personelle Verstärkung in der Sonderpädagogik auf den Lehrermangel auswirken wird. Meisch zufolge seien innerhalb von zwei Jahren rund 300 Posten zu den bestehenden 560 hinzugekommen.

Dreistufiges System

Die acht Kompetenzzentren auf nationaler Ebene vervollständigen das bereits durch frühere Reformen eingeleitete, dreistufige System. Vor Ort sollen 150 spezialisierte Lehrkräfte (sogenannte I-EBS), die über den Zeitraum von vier Jahren eingestellt werden, direkt die Grundschulen entlasten. Auf regionaler Ebene sind die 15 stellvertretenden Direktoren für die Organisation der „équipes de soutien des élèves à besoins éducatifs particuliers ou spécifiques“ (EBES) zuständig. Aufgaben dieser Teams ist es, eine erste Diagnose zu erstellen und die weitere Begleitung in die Wege zu leiten, sollte dies erforderlich sein.

Die Kompetenzzentren sollen unter anderem einen individuellen Erziehungsplan für Kinder mit spezifischem Bedürfnis ausarbeiten, die Entwicklungen in der Forschung verfolgen und Lehrer coachen.

Fünf bestehende, drei neue Kompetenzzentren

Fünf Kompetenzzentren bauen auf bestehende Strukturen auf. Aus dem „Centre de logopédie“ wird das Zentrum zur Entwicklung der sprachlichen, auditiven und kommunikativen Kompetenzen. Das „Institut pour déficients visuels“ soll künftig das Zentrum für die Entwicklung der Kompetenzen im Zusammenhang mit dem Sehvermögen werden.

In das Zentrum für die motorische und körperliche Entwicklung wird das „Institut pour infirmes moteurs cérébraux“ integriert. Die verschiedenen „Centres régionaux d‘éducation différenciée“ werden Bestandteil des „Centre pour le développement intellectuel“. An fünfter Stelle folgt das auf Autismus spezialisierte Zentrum.

Neu sind die drei Kompetenzzentren für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten („développement socio-émotionnel), für Lernschwierigkeiten (Dyslexie,...) und für Hochbegabte. Mit den drei neuen Zentren würden „schwarze Löcher“ abgedeckt werden, so Meisch. Bisher seien etwa viele Eltern gezwungen gewesen, ihre Kinder ins Ausland zu bringen. „Wir legen hier den Grundstein für eine kohärente Betreuung“, führte der DP-Minister aus.

Der Ressortminister will der Regierung zudem vorschlagen, das Zentrum für Kinder mit Lernschwierigkeiten für ihren Einsatz nach Großherzogin Maria Teresa zu benennen.

Hinzu kommt noch eine Agentur, die Jugendliche und ihre Eltern auf ihrem weiteren Weg nach der Schulzeit begleiten und unterstützen soll. Aufgabe der „Agence de transition à la vie active“ ist es demnach, beim Zugang zur Berufsausbildung, zum Arbeitsmarkt oder einer Tagesstruktur zu helfen. Damit eine Vernetzung zwischen den einzelnen Institutionen stattfindet, werden die Direktionen der einzelnen Zentren, der Agentur und ein Vertreter des Erziehungsministeriums in einem Kollegium vertreten sein.

Die nationale Inklusionskommission (CNI) wird zudem die derzeitige nationale „commission médico-psycho-pédagogique“ ersetzen. Die CNI wird sich mit allen Anfragen befassen, sei es für eine ambulante Intervention in der Klasse oder für eine Sonderbeschulung. Ihre Aufgabe ist es, diese Anträge zu prüfen und gegebenenfalls bei den Kompetenzzentren eine spezialisierte Diagnose in Auftrag zu geben. Daraufhin schlägt sie Maßnahmen vor, die allerdings nur mit der Zustimmung der Eltern oder des erwachsenen Schülers auch umgesetzt werden können.