LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Vor 70 Jahren kehrte Großherzogin Charlotte aus dem Exil zurück – Was das für das Land bedeutete

Am 14. April 1945 kehrte Großherzogin Charlotte nach knapp fünf Jahren im Exil - am 10. Mai 1940 waren die großherzogliche Familie und die Regierung nach dem Einmarsch der deutschen Truppen geflohen - in ein von der Nazi-Besatzung traumatisiertes Luxemburg zurück. 70 Jahre danach wird dem heute bei einer feierlichen Zeremonie in der Hauptstadt gedacht. Ein Gespräch mit dem Historiker Steve Kayser über die Umstände der Rückkehr der Staatschefin und deren Bedeutung für das Nachkriegs-Luxemburg.

Herr Kayser, bereits im September 1944 waren große Teile Luxemburgs befreit. Großherzogin Charlottes Mann Felix und Erbgroßherzog Jean waren damals bereits mit dem Tross der Alliierten in Luxemburg gewesen. Weshalb dauerte es noch knapp sechs Monate, bis Charlotte in ihre Heimat zurückkehrte, wo sie sehnsüchtig erwartet wurde?

Steve Kayser Man riet ihr, noch ein wenig abzuwarten, denn es gab ja ein bedeutendes Sicherheitsproblem. Die deutschen Verbände in der Nähe Luxemburgs waren immer noch stark genug, um zu einem Gegenschlag auszuholen, was ja mit der Ardennenoffensive von Dezember 1944 bis Januar 1945 dann auch geschah. Die Menschen waren verunsichert. Zudem herrschte eine doch recht große politische Instabilität im Land.

Die Exilregierung war zwar seit dem 23. September offiziell wieder im Land, doch arbeitete man parallel auch noch zum Teil von London aus. Seit Anfang September war es denn auch die Union der Resistenzbewegungen in Luxemburg mit ihrer Miliz, die im Einklang mit dem US-Kommando die öffentliche Ordnung aufrechterhalten sollte. In jenen Reihen wurden auch politische Machtansprüche für das Nachkriegs-Luxemburg laut. Es war längst nicht klar, wer das Sagen hatte. Es war auch längst nicht klar, ob das Land frei von Nazi-Sympathisanten war, die im Falle des Falles Anschläge hätten unternehmen können. Die Epurationen waren voll im Gange … auch mit ihren Schattenseiten. Erst am 12. März 1945, als General Eisenhower verkünden ließ, dass Luxemburg völlig befreit war, konnte eine Normalisierungsphase einsetzen. Aber auch im April 1945 war man noch vorsichtig. Seit Ostern, wusste die Bevölkerung, dass die Großherzogin bald zurückkehren würde, aber wann genau, das blieb aus Sicherheitsgründen bis zum Morgen des 14. April geheim.

War mit der Rückkehr der Großherzogin für die meisten Luxemburger der Krieg endgültig vorbei?

Kayser Das Symbol der Souveränität des Landes und der Kontinuität seiner Unabhängigkeit war wieder da. Nach harten Jahren taten sich für Luxemburg endgültig wieder Zukunftsperspektiven auf. Der Krieg war aber für viele Familien längst nicht vorbei: So mancher Freiheitskämpfer, aber vor allem tausende politische Häftlinge und Deportierte, Umgesiedelte und Zwangsrekrutierte waren noch längst nicht alle zuhause. Das wusste Charlotte und betonte dies auch in ihren Reden anlässlich der Rückkehr. Im Kriegschaos war es unheimlich schwer, etwas über sie zu erfahren. Viele Familien, besonders im Norden des Landes, standen vor dem Nichts, weil ihr Hab und Gut in der Ardennenoffensive zerstört wurde. Eine der ersten wichtigen Handlungen der Großherzogin nach ihrer Rückkehr war eine Tournee durch das Land. Sie sah es als ihre Pflicht an, das Leid der Menschen zu teilen und sie, so gut es ging, zu unterstützen. Das war immer eine Priorität für sie gewesen. Charlotte hatte sich bereits in Vorkriegszeiten stark für soziale Werke eingesetzt, was nicht zuletzt zu ihrer großen Beliebtheit beitrug. Während des Exils hatte sie unermüdlich in Amerika für Unterstützung geworben, um die Kriegsbemühungen gegen das Reich und den Wiederaufbau nach Ende des Krieges zu sichern. Wichtig zu erwähnen in diesem Kontext ist auch die Gründung der Oeuvre nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte, die bereits im Dezember 1944 erfolgte.

Wie war die Tragweite dieser Bemühungen in Bezug auf die Positionierung Luxemburgs in der neuen Weltordnung nach dem Krieg?

Kayser Sie waren von größter Bedeutung. Erstens sollte man allgemein im Hinblick auf das Exil feststellen, dass die Großherzogin 1940 den richtigen Entschluss gefasst hatte. Nur so konnten die Luxemburger Eigenständigkeit und Unabhängigkeit politisch überleben. Fehler aus dem 1. Weltkrieg wurden vermieden. Durch den mehr als symbolträchtigen Link über den von den Nazis verbotenen Feindsender BBC wurde die Staatschefin ihrer Einheit und Zusammenhalt stiftenden Rolle gerecht . Das notwendige Kit für den Wiederaufbau war somit gegeben. Zweitens konnte das Großherzogtum endlich dem überholten internationalen Statut der entwaffneten Neutralität definitiv den Rücken kehren. Drittens erlaubte man dem Land, sichtbar zu werden und nach Ende des Krieges die neue Weltordnung aktiv mitzugestalten. Luxemburg war nicht zuletzt durch seine sehr charismatische Großherzogin, die eine echte „Grande Dame“ war und ausgezeichnete Beziehungen zu US-Präsident Roosevelt und anderen Staats- und Regierungschefs und - vertretern wie Sir Winston Churchill oder General de Gaulle pflegte, bekannt und anerkannt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie schon lange vor Kriegsende gemeinsam mit der Exilregierung das Fundament für die Rolle des Großherzogtums nach dem Zweiten Weltkrieg legte.