LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Liegt die Beweislast bei den Religionen?

Mein Nachbar ist ein komischer Kauz. Er ist bekennender Teeist. Fest glaubt er daran, dass zwischen unserem Planeten und dem Mars eine kleine Teekanne aus Porzellan elliptisch um die Sonne kreist. Ob er die Teekanne denn schon mal gesehen hätte, frage ich ihn. Nein, entgegnet er, sie sei so klein, dass kein menschengemachtes Teleskop, nicht einmal das leistungsfähigste aller leistungsfähigsten, sie bislang vor die Linse holen konnte. So nimmt er das Argument vorweg, nach dem nur das, was sinnlich erfassbar ist, tatsächlich als wirklich erkannt werden könnte. Doch wenn niemand die Kanne bislang gesehen hat, wie kann dann behauptet werden, dass sie existiere? Warum nehmen gar ganze Scharen von Leuten, sogenannte Teeisten, die Existenz dieser Teekanne als heilige Wahrheit an, versammeln sich wöchentlich und preisen dem Potte?

Nun, sagt mein Nachbar, es gibt keine guten Argumente dafür, dass die Teekanne nicht existiert, sodass es, wegen des Fehlens solcher Argumente, Unsinn sei, die Existenz anzuzweifeln. In dem Sinne fordert er, dass, wenn ich weiterhin den Finger drohend erhebe und den Dogmatismus dieser Annahme anzukreiden gedenke, ich doch zunächst mit Beweisen ankommen müsste, um die Existenz der Kanne zu widerlegen.

Entgeistert entgegne ich: „Besteht der Unsinn nicht gar darin, zu behaupten, dass etwas so wäre, bis man das Gegenteil beweisen könnte?“ Dann läge die Beweislast bei den Anzweiflern, sodass nahezu alle wissenschaftliche Absurditäten, wie etwa Spaghettimonster oder rosa Einhörner tatsächlich existierten, sie sich uns eben nur nicht zeigen. Ja, meint mein teeistischer Nachbar, es steht sogar in antiken Büchern geschrieben, dass es die Teekanne wirklich gibt, und dass sie in ihrer Barmherzigkeit im Winter allen frommen, doch fröstelnden Erdenbürgern gnädig Kamillentee ausschenkte. Sogar in der Schule gäbe es Teekannenologie, es könne also gar nicht anders sein, als dass es die Kanne wirklich gibt.

Sie ahnen es, dieses Gespräch hat nicht wirklich stattgefunden. Viel eher ist dies der Wortlaut des Teekannen-Gedankenexperiments des britischen Philosophen Bertrand Russell (1872–1970), der unter anderem in seinem 1952 als Nachschrift publizierten Artikel „Is there a God?“ ausführt, dass derjenige, der eine Behauptung äußert, auch die Beweislast dieser trägt und dass es nicht an der Wissenschaft ist, zunächst die Wahrscheinlichkeit dieser Aussage zu widerlegen, um ihr dann erst die Sinnhaftigkeit absprechen zu können. Ansonsten würde jede bizarre Annahme, und es gibt deren unzählige, apriorisch als wahrheitsgemäß gehandelt werden müssen, bevor sie dann als Humbug enttarnt würde. Einfach zu behaupten, dass etwas so sei, weil kein Beweis angeführt werden kann, dass es nicht so sei, reicht demnach nicht aus, um dieser Behauptung einen Wahrheitsgehalt zuzusprechen.

Russels Argument kreidet somit die Ansprüche aller Religionen an, die an die Existenz des übermächtigen Jemand oder Etwas glauben, ohne dafür handfeste Beweise anführen zu können. Auch das Jahrtausende andauernde Predigen und Huldigen stellt keine ausreichende Rechtfertigung aus.  Da jede Religion zudem die eigene Teekanne für die einzig wahre und haltbare hält, ergibt sich ein Sammelsurium an Behauptungen, die religionsintern teilweise noch in eigene Abspaltungen aufgeteilt sind, sodass mit selbstausgewiesenen Wahrheiten nur so jongliert wird. Dabei wird von der einen Religion auch erkannt, dass die andere Religion absurde Hypothesen anführt. Dem zum Trotz belegen Geschichte und Alltag jedoch, dass die Vehemenz der Verfechter in vielen Fällen gar Krieg, Verfolgung und Tod initiiert.

Es gibt aber nun mal keine Phänomene, die als Wirkung des übersinnlichen und ursächlichen Gottvaters erklärt werden können. Dem Kreationismus stehen Darwin und die Astrophysiker entgegen, auch wenn in einigen Gegenden dies als der eigentliche Humbug gehandelt wird. Doch wenn es wissenschaftliche, einfache Erklärungen, gibt wie physikalische Gesetzmäßigkeiten, warum sollte dann etwa eine erzürnte Gottheit für Naturkatastrophen verantwortlich sein?

Die Frage ist nun, warum sollte ich an Gott glauben, wenn ich keine belegende Gründe dafür habe? Dann dürfte ich auch an das pinkfarbene Einhorn, die Teekanne oder gar das Spaghettimonster glauben! Dem Agnostizismus gemäß wäre zu sagen, wir können nicht wissen, ob Gott existiert oder nicht, die Diskussion ist demnach für uns gegenstandslos. Russell geht dies aber nicht weit genug und bereitet dem Atheismus, der Absage an den Glauben, den Weg: „My conclusion is that there is no reason to believe any of the dogmas of traditional theology and, further, that there is no reason to wish that they were true. Man, in so far as he is not subject to natural forces, is free to work out his own destiny. The responsibility is his, and so is the opportunity“.