LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Recht auf Unterricht statt Schulpflicht: Krankenhauslehrer Bob Kirsch über seinen Beruf

Eine Krankheit kann das Leben eines Kindes oder eines Jugendlichen komplett auf den Kopf stellen. Muss der junge Patient über einen längeren Zeitraum stationär behandelt werden, ist bald vom normalen Alltag nichts mehr übrig. „Wir wollen den Kindern ein Stück Normalität zurückgeben“, erklärt Bob Kirsch. Seit sechs Jahren unterrichtet er hauptberuflich als Lehrer im „Centre Hospitalier de Luxembourg“ (CHL) und ist außerdem Schatzmeister der „Hospital Organisation of Pedagogues in Europe“ (HOPE). Wir wollten mehr über seinen Beruf und die europäische Initiative erfahren.

Welche Ziele verfolgt HOPE?

Bob Kirsch Kinder, die wegen einer Krankheit die Schule über einen gewissen Zeitraum nicht besuchen können, sollen den Anschluss nicht verlieren. Sie haben ein Recht auf Unterricht. HOPE setzt sich für dieses Recht ein. 400 Personen oder Institutionen aus 25 Ländern gehören dem europäischen Netzwerk mittlerweile an. Insbesondere geht es darum, den Austausch zwischen den Professionellen auf diesem Gebiet zu fördern. Oberstes Ziel von HOPE und den Krankenhauspädagogen ist es, trotz Krankheit eine gewisse Kontinuität aufrechtzuerhalten und den Patienten zumindest ein kleines Stück Normalität zurückzugeben. Im Krankenhaus werden sie nun einmal hauptsächlich als Patienten wahrgenommen. Gibt man ihnen die Möglichkeit, an einem Unterricht teilzunehmen, verbindet sie dies mit ihrem Alltag, den sie vor der Erkrankung hatten, was sich wiederum positiv auf die Psyche auswirkt. Gleichzeitig bleiben sie mit dem Lernen konfrontiert, was die spätere Rückkehr in die Schule erleichtert. HOPE setzt sich zudem dafür ein, dass der Kontakt mit der Heimatschule bestehen bleibt. Die Krankenhauslehrer informieren sich beim Klassenlehrer über das Programm oder anstehende Projekte und lassen sich gegebenenfalls Material schicken. Wir versuchen so sicherzustellen, dass das Kind seinen Platz in der Schule behält.

Ist der Unterricht individuell ausgerichtet?

Kirsch Das variiert von Fall zu Fall, abhängig selbstverständlich vom jeweiligen Gesundheitszustand. Bei schwer kranken Kindern steht weniger der Lernstoff im Mittelpunkt, als vielmehr das Ziel, ihnen eine gewisse Ablenkung zu bieten. Bei Patienten, die einen Unfall hatten oder vielleicht aus einem Koma erwacht sind, muss hingegen eine komplette Rehabilitation gemacht werden. Es geht dann darum, die kognitiven Fähigkeiten langsam und so weit wie möglich wieder aufzubauen. Lehrer, die in der Kinderpsychiatrie tätig sind, haben noch einmal eine etwas andere Rolle. Schule und Lernen sind für diese Kinder ohnehin oft ein schwieriges Pflaster. In diesen Fällen kommt die Rolle des Pädagogen hinzu. Dessen Aufgabe ist es, die Kinder wieder ans Lernen heranzuführen oder sie mittels anderer Methoden dafür zu begeistern, und so letztendlich ihre Reintegration - nach dem Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie - vorzubereiten. Meistens geht der Unterricht nicht über eine oder zwei Stunden am Tag hinaus. Wir versuchen Prioritäten zu setzen und zumindest einen Teil des Programms durchzunehmen. Wenn es dem Patienten gesundheitlich möglich ist, geben wir auch Hausaufgaben auf oder machen Prüfungen.

Wie viele Krankenhauslehrer gibt es in Luxemburg?

Kirsch Die Situation hat sich seit dem neuen Schulgesetz von 2009 etwas verändert, weil zeitgleich die „classes d’enfants hospitalisés“ geschaffen wurden. Vorher gab es aber auch schon ein oder zwei Lehrer in der Kinderklinik, die damals von der Stadt Luxemburg zu diesem Zweck freigestellt wurden. Im CHL sind momentan vier Lehrer für Grundschüler hauptberuflich angestellt, zwei in der Pädiatrie und zwei in der Kinderpsychiatrie. Sie teilen sich drei Klassensäle. Patienten, die ihr Zimmer nicht verlassen können, werden direkt am Krankenbett unterrichtet. Ein weiterer Lehrer arbeitet im „Rehazenter“. In der Jugendpsychiatrie auf Kirchberg sind Sekundarlehrer aktiv, dies aber nicht hauptberuflich, sondern nur punktuell für verschiedene Fächer. Hinzukommen Lehrer, die kranke Kinder oder Jugendliche zuhause unterrichten. Es soll gewährleistet werden, dass sie nicht zu viel verlieren und im Rhythmus bleiben. Was die Jugendlichen anbelangt, so ist laut Schulgesetz das Lyzeum verantwortlich, den Unterricht im Falle einer längeren Krankheit zu organisieren. In vielen Schulen klappt das schon ganz gut.

Gibt es bestimmte Voraussetzungen oder eine spezielle Ausbildung für Krankenhauslehrer?

Kirsch Das ist je nach Land unterschiedlich. In Luxemburg ist in einer großherzoglichen Verordnung festgehalten, wie der Unterricht für kranke Kinder organisiert sein muss. Eine Zusatzausbildung wird als Vorteil gesehen, ist aber nicht Pflicht. Die meisten Lehrer kommen übrigens aus dem normalen System, waren also vorher in einer öffentlichen Schule tätig, und haben eine Zusatzausbildung, etwa in Pädagogik.

Trifft das auch auf Sie zu?

Kirsch Ja, ich habe im „Modulaire“ gearbeitet. Zusätzlich habe ich einen Master in Psychopädagogik und an verschiedenen „Coaching“-Weiterbildungen teilgenommen.

Was hat Sie dazu bewegt, zu wechseln?

Kirsch Ich war in gewisser Weise auf der Suche nach etwas Neuem, oder vielmehr nach einer Art und Weise zu arbeiten, bei der ich als Lehrer nicht mehr als Einzelkämpfer vor der Klasse stehe. Jetzt arbeite ich in einem multiprofessionellen Team. Gemeinsam versuchen wir, herauszufinden, wo die Schwierigkeiten des Schülers liegen und wie wir ihm helfen können. Ich bin hauptsächlich im Tageszentrum der Kinderpsychiatrie tätig. Zum einen beschäftigen sich dort Erzieher oder psychomotorische Ergotherapeuten intensiv mit dem Kind. Zum anderen wird viel Wert auf die Zusammenarbeit mit den Eltern gelegt. Auch die Lehrer, Psychologen und Psychiater werden eingebunden. Das Konzept hat mir von Anfang an gefallen, weil wir im Team - jeder aus seinem Blickwinkel - die nötige Zeit haben, die Schwierigkeiten des Kindes zu denken, uns mit seinem Verhalten auseinanderzusetzen und es dementsprechend bestmöglich zu betreuen. Diese Vorgehensweise ist in einer normalen Schule einfach nicht möglich.

Nimmt einen das Schicksal eines kranken Kindes nicht manchmal zu sehr mit?

Kirsch Damit man nicht zu viel mit nach Hause nimmt, haben wir einmal pro Woche eine Teamversammlung, um darüber zu reden, wie man das selbst erlebt oder wie man damit umgehen kann. Wenn man jeden Tag mit dem Leiden, insbesondere von Kindern, konfrontiert wird, ist es wichtig, sich auszutauschen. Manchmal stirbt einer unserer Schüler an Krebs. Natürlich ist das schwer. Es ist deshalb wichtig, Abstand zu nehmen und das Ganze voneinander zu trennen. Als Lehrer muss ich mir vor Augen halten, dass ich fürs Lernen zuständig bin und dort mein Bestes gebe. Der Krankheitsverlauf und die Behandlung sind Aufgabe des Arztes. Mir würde es schwerer fallen, diese Last auf meinen Schultern zu tragen. Vor kurzem hat sich der Vorstand von HOPE in Luxemburg getroffen. Gab es einen bestimmten Anlass?

Kirsch Die Vorstandsmitglieder wollten sich vor Ort ein Bild der Situation machen. Neben einem Besuch im CHL und im „Rehazenter“ stand auch ein Treffen mit Minister Claude Meisch auf der Tagesordnung. Einen besonderen Anlass gab es aber nicht, der Vorstand trifft sich alle sechs Monate in einem anderen Land, um sich einen generellen Überblick darüber zu verschaffen, wie es in Europa um den Unterricht für kranke Kinder bestellt ist. Natürlich gehört eine gewisse Lobbyarbeit dazu. Es geht darum, die Verantwortlichen aus der Politik und anderen Bereichen daran zu erinnern, wie wichtig der Unterricht für kranke Kinder ist. Leider wird das oft vergessen.


Mehr zu HOPE im Netz unter www.hospitalteachers.eu