KÖLN
JEFF KARIER

Gamescom 2015: Zu Besuch in der virtuellen Realität mit HTC Vive

Es ist 9.00 und ich stehe ich in Halle 10.1 der Gamescom, der weltweit größten Messe für interaktive Unterhaltungselektronik vor einem vergleichsweise kleinen und unauffälligem Stand. Etwa 16 Stunden vorher stand ich schon mal hier und bekam noch einen der begehrten Termine, um das Neueste aus dem Hause HTC testen zu können, die „HTC Vive“.

Echte Neuheit

Bei der „HTC Vive“ handelt es sich um eine Technologie, mit der man die virtuelle Realität betreten kann - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn anderes als bei Konkurrenz-Konzepte besteht „HTC Vive“ nicht nur aus einer Brille, mit der man sich in einem virtuellen Raum wie in der Realität umschauen kann, sondern noch aus zwei Controllern, die man dazu benutzen kann, um im virtuellen Raum mit Objekten zu interagieren. Das wirklich Besondere ist aber, dass man mit „HTC VIVE“ im virtuellen Raum umherlaufen kann. Die Chance diese neue Technologie testen zu können, will ich mir nicht entgehen lassen.

Mit einer Mischung aus Vorfreude und Anspannung werde ich von Heidi in Raum Nummer drei - insgesamt gibt es sechs abgedunkelten Räume - geführt. In der Mitte des in etwa vier mal vier Meter großen Raumes liegt das Objekt der Begierde, zusammen mit den zwei dazugehörigen Controllern. Ich blicke mich um und entdecke unter in zwei Ecken der Decke jeweils ein Lasersensor, der die Position der Brille und der Controller ermittelt. Direkt neben dem Eingang, durch den ich gerade gekommen bin, steht der Computer, an den das ganze System angeschlossen ist und auf dem die dazugehörige Software läuft.

Die virtuellen Realität

Heidi nimmt die Brille und setzt sie mir behutsam auf. Mit breiten Gummibändern ist die Brille am Kopf befestigt. Ich sehe Heidi und den abgedunkelten Raum nicht mehr, sondern einen gräulichen Raum, der an das Holodeck aus „Star Trek“ erinnert. Ich bin jetzt in der virtuellen Realität. „So und jetzt gebe ich Dir die Controller“, meint Heidi, die immer noch vor mir steht, ich aber nur noch als Stimme wahrnehme. Plötzlich schweben die beiden Controller, die bislang auf dem Boden lagen, mir entgegen. Ich greife nach ihnen, sehe meine Hände aber nicht. Ein seltsames und zugleich unbeschreiblich aufregendes Gefühl und dabei hat die eigentliche Präsentation noch gar nicht begonnen. Mit den Controller in Händen beginne ich, diese durch den virtuellen Raum zu bewegen. Es ist keine Verzögerung zu erkennen, keine ruckartigen oder falsch wiedergegebenen Bewegungen meiner Hände - beeindruckend.

Zu guter Letzt setzt mir Heidi noch die Kopfhörer auf. „Jetzt versuch mal, einige Schritte zu gehen“, sagt Heidi, die ich nun über die Kopfhörer höre. Nach vier Schritten wird ein Gitter in den virtuellen Raum eingeblendet, das die Mauern des echten Raumes darstellt, damit man nicht gegen die Wand läuft. Das ist möglich, da zum einen die zwei Lasersensoren in den Ecken des Raumes diesen abtasten und weil in der Brille Kameras eingebaut sind. Durch dieses Gitter fühle ich mich endgültig wie auf dem Holodeck der Enterprise.

Heidi beginnt, mir einige Erklärungen zu den Controllern zu geben. Mit dem rechten Controller soll ich über eine Art Trackpad eine Farbe auswählen und einen weiteren Knopf drücken. Gesagt, getan - und ehe ich mich versehe, entsteht über meinem Controller ein orangener Luftballon, den ich mit der linken Hand weckkicke. Dieser fliegt physikalisch vollkommen korrekt durch den Raum. Es folgen Ballon Nummer zwei und drei, bevor die erste Demo beginnt.

Bitte nur keinen Hai

Ich befinde mich unter Wasser auf einem Schiffswrack. Um mich herum schwimmen unzählige kleine Fische, die ich mit meinen Controllern wegscheuchen kann. Ich gehe einen Schritt nach vorne, blicke über den Rand des Wracks und in einen tiefen Abgrund. Als ob ich in einen echten Abgrund blicken würde, wird mir etwas schwummerig und geh wieder einen Schritt zurück.

Plötzlich schwimmt ein Rochen an mir vorbei und ich hoffe, dass jetzt kein Hai kommt. Als ob die Demo meine Gedanken lesen könnte, bewegt sich etwas hinter mir und ich höre ein tiefes Grollen. Ich drehe mich um und stehe einem Blauwal gegenüber, der langsam heranschwimmt. Als sein Auge sich auf gleicher Höhe mit mir befindet, blickt dieses riesige virtuelle Tier mich an. Ich fühle mich plötzlich sehr klein. Nach einigen Sekunden schwimmt der Wal weg und verabschiedet sich mit einem gewaltigen Flossenschlag, der das ganze Wrack und mich erschüttert.

Unglaubliches Potenzial

Als nächstes stehe ich wie ein Riese auf einem Miniaturschlachtfeld mit Zinnsoldat, nur bewegen sich diese Soldaten. „Knie Dich mal hin“, höre ich Heidi über die Kopfhörer sagen und ich geh in die Knie. Ich schaue mir das wilde Treiben aus allen möglichen Perspektiven an. Da kommt mir ein Gedanke: „Wäre es nicht toll, wenn man auf dieselbe Art und Weise auch echte Schlachten wie Waterloo erleben könnte?“ Es folgt ein Küchensimulator, in dem ich Messer, Bücher und Zutaten mit den Controllern greifen kann, durch die Gegend schmeißen oder sogar ein Rezept nachkochen kann. Mir wird klar, wie viel Potenzial „HTC Vive“ nicht nur für Computerspiele hat. Gebäude könnten vor dem Bau begangen, Operationen geübt und Geschichte erlebt werden.

Die vierte Demo ist simpel und vermutlich genau deswegen auch so beeindruckend: Malen im virtuellen Raum. Auf dem linken Controller kann man sich in einem Menü die verschiedenen Werkzeuge anschauen, wählt diese dann mit dem rechten Controller aus und malt drauf los. Zunächst male ich mit grüner Ölfarbe einige Wellen und Schleifen, bis ich dann merke, dass man ja auch in die Tiefe malen kann. Nach ein oder zwei Minuten und weiteren Werkzeugen stehe ich nun in einer Kuppel aus bunten Farben und Licht. Mir fällt auf, dass ich mich während des Malens nicht vom Fleck gerührt habe und mache drei Schritte weg von meiner Lichtkuppel. Mit einem neuen Blick auf mein Werk bin ich noch tiefer beeindruckt und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Die letzte Demo ist ein kleines Haus aus einem Fanatsy-Spiel. Neben mir auf dem Boden steht eine Art Drache mit einem Fisch im Maul und starrt mich von unten mit wedelndem Schwanz an, als ein dicklicher Mann das Haus betritt und mich mit den Worten „Hello my friend“ begrüßt. Er gibt mir sein Licht und ich beginne den Raum zu erforschen, während er weiter erzählt. „So könnte ein echtes Spiel mit der Vive aussehen“, denke ich mir.

Nach dem etwa 20 Minuten ist alles vorbei und ich muss Raum drei wieder verlassen. Der englischsprachige Mann, der mir am Vortag den Termin verschafft hat, fragt mich, wie es mir gefallen hat und ob ich Probleme hatte. „Probleme hatte ich eigentlich keine“, meine ich zu ihm, „aber ich hatte eine Menge Spaß“. Beim Verlassen des Standes geht mir nur ein Gedanke durch dem Kopf: „Egal, was das Ding kostet, ich werde es mir holen!“