LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Cloche d’Or sieht sich als Shopping-Tempel der Zukunft - Zu Recht? Ein Gespräch mit Auchan-Landes-Chef Cyril Dreesen über das Ende der „Hypermarchés“ und die Vorbildfunktion des neuen Einkaufszentrums für die Gruppe

Überall gelten sie als totgesagt: Shopping-Zentren. In den USA schließen sie reihenweise. In Frankreich haben die großen Namen der Hypermarchés erhebliche Schwierigkeiten; auch Auchan, in Italien verkaufte die Gruppe gerade fast alle Geschäfte. Doch hier in Luxemburg wurden 15 Millionen Euro investiert, das Shopping-Center „Cloche d’Or“ soll zukunftsweisend sein und Auchan ist sein Zugpferd. Wir haben uns im Ende Mai eröffneten Konsumtempel umgesehen und mit dem Landes-Chef Cyril Dreesen gesprochen.

Lëtzebuerger Journal

Herr Dreesen, wie zufrieden waren Sie nach der ersten Woche?

Cyril Dreesen Ich war hocherfreut! Die Resultate und Reaktionen der Kunden haben meine Erwartungen noch übertroffen. Sie schätzen die innovative Architektur, die Öffnung mit dem natürlichen Licht… Das hat die Architektin Tatiana Fabeck super gemacht.

Dabei sieht man hier die gleichen Marken wie überall. Zara beispielsweise, Stradivarius, Bershka, und Massimo Dutti gehören alle zur Inditex-Gruppe und haben sicher einen Rabatt erhalten. Doch die gibt es auch anderswo. H&M, Artec und COS sind ebenfalls Teil des gleichen Konzerns und schon woanders vorhanden. Warum sollte sich jemand freuen, wenn die immer gleichen Läden noch mehr Filialen haben?

Dreesen Da muss ich Ihnen widersprechen. Zara Home hat hier ein Geschäft mit einem ganz neuen Konzept mit sehr viel Licht und weiß, ganz puristisch. Das ist ein Premiumprodukt und ein Konzept, das es so in Luxemburg noch nicht gibt. Wir bieten auch andere Speisen an. Bis Mitte Juli sollen 20 verschiedene Anbieter im Food-Court geöffnet haben. Das ist eine große Auswahl. Und hier unten haben wir unsere Brasserie, die wie ein Restaurant in einer Markthalle konzipiert ist. Die Gäste können den Bäckern bei der Arbeit zusehen.

Sie gelten als Test-Labor für Auchan. Der Konzern kämpft mit Schwierigkeiten, in Frankreich sind 21 Geschäfte von Schließungen betroffen, 800 Menschen könnten ihre Arbeit verlieren. In Italien wurden über tausend Läden verkauft. Und Sie investieren hier massiv. Warum haben Sie freie Hand?

Dreesen Innerhalb der Gruppe befinden wir uns in einer sehr guten Situation, allein der Auchan hier soll bis 2021 rund 130 Millionen Euro umsetzen, die drei Geschäfte im Land bis dahin 330 Millionen Euro. Im Jahr 2018 waren wir bei knapp 200 Millionen Euro. Hier haben wir rund 15 Millionen Euro investiert. Ende Juni sind unsere unterstützenden Dienste in den Eurohub in Düdelingen umgezogen. Auchan Retail Luxemburg beschäftigt übrigens insgesamt 1.500 Mitarbeiter. Ich habe gerade erst mit unserem Präsidenten gesprochen. Er hat mir gesagt: Wir werden in Luxemburg viel lernen. Wir arbeiten mit neuen Ansätzen, haben beispielsweise die Pralinenherstellerin Genaveh hier, strahlen aber auch in die Großregion aus. Wir setzen Akzente und arbeiten mit der Kleinbettinger Mühle an einem Biomehl. Wir wollen lokale Unternehmen wie Bernard Massard und andere fördern. Und: Wir wollen unsere Konkurrenten nicht zerstören.

Aber Sie expandieren.

Dreesen Ja, gerade haben wir in Bascharage gemeinsam mit Aral ein kleines lokales Geschäft eröffnet. Das läuft gut. Bis Jahresende wird noch ein weiteres hinzukommen. Wir arbeiten auch an einer Treuekarte, bei der auch 30 bis 40 andere Händler mitmachen. Das Besondere: Sie wird nicht hier eingelöst. Damit kommt sie automatisch anderen Händlern zugute.

Ein Riesenproblem für Luxemburger sind die Parkplätze. Wie sieht es damit aus?

Dreesen Wir haben 2.500 Parkplätze. Doch ab 2023 fährt die Tram und wir arbeiten auch noch an weiteren Infrastrukturen. Für Mitarbeiter bieten wir beispielsweise Pendelbusse an. Die können ab Arlon und Thionville fahren. Eine Möglichkeit, über die wir derzeit nachdenken, sind Arbeitsplätze in den Bussen. Natürlich würden die Mitarbeiter die erst nach Überschreitung der Grenze nutzen.

Discounter wie Aldi und Lidl gewinnen an Marktanteil hinzu, „Hypermarchés“ sind nicht mehr so gefragt wie vor Jahrzehnten. Wie haben Sie versucht, dieses Shoppingzentrum anders zu entwickeln?

Dreesen Wir haben den Entwurf mit ganz unterschiedlichen Leuten besprochen, auch mit ganz unterschiedlichen Altersklassen. Danach haben wir einiges angepasst. Beispielsweise sind die Möbel hier in der Brasserie jetzt viel wohnlicher und freundlicher. Es soll ja das Restaurant-Gefühl vermitteln.

In den USA, wo Sie unter anderem studiert haben, schließen immer mehr Shopping-Malls. Erwarten Sie eine ähnliche Entwicklung in Europa?

Dreesen Alles, was Giganten wie Amazon oder der Google-Marketplace machen, zieht. Facebook hat den Facebook-Marketplace, die Antwort auf Ebay Kleinanzeigen, und Apple wird sicher bald mit ähnlichen Konzepten nachziehen, da muss man sich nichts vormachen. Das ist also eine Realität und Europa ist da nicht ausgespart. In Luxemburg haben wir das Glück, dass der traditionelle Verkauf noch läuft und der Online-Verkauf relativ unter Kontrolle ist. Doch 92 Prozent der Luxemburger, die hier wohnen, nutzen das Internet und 35 Prozent von ihnen sind täglich online. Und sie kaufen dort ein. Amazon liefert hier mehr aus als in Belgien, und das, obwohl hier nur 20 Prozent der Bevölkerung Belgiens leben. Das ist enorm.

Sie verkaufen auch online. Wie läuft der Drive?

Dreesen Er steht für zehn Prozent des Umsatzes, wir sind zufrieden. Es ist ein Angebot, das wir machen müssen.

Setzen Sie eigentlich darauf, dass der Auchan hier gut angenommen wird, weil Gasperich einen enormen Zuzug von Franzosen erlebt hat?

Dreesen Nein, erstens wollte ich von Anfang an ein Geschäft für Familien in Luxemburg und im Umland. Zweitens ist das hier ein Experiment. Ich will die fünf Sinne ansprechen, ohne dass die Kunden den Eindruck haben, Zeit zu verlieren. Der Kunde soll hier etwas lernen können, also beispielsweise die Nutzung von Produkten. Wir wollen Masterkurse zu Wein, Bier oder Robotern anbieten und sind da auch noch offen für Angebote, obwohl wir schon einige haben. Oben unterm Dach haben wir einen Sportsaal geplant, dazu soll die Auchan-Beauty-Bar kommen, die wir mit L´Oréal zusammen realisieren. Wir werden mit Partnern Vorträge zu Themen wie gesundem Essen einführen und Sportwettbewerbe veranstalten. Eine Roboter-Ausstellung ist ebenfalls geplant. Die Beziehungen zu den Kunden sollen auf ein anderes Niveau kommen. Mir hat der Spruch gut gefallen: Ladies and Gentlemen serve ladies and Gentlemen. Es soll wie ein Empfang zu Hause sein.

Mit welchen Problemen kämpfen Sie?

Dreesen Die üblichen, geeignete Mitarbeiter, Sprachen, Grundstücke finden und natürlich mit der Konkurrenz. Zurzeit laufen für die Mitarbeiter schon Sprachkurse. Sie wollten erst mit Kollegen während der Arbeitszeit sprechen, um schon mal Grundkenntnisse zu haben. Jetzt arbeiten wir mit zwei bis drei Sprachschulen zusammen und haben etwa rund hundert Kurse, die sich auf unsere drei Geschäfte verteilen. Die Kurse finden während der Arbeitszeit statt.

Welche Sprachen sprechen Sie selbst?

Dreesen Ich bin schon als Kind sehr viel umgezogen und spreche daher viele Sprachen: Französisch, etwas Luxemburgisch, Englisch, Polnisch, Spanisch, da ich lange in Chile gelebt habe, und Russisch. Überall, wo ich gewohnt habe, habe ich die Sprache des jeweiligen Landes gelernt.

Warum sind Sie als jemand mit dem Abschluss einer US-Elitehochschule überhaupt zum Handel gegangen?

Dreesen Ich habe das Unternehmen wirklich wegen der Werte ausgewählt. Zuvor habe ich Mittelständler in Chile beraten. Als ich meiner späteren Frau bei einer Heimatvisite begegnet bin, bin ich in Frankreich geblieben. Auf einer Rekrutierungsmesse habe ich mit den Leuten von Auchan lebhaft über ihre Werte diskutiert. Am nächsten Tag hatte ich zwei Verträge auf dem Tisch. Jetzt bin ich 40 und seit 15 Jahren bei der Gruppe.

Wollen Sie hier bleiben?

Dreesen Ja, Luxemburg ist supercool, vor allem mit kleinen Kindern. Hier ist ein Netzwerk sehr wichtig und das kommt mir entgegen. Für mich ist Luxemburg ideal.

Auch im reichen Luxemburg gibt es arme Menschen. Was tun Sie gegen Lebensmittelverschwendung?

Dreesen Wir arbeiten eng mit der „Stëmm vun der Strooss“ zusammen. Daher bleiben nur zehn Prozent an Lebensmittelabfall über, die nicht wiederverwertbar sind. Darüber hinaus will ich auch etwas gegen Plastik tun. Hier gibt es jetzt nur noch Papiertüten für Obst und Gemüse. Wir bieten Wein zum Abfüllen an, ebenso Öl, Essig, Reinigungsmittel und Seife. Das Ziel ist immer, den Müll möglichst auf null zu reduzieren, aber auch, die Gewohnheiten der Menschen zu ändern.

Zur Person

Cyril Dreesen

Der Franzose hat die Kedge Business School in den USA sowie HEC Paris besucht und einen MBA erworben. Seit 15 Jahren ist er in verschiedenen Funktionen und in verschiedenen Ländern für Auchan zuständig. Seit Januar 2018 ist der 40-Jährige CEO des Auchan Luxemburg und „Executive Board Member“ von Auchan Retail.