LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Fahreindrücke vom neuen Audi e-Tron 55

Theoretisch haben wir die Elektroplattform von Audi schon letztes Jahr kennengelernt. Damals, als es noch ein Oktoberfest gab, wurde den Motorjournalisten die E-Strategie der Ingolstädter Autobauer in München vorgestellt. Fahren konnte man zwar „nur“ mit den großen Hybriden der neuesten Bauart - der Audi A8 zeigte sich dabei als absoluter Überflieger -  aber den e-Tron konnten wir zumindest statisch unter die Lupe nehmen und uns auch mit völlig neuen Konzepten vertraut machen.

Theorie...

In Zukunft ist ein E-Auto keines mehr, bei dem der Verbrenner rausgeflogen ist und statt der Tanks ein paar Batterien eingebaut wurden. Nein, bei Audi hat man das ganze Auto neu gedacht: Wie kann sich ein Elektroauto aufbauen? Wie kann die Struktur aussehen und wie funktionieren neue Antriebe? Herausgekommen ist eine ganz andere Art von Auto. Die Batterien bilden praktisch den Unterboden und sorgen so für einen tiefen Schwerpunkt. Anstelle aufwändiger Antriebsstränge mit Verteilergetrieben und Kardanwellen, gibt es bei einem konventionellen 2-Rad-Antrieb einen E-Motor (hinten) und für den von Audi groß gemachten Allradantrieb eben zwei Elektromotoren – für jede Achse einen. Im Gegensatz zu Tesla verwendet Audi keine Radnabenmotoren. Da auch die von Audi eingesetzten Motoren deutlich kleiner ausfallen als bei einem Verbrenner, kann sich auch das Innenraumkonzept ganz anders entwickeln. Langfristig wird man E-Autos an ihrer Stupsnase erkennen.

... und Praxis

Mittlerweile hat uns der luxemburgische Audi-Importeur, die Losch-Gruppe, einen Audi e-Tron 55 Quattro für einen 24-stündigen Fahrtest zur Verfügung gestellt. Der e-Tron zeichnet sich äußerlich nicht durch Zurückhaltung aus. Er ist schon gewaltig groß und macht aus seinem Führungsanspruch keinen Hehl. Was wie immer nervt ist die „analoge“ Rundumsicht, ohne Kamera wäre man gerade in Parkhäusern aufgeschmissen. Andererseits ist die Kameratechnik im Audi e-Tron, eine der besten, die es zurzeit gibt. Da verliert selbst unser Büroparkplatz im verwinkelten Untergeschoss seinen Schrecken.

Über die Audi-Verarbeitungsqualität, die seit Jahren eine Spitzenposition einnimmt, muss man eigentlich nicht mehr reden. Das zeigt sich auch im Innenraum, einerseits Audi-typisch klassisch perfekt, andererseits Sciencefiction. Wer die Startrek-Reihe liebt, wird sich in diesem Cockpit sofort heimisch fühlen, gefühlt ist es nicht morgen, sondern schon übermorgen in diesem Auto.

Das Fahren ist eigentlich ganz normal, solange man nicht unbedacht aufs „Gas“, Pardon, Fahrpedal tritt, dann schlägt der WARP-Antrieb zu und beschleunigt den unbedarften Fahrer in Welten, die er zuvor noch nie gesehen hat – hoffentlich nicht die Unterseite eines Lkw. Natürlich nur dann, wenn keines der Assistenzsysteme den Laster registriert hat.

Der Antritt potenter E-Autos ist immer wieder ein Faszinosum, obwohl die Erklärung naturwissenschaftlich simpel ist: Ein Verbrenner muss sein Drehmoment nach und nach aufbauen, beim klassischen Saug-Diesel kommt die Kraft von unten, beim Benziner kommt sie über die Drehzahl – auf jeden Fall spät im Vergleich mit dem E-Motor. Der elektrische Antrieb kann seine volle Leistung von der allerersten Sekunde an liefern: Beim ersten Tritt aufs Pedal geht die sprichwörtliche Post ab.

Das Kardinalproblem

Die kurze Zeit, in der wir das Fahrzeug zur Verfügung hatten, hat natürlich verhindert, dass wir uns mit der Achillesferse aller E-Autos beschäftigen konnten – der Reichweite und der Kompatibilität der verschiedenen Ladesysteme. Die angegebenen Normreichweiten stimmen nur dann, wenn man die Leistung nicht ausnützt, auf Nebenaggregate verzichtet und einen sehr sanften „Gasfuß“ hat. Mangels eigener Erfahrung greifen wir auf die Testergebnisse anderer Autotester und Zeitungen zurück. Danach existiert das Problem auch beim Audi e-Tron: Er kommt nicht so weit, wie er kommen sollte – wenn man das Auto seiner Leistungsfähigkeit entsprechend fährt. Der Trost für die Ingolstädter besteht aber darin, dass er seinen direkten Stuttgarter Konkurrenten mit Stern um Längen, soll heißen um viele Kilometer, in Sachen Reichweite schlägt. Ein Langstreckenauto ist aber auch der – unbestritten tolle - Audi e-Tron nicht.