LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Der Blick des Historikers Denis Scuto auf die Ereignisse vom Januar 1919

Das nuancierte Bild der Ereignisse im Januar 1919 ist noch nicht fertig gezeichnet, davon ist der Historiker Denis Scuto überzeugt und hofft, dass die Recherchen dazu in diesem Jahr des 100. Jubiläums der Ausrufung der Republik am 9. Januar 1919 dazu beitragen, eine Reihe von Mythen zu entlarven, die sich bis heute halten. Da wäre zum Beispiel der Mythos eines Zusammenhangs zwischen der Monarchie und der Nation. Über das Wesen dieser Nation wurde bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs diskutiert und verstärkt so während des Krieges, wo an einer Verfassungsänderung gearbeitet wurde und sich „die Legitimationskrise der Monarchie zuspitzte“.

In wessen Händen liegt die Macht?

Während die Großherzogin noch am 14. Juni 1918 proklamiert hatte, dass das Prinzip der Volkssouveränität mit den von der Monarchie unterzeichneten internationalen Verträgen im Widerspruch stehe, erklärte sich die katholische Rechtspartei gleich nach dem Waffenstillstand zwischen Deutschem Reich und den Entente-Mächten bereit, nicht nur ein Referendum über die künftige Staatsform zuzulassen, sondern war auch einverstanden mit der Formel „La puissance souveraine réside dans la nation“ in der künftigen Verfassung. Auch die Großherzogin schloss sich schließlich dieser Interpretation an, wie aus ihrer Abdankungserklärung ersichtlich ist. Nach ihr mischte sich kein Staatsoberhaupt mehr in die Politik ein - bis zur Verfassungskrise Ende 2008, als Großherzog Henri das Euthanasiegesetz nicht unterzeichnen wollte. Ein weiterer Mythos sei jener, dass eine Republik eine Bedrohung für die Stellung Luxemburgs im Konzert der Nationen und sogar für die Unabhängigkeit des Landes gewesen wäre. Es gebe schlicht keine Anhaltspunkte für eine solche Hypothese, sagt Scuto, der derzeit unter anderem an den Beziehungen zwischen Luxemburg und Frankreich forscht. Es sei doch erstaunlich, dass ausgerechnet französische Truppen verhindert haben, dass sich eine Republik in Luxemburg bildet. Spannend sei die Frage, ob nicht bereits vor den Ereignissen vom 9. und 10. Januar 1919 eine „Charlotte“-Lösung arrangiert wurde. Die jüngere Schwester Maria-Adelheids sollte bekanntlich bereits am 15. Januar, fünf Tage nach ihrem Rücktritt, vereidigt werden.

Spannend ist für Scuto auch, welchen Einfluss der im November 1918 konstituierte „Arbeiter- und Bauernrat“ auf die politischen Vorgänge im Land hatte. Dieser „Sowjet“ werde oft belächelt, allerdings fänden sich in seinen Reihen einflussreiche Gewerkschaftler, denen die Regierung auch schriftliche Konzessionen machte. Im Hinblick auf die Monarchie, aber auch auf soziale Forderungen, die damals durchgesetzt und bis heute Bestand haben. Für Scuto ist der Erste Weltkrieg zweifelsohne „ein wesentlicher Moment für die Bildung der Nation“.