TRIER
CATHERINE NOYER

In freier Wildbahn hätte das Amselküken nicht überlebt - Sabine L. zog es als Ersatzmutter groß

Neugierig fliegt das Amselweibchen im Wohnzimmer umher. Sitzt auf dem Fernseher, wagt sich immer näher, um schließlich auf der Schulter der Journalistin zu landen. „Am Anfang ist sie etwas scheu, aber die Neugier siegt. Dann muss sie alles näher betrachten“, lacht Sabine L., die das Amselkind groß gezogen hat.

Begonnen hat die ungewöhnliche Geschichte an ihrem Arbeitsplatz, einem Baumarkt, in dessen Freigelände ein Amselpärchen sein Nest baute. „Das war im April des Jahres. Es waren vier Eier im Nest, wir fütterten die Vögel während der Brutzeit und sahen die Küken schlüpfen“, erinnert sie sich. Das Tieridyll wendete sich zum Drama, als ein Rabe sich zwei der gerade mal einen Tag alten Jungen packte und davonflog. „Die Amselmutter passte zwar gut auf das letzte Küken auf, aber diesmal griff der Rabe die Mutter an, die total verängstigt das Nest verließ und nicht zurückkam.“ Das letzte Vogelkind lag allein im Nest, denn auch der Amselvater ließ sich nicht mehr blicken. Der Rabe kam zurück, um sich seine weitere Beute zu schnappen. Bei dieser Aktion fiel das Vogeljunge aus dem Nest in ein darunter stehendes Regal, wo es für den Raben unerreichbar war.

„Meine Kollegen riefen mich und ich nahm es vorsichtig heraus. Als es auf meiner Hand lag, atmete es tief durch als Zeichen, dass es noch lebte“. Sabine L. legte das mit leichtem Federflaum bedeckte Tier ins Nest, deckte es zu, damit es nicht total auskühlte und nahm es mit nach Hause. Ihr Lebensgefährte besorgte Aufzuchtfutter - getrocknete Insekten, die in Wasser aufgelöst werden.

Per Internetanzeige suchte sie einen Käfig und erhielt drei Angebote, unter anderem von einem Züchter, mit dem sie später in Kontakt blieb und der ihr wertvolle Tipps gab. Zunächst galt es, den Hühnerei-großen Vogel, der 49 Gramm auf die Waage brachte, regelmäßig zu füttern. „Das bedeutete einmal pro Stunde mit der Pinzette - und zwar von sechs Uhr morgens bis halb zehn abends“, erinnert sie sich.

Leibgericht: Mehlwürmer und Rosinen

Mit zunehmendem Alter wurden die Fütterungsabstände und die Futtermengen größer. Das Vogelküken erhielt den Namen „Tweety“, wurde täglich gewogen und entwickelte sich zu einer ansehnlichen Amseldame.

„Da sie am Anfang immer piepste, legte ich ihr einen kleinen Teddy ins Nest, an den sie sich sofort kuschelte und der sie beruhigte. Den hat sie heute immer noch im Käfig. Wenn ich versuche, ihn heraus zu nehmen, protestiert sie auf das heftigste“, lacht Sabine L.

Probleme gab es, als Tweety die Federn am Hals verlor und die Vogelersatzmutter deswegen in einer Tierklinik anrief. Dort sage man ihr, sie müsse den Vogel abgeben, da die Haltung von Wildvögeln gesetzlich verboten sei. „Wir konsultierten eine andere Tierärztin, die die Amsel untersuchte. Sie war begeistert von unserem Engagement für den kleinen Vogel und dass wir ihn groß gezogen hatten. Die verlorenen Federn entsprachen der ersten großen Mauser und unser Vogel war kerngesund“.

Den frühen Verlust seiner Eltern hätte Tweety ohne die Hilfe von Sabine L. nicht überlebt. Den Transport in eine Wildtierstation wohl auch nicht. „Entweder schnell handeln, oder ihn verenden lassen. Letzteres war für mich kein Thema, also habe ich gehandelt“, blickt sie zurück. Acht Monate alt ist Tweety mittlerweile und an Auswildern ist nicht zu denken, da sie nichts von ihren Vogeleltern lernen konnte, um in der freien Natur zu überleben.

Ihr Flugbereich ist zwar nicht vergleichbar mit dem ihrer Amselgenossen, aber dafür hat sie keine Futterprobleme: ihre Lieblingsgerichte, Mehlwürmer und Rosinen, stehen täglich auf der Speisekarte!