BETTEMBURG
SIMONE MOLITOR

Das „Kaleidoskop Theater“ spielt „Faust I“ in einer Inszenierung von Jean-Paul Maes

Ein paar weiße Laken liegen auf der Bühne. Ein Tisch, drei Stühle, eine große Leinwand im Hintergrund. Die Schauspieler nehmen ihre Positionen ein. „Wo ist das Fläschchen?“, fragt einer von ihnen. Ohne Fläschchen läuft erstmal nichts, weil es doch in dieser Szene das wichtigste Utensil ist. Wir befinden uns in Bettemburg im Festsaal des Schlosses, wo sich die Proben der Kaleidoskop-Theatertruppe gerade in der heißen Phase befinden. Am Freitag feiert Goethes „Faust I“ in einer Inszenierung von Jean-Paul Maes Premiere.

Als das Fläschchen schließlich gefunden ist, positioniert sich Mephistopheles (Tim Olrik Stoeneberg) wieder in die vordere Ecke der Bühne. „Geh ein und tröste sie, du Tor“, befiehlt er Heinrich Faust (Neven Noethig). „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer; ich finde sie nimmer und nimmermehr. Mein Busen drängt sich nach ihm hin, ach dürft ich fassen und halten ihn, und küssen ihn, so wie ich wollt, an seinen Küssen vergehen sollt!“, gesteht sich Gretchen (Rosalie Maes) ebenso sehnsuchtsvoll wie verzweifelt ein. Anders als in Goethes Werk sitzt sie nicht am Spinnrad, sondern am Tisch auf einem Stuhl, in ihrer Hand hält sie eine weiße Rose.

Originaltext, moderne Elemente

Schnell wird klar, dass sich Maes in seiner Bühnenversion zwar strikt an den Originaltext hält, sich aber nicht vor dem einen oder anderen moderneren Element scheut. So wird etwa Mephistopheles’ Lied „Was machst du mir vor Liebchens Tür...“ aus Kapitel 22 in einer ebenso gelungenen wie unterhaltsamen Rap-Version vorgetragen. Als Gretchens Bruder Valentin (Luc Lamesch) von Faust niedergestochen tot am Boden liegt, zückt einer der schaulustigen Passanten das Smartphone, um ein Foto zu schießen. Eigentlich wird aber bereits an der Kleidung der Darsteller deutlich, dass wir uns nicht mehr am Anfang des 19. Jahrhunderts befinden, als „Der Tragödie erster Teil“ erschien. Faust trägt eine Pilotenjacke aus Leder, Mephisto ein weißes Hemd. Die Füße der beiden Hauptprotagonisten stecken in hellen Sneakers. Dass Faust „Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie“ studiert hat, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Und auch in Mephisto vermutet man nicht sofort den Teufel, wenngleich er wegen seiner hochgewachsenen Statur, seinem Vollbart und seiner tiefen Stimme durchaus Eindruck macht.

Schlüsselszeneum die Gretchenfrage

Zurück im Text und mitten in eine der wichtigsten Schlüsselszenen: Die Gretchenfrage wird gestellt. „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, fragt Gretchen. Faust versucht sich in einem langen Monolog herauszureden, bleibt am Ende jedoch eine eindeutige Antwort schuldig, schließlich hat er jeglicher Religion abgeschworen und ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Mit den Worten, „Ach kann ich nie ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen“, macht Faust deutlich, wonach ihm der Sinn steht. Gretchen zögert, den Angebeteten in ihr Bett zu lassen, denn „meine Mutter schläft nicht tief“. „Hier ist ein Fläschchen“, lässt Jean-Paul Maes Mephisto in seiner Bühnenversion vorsagen, Faust das Gefäß zustecken und eben diesen Satz wiederholen. In der Originalszene ist der Teufel in diesem ausschlaggebenden Augenblick nicht zugegen. Natürlich musste Maes die gewaltige Textvorlage zusammenkürzen, was die leichte Anpassung mancher Szene der Verständlichkeit wegen unumgänglich machte. „Drei Tropfen nur in ihren Trank umhüllen mit tiefem Schlaf gefällig die Natur“, sagen schließlich beide im Chor und fällen damit das Todesurteil.

Zwei Tage vor der Premiere läuft vieles wie am Schnürchen, auch wenn sich hier und da noch einige wenige Textunsicherheiten bemerkbar machen und manche Details zu klären bleiben. Goethes Vorlage ist kein leichter Stoff, er verlangt den Schauspielern und auch dem Regisseur einiges ab. Seit Mitte November probt die Truppe, dies aber erst seit Dienstag auf der Bühne in Bettemburg. Natürlich ist das Spiel noch nicht ganz ausgereift, wer, wo in welchem Moment stehen soll, damit sich die Wirkung in dem ganzen Zuschauerraum entfalten kann, wird momentan noch akribisch ausgefeilt.

Gelungene Inszenierung

Maes gibt an diesem Morgen zwar keine großen Anweisungen mehr, über dieses Stadium ist das eingespielte Team längst hinaus, sondern allenfalls Anregungen, wie etwas noch besser gemacht werden könnte. Ein Blick, eine Geste, eine Betonung, ein Schritt. Es geht nur noch um Details. „Der Teufel steckt im Detail“, sagt Maes und lacht. Mal steht er direkt vor der Bühne, mal hinten im Saal, dann setzt er sich wieder an den Tisch vor sein Textbuch, schiebt die Brille auf die Stirn und lässt sie im nächsten Moment erneut auf die Nase gleiten, unterbricht das Spiel, erklärt, lässt mit sich diskutieren und lobt. Man sieht, dass er bereits ganz zufrieden ist, was wir an diesem Morgen durchaus nachvollziehen können. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Zuschauer ab Freitag hervorragend agierende Darsteller in einer gelungenen Inszenierung dieses großen Klassikers der Weltliteratur sehen werden.

Gespielt wird im Bettemburger Schloss am 20., 21., 25. und 26. Januar jeweils um 20.00 und am 22. Januar um 17.30. Weitere Aufführungen sind am 9., 16., 17. und 18. Februar um 20.00 und außerdem im Ettelbrücker CAPe am 9. März um 20.00. Reservierungen über ticket@kaleidoskop.lu oder Tel. 621593619. www.kaleidoskop.lu