LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Durch Luxemburgs Mehrsprachigkeit eine geringere Anfälligkeitfür Demenz? - Das untersucht Dr. Magali Perquin am LIH

Sind Senioren in Luxemburg bedingt durch die praktizierte Mehrsprachigkeit weniger anfällig für Demenz? Dieser spannenden Frage geht Dr. Magali Perquin vom „Department of Population Health“ am „Luxembourg Institute of Health“ (LIH) nach. Zusammen mit Professor Nico Diederich, Neurologe am „Centre Hospitalier de Luxembourg“ (CHL), und ihren Mitarbeitern hat sie deshalb das Projekt „MemoLingua“ ins Leben gerufen, für das sie 80 freiwillige Teilnehmer sucht. „Wir wollen verstehen, welchen Einfluss Mehrsprachigkeit auf das Gehirn hat“, erklärt die Wissenschaftlerin im „Journal“-Gespräch. Das Forschungsteam überprüft die Annahme, dass bei mehrsprachigen Personen mehr oder stärkere Verbindungen im Gehirn entstehen.

Im Rahmen des Projekts arbeitet das Team mit den Professoren Juraj Kukolja und Gereon Fink von der Universität Köln und dem Forschungszentrum Jülich zusammen. Dieses Zentrum gilt als international anerkanntes Zentrum für „Neuroimaging“. Hier nutzt man bildgebende Verfahren wie funktionelle Magnetresonanz (fMRI) zur Erforschung des zerebralen Nervensystems.

Erweiterung der kognitiven Reserve

Ohne die Bereitschaft von Freiwilligen zur Teilnahme an einer früheren Studie hätten die Wissenschaftler am LIH die Hypothese wohl nicht aufstellen können, dass die praktizierte Mehrsprachigkeit im Alltag wahrscheinlich zu einer Erweiterung der kognitiven Reserve führt. In der wissenschaftlichen Literatur geht man Dr. Perquin zufolge davon aus, dass ein Leben mit vielen kognitiv stimulierenden Erfahrungen - reicher sozialer Austausch, gesunder Lebensstil, Sport oder auch eine gesunde Ernährung - vor einem Abbau kognitiver Fähigkeiten schützen kann. Da es sich um viele zusammenwirkende Faktoren handelt, wollen die Wissenschaftler mit dem Projekt „MemoLingua“ genauer herausfinden, welcher Stellenwert dabei die Mehrsprachigkeit einnimmt.

Die Besonderheit der Mehrsprachigkeit in Luxemburg spielt eine zentrale Rolle. Anders als in Ländern wie Kanada oder der Schweiz ist die Mehrsprachigkeit Luxemburgs alltäglich und landesweit anzutreffen. Das ermöglicht die Überprüfung der Hypothese, dass es einen Zusammenhang zwischen Mehrsprachigkeit und einer geringeren Anfälligkeit für eine Demenz gibt. „Menschen, die mehrere Sprachen intensiv, dauerhaft und früh praktizieren, entwickeln eine kognitive Reserve“, erklärt Dr. Perquin. „Mit einer höheren kognitiven Reserve entwickeln diese Menschen erst später, weniger gravierende oder sogar gar keine Demenzsyndrome“.

Überraschende Ergebnisse

Wie aber kam es eigentlich zu dieser Theorie? Von 2008 bis 2011 führte Dr. Perquin vom LIH die „MemoVie“-Studie in Zusammenarbeit mit dem CHL durch. Auf der Grundlage einer repräsentativen Stichprobe von 438 Personen im Alter von über 64 Jahren war es möglich, genauere Schätzungen über den Anteil der unter Demenz leidenden oder über Kognitionsstörungen berichtenden Menschen innerhalb der luxemburgischen Bevölkerung aufzustellen.

Für viele Erkrankungen erstellt man globale Schätzungen, die man auf die Gesamtbevölkerung eines Landes bezieht. Das Ergebnis der Studie überraschte die Wissenschaftler, als sich zeigte, dass es weniger Demenzerkrankungen in Luxemburg gibt als in andern Ländern. „Der Anteil von Personen, die an einer Demenz leiden, ist erstaunlich niedrig im Vergleich zu Zahlen, die aus anderen Ländern hervorgehen. Für Europa beispielsweise ermittelten vergleichbare Studien einen Anteil von 6,4 Prozent, für Lateinamerika 7,1 Prozent und für Kanada acht Prozent.“ In Luxemburg hingegen leiden der Studie zufolge nur 3,8 Prozent der älteren Bevölkerung an einer Demenz. Natürlich bedürfe es noch weiterer Studien, um die aktuellen Erkenntnisse zu bestätigen, betont Dr. Perquin.

Laut Studie treten subjektive Gedächtnisschwierigkeiten ohne diagnostizierte Demenz bei 26,1 Prozent der Bevölkerung auf. Die Zahl der Feldstudien in diesem Bereich ist laut Dr. Perquin jedoch erstaunlich gering. Das LIH zieht zum Vergleich eine repräsentative Studie aus Australien heran, der zufolge sich 33,5 Prozent der Teilnehmer über Gedächtnisstörungen beklagten. In Luxemburg ist der Prozentsatz also auch hier geringer.

Aber es gibt noch ein anderes Argument, auf das sich die Wissenschaftler berufen: Auch die Zahl der gesunden Lebensjahre falle in Luxemburg leicht höher aus als in andern Ländern.

Die Verbindung zum Faktor Mehrsprachigkeit entstand indes durch eine vor einigen Jahren durchgeführte Studie des gleichen Forschungsteams. Man fand heraus, dass Mehrsprachigkeit in Luxemburg eine Art Schutzfaktor vor Kognitionsstörungen darstellt - insbesondere bei Menschen, die mehr als drei Sprachen sprechen.

„Wir hoffen, dass es ein großes Interesse für die Teilnahme an unserer neuen Studie ,MemoLingua‘ gibt“, sagt Dr. Perquin, die sich bei dieser Gelegenheit bei den freiwilligen Teilnehmern der „MemoVie“-Studie bedanken will, ohne die es nicht zum jetzigen Projekt gekommen wäre.

  •  Für weitere Informationen zur Teilnahme können Sie eine Nachricht bei Dr. Perquin (Tel.: 26 97 07 44, E-Mail: magali.perquin[at]lih.lu )oder Frau Caldarelli (Tel.: 26 97 07 74, E-Mail:nadia.caldarelli@lih.lu) hinterlassen