ULFLINGEN/LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Keller AG aus Ulflingen wurde 2014 als erfolgreiches Unternehmen verkauft und ging im Juli 2020 pleite – Über die Gründe dafür gibt es verschiedene Auffassungen

Die 6.400 m2 Produktionsfläche in Ulflingen liegen still, davon 1.000 m2 Büro- und Ausstellungsfläche. Hier haben einmal mehr als 120 Mitarbeiter gearbeitet. Die Norbert Keller AG exportierte in 46 Länder und war bekannt für technisch sehr hochwertige Fenster mit ganz schmalem Rahmen; die „minimal windows“, sowie Wintergärten und Orangerien. Doch die hochpreisigen Premium-Produkte gibt es nicht mehr. Seit Juli 2020 ist die Norbert Keller AG insolvent.

Wie es dazu kommen konnte, dazu gibt es drei unterschiedliche Versionen. Die eine stammt vom Unternehmensgründer Norbert Keller und seinen Unterstützern, die andere von Serge Niederkorn, der Norbert Keller das Unternehmen im August 2014 abkaufte, und seinen Mitstreitern, eine dritte von weiteren Beteiligten. Wir haben mit allen Seiten gesprochen. Die ersten beiden reden von einem Krimi.
Norbert Keller ist gelernter Werkzeugmacher und ein Mann mit Unternehmergeist. Er gründete 1980 ein Unternehmen für Treppen und Geländer an seinem Wohnort in St. Vith. Nach und nach kamen Entwicklungen für Wintergärten und Orangerien hinzu. 1990 geht er über die Grenze nach Luxemburg und gründete dort die Norbert Keller AG in Troisvierges an der Grenze zum deutschsprachigen Ostbelgien. Nach und nach wächst der Betrieb auf über 100 Mitarbeiter. Keller, der heute 67 Jahre alt ist, fühlte sich 2014 mental müde. Seine vier Kinder wollten den Betrieb nicht übernehmen. Aber die Familie Niederkorn zeigte sich interessiert. Am 1. August 2014 unterzeichnete Keller einen Vertrag mit der „Luxembourg Capital Investment Group“. An dieser hielten drei Menschen Anteile: Claude Niederkorn, sein Sohn Serge Niederkorn sowie, über eine weitere Gesellschaft, die Lunsford Capital Partners, sein Sohn Marc Niederkorn als Minderheitsgesellschafter. Dieser konnte nicht direkt Teilhaber sein, da seine Position als Direktor von McKinsey Luxemburg dies unmöglich machte. Serge Niederkorn hatte bis dato sein Studium sowie seine gesamte Karriere außerhalb Luxemburgs und zum größten Teil in der Schweiz verbracht. Vereinbart wurde, dass Norbert Keller noch bis Ende 2016 im Unternehmen bleiben sollte. Verwaltungsratspräsident wurde Claude Niederkorn, die Geschäfte sollte Serge Niederkorn führen.

Norbert Keller ist überzeugt, dass Serge Niederkorn das Unternehmen in die Insolvenz geführt und diese verschleppt hat Foto: Editpress/ Fabrizio Pizzolante - Lëtzebuerger Journal
Norbert Keller ist überzeugt, dass Serge Niederkorn das Unternehmen in die Insolvenz geführt und diese verschleppt hat Foto: Editpress/ Fabrizio Pizzolante

Ruhiger Start, gefolgt vom Zerwürfnis

Zu Beginn verlief die Übergabe relativ ruhig. Einige Mitarbeiter hatten das Gefühl, dass Serge Niederkorn sich erst mit seinem Vater besprach, bevor er Entscheidungen traf. Doch die Ruhe hielt nicht lange. Serge Niederkorn zeigte sich unzufrieden, dass Norbert Keller seiner Ansicht nach nicht genug für die Produktentwicklung tat. Norbert Keller wiederum war mit einer ganzen Reihe von Entscheidungen nicht einverstanden, beispielsweise mangelnde interne Unternehmensführung und ausbleibende Entscheidungen hinsichtlich des Vertriebs auf Mallorca oder dem Vertrieb von „minimal windows“ bei Großaufträgen. Anfang 2015, über ein Jahr vor dem vereinbarten Termin, trennten sich die Niederkorns und Keller im Streit. Ein Jahr später wurde der Verkaufs- und Marketingdirektor Jörg Heinemann entlassen, der auch Teilhaber war.

Im Mai 2016 kaufte Serge Niederkorn eine Fenster-Produktion mit rund 30 Mitarbeitern in Ungarn. Seine Idee: Günstige Holz-Alu-Fenster mit Blick auf eine mögliche Gesetzesänderung in Luxemburg zu Passivhäusern fertigen zu lassen. Leitende Mitarbeiter versuchten ihn unter Verweis auf die hochpreisigen Qualitätsprodukte davon abzubringen und lieber bei einem Produzenten in Luxemburg, Deutschland oder Österreich zu kaufen – ohne Erfolg.

Darüber hinaus investierte Serge Niederkorn in Dubai. An diesem Standort hatte das Unternehmen Norbert Keller AG bislang mit einer anderen Firma zusammen eine Vertretung betrieben. Serge Niederkorn wollte eine eigene Niederlassung mit eigenen Leuten und einem Ausstellungsraum und gründete Keller Somena Dubai. Laut Insidern kostete Dubai damit rund 30.000 bis 40.000 Euro monatlich. Unter den Mitarbeitern wurden viele unruhig. Ralf Kötten, ehemaliger Senior Sales Manager, erzählt: „Wir haben uns im Herbst 2016 mit mehreren Abteilungsleitern getroffen, die meisten waren seit vielen Jahren dabei. Wir haben eine Power-Point-Präsentation gemacht, um Serge Niederkorn klar zu machen, dass er auf dem falschen Weg ist. Er hat sich das angesehen – und nichts davon angenommen.“

Mehrere Mitarbeiter berichten von Problemen mit der Qualität der Fenster aus Ungarn, Schäden beim Transport, Reklamationen und Klagen. Um die ungarischen Produkte zu verkaufen, eröffnete Serge Niederkorn im Gewerbegebiet Potaschbierg in Grevenmacher die Firma Kewido, die preisgünstige Produkte anbieten sollte. Im gleichen Gewerbegebiet sitzt der Konkurrent Ost-Fenster. Serge Niederkorn warb dort ein Team ab und unterbot die Preise um zehn Prozent. „Weder die Partner, noch die Luxemburger Kundschaft oder die Architekten verstanden die Strategie“, sagt Kötten. Kewido wurde geschlossen und in Keller Showroom umbenannt.

„Immer mehr wichtige Leute kündigten“, sagt Thomas Franssen, der von 2009 bis 2019 für das Qualitätsmanagement zuständig war und später für das technische Büro und dann die Entwicklung arbeitete. Er zählt auf: 2017 ging der Vertriebsleiter Export, im März 2018 der Leiter IT, im Juli 2018 der Leiter Marketing und im Januar 2019 der Montageleiter. Laut Serge Niederkorn wurde der Sales &Marketing Direktor im August 2018 entlassen, „nachdem dieser hinter meinem Rücken den Verkauf der Firma an einen Industriepartner einfädeln wollte und angekündigt hatte, er werde der neue CEO der KELLER AG“, wie Serge Niederkorn uns mitteilte.

Fakt ist: Die Stimmung wurde schlecht. Frank Lejeune, der bis April diesen Jahres für Aufmaß und Technik zuständig war, sagt: „2018 wurde ich beim Aufmessen schon darauf angesprochen, was denn bei der Norbert Keller AG los wäre. In der Branche wurde geredet.“ Franssen wollte es genauer wissen und schaute sich die Bilanz von 2018 an. „Aus dieser ging hervor, dass alleine 1,15 Millionen Euro für das Werk in Ungarn abgeschrieben worden waren. Verbindlichkeiten lagen gegenüber Steuerbehörden und Sozialversicherungsträgern bei 900.000 Euro.“ Sein Steuerberater riet ihm zum Jobwechsel. Darüber dachten mehr Mitarbeiter nach. Viele gingen, laut Betriebsrat drei Mal mehr als normal. Andere blieben, vor allem jene, die schon lange da waren und für die der Betrieb weit mehr als nur ein Arbeitsort war. „Wir Kollegen kannten uns alle lange, das war quasi wie eine Familie“, erinnert sich Produktionsleiter Karl-Heinz Elsen.

2019 lief es noch schlechter. Die ungarische Firma musste Konkurs anmelden. Im August 2019 brach Unruhe unter den Mitarbeitern aus. „Grund war, dass kein Gehalt überwiesen worden war“, berichtet Sascha Kaussen, ehemaliger Vertriebsmitarbeiter. Niederkorn bestreitet das und verweist auf einen Tag Verspätung wegen der Bank. Fragen des Betriebsrats wurden laut Mitarbeitern abgeblockt. Laut Niederkorn gab es keine. Doch die Erzählungen vieler Ex-Mitarbeiter lauten anders. Laut ihnen gab es schon Probleme mit dem Bezahlen von Rechnungen. Kötten erzählt, dass Lieferanten, die nicht mehr bezahlt wurden, ihre Lieferungen einstellten. „Meinen Beruf im lokalen Verkauf konnte ich nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren. Kunden mussten bei Keller sehr hohe Anzahlungen leisten und die Wahrscheinlichkeit, die Kunden nicht mehr beliefern zu können, wuchs mit jedem weiteren Tag“, sagt er. Im Dezember 2019 kündigte Kötten und wechselte zum belgischen Glasunternehmer Group Ceyssens, mit dem die Norbert Keller AG zusammen arbeitete. Daher kannte er Dirk Ceyssens.

Serge Niederkorn wirft Norbert Keller vor, ihn in die Insolvenz getrieben zu haben Foto: Editpress/Tania Feller - Lëtzebuerger Journal
Serge Niederkorn wirft Norbert Keller vor, ihn in die Insolvenz getrieben zu haben Foto: Editpress/Tania Feller

Spaltung in zwei Lager

Anfang 2020 beliefen sich die Schulden der Norbert Keller AG, die zum Verkaufsdatum rund 15 bis bis 19 Millionen Euro Umsatz jährlich machte, auf etwa zwölf Millionen Euro. Niederkorn gibt drei Millionen Euro weniger an. Dennoch: Die Lage war angespannt. Die Mitarbeiter teilten sich zunehmend in zwei Lager: Jene, die noch glaubten, Serge Niederkorn könne das Ruder herumreißen – und jene, die ihren alten Chef als Retter zurück haben wollten.

So baten ehemalige Mitarbeiter den Gründer Norbert Keller, doch etwas zu tun. Es gab zahlreiche Kündigungen. Immer mehr Mitarbeiter gingen zu Glas Ceyssens Luxembourg S.A.. Der Eigner Dirk Ceyssens und Norbert Keller kennen sich. Es wird immer deutlicher, dass Keller mit Ceyssens im Gespräch ist. „Die Liquiditätslage war schlecht, das stimmt, aber meine Analyse war eindeutig. Das Produkt von Keller ist auf seinem Markt weltweit führend. Wir könnten dieses luxemburgische Flaggschiff wieder auf Kurs bringen und Arbeitsplätze retten“, sagt Marc Cardinael, der zuletzt Chief Financial Officer unter Serge Niederkorn war und im März 2020 kam.

„Mitten in der Corona-Krise haben wir einen Aktionsplan auf den Weg gebracht, der dank außergewöhnlicher Mitarbeiter funktioniert hat. Tatsächlich war Serge Niederkorn bereit, zurückzutreten, um die Spannungen abzubauen. Der Konkurs rückte von Tag zu Tag weiter weg, weil eine Lösung gefunden worden war. Wir waren dem Erfolg wirklich nahe. Aber je näher wir dem Ziel kamen, desto mehr nahmen die Angriffe von außen zu, um uns in den Bankrott zu treiben“, fährt Marc Cardinael verärgert fort. „So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Das Unternehmen und seine Mitarbeiter waren wie die Geiseln einer Abrechnung.“ Norbert Keller dagegen spricht von einem Betrag von 80.000 Euro, falscher Verrechnung und der Verweigerung, Material heraus zu geben.

Serge Niederkorn suchte nach einem Ausweg. Er kontaktierte – laut Insidern mit Hilfe seines Bruders Marc – mögliche Finanziers. Im März stand er mit der zu Valfidus gehörenden Firma Aluk S.A. in Verbindung, die sich dann zurückzog. Der Grund, sagen Serge Niederkorn und Cardinael, sei, dass Norbert Keller ihn dort schlecht gemacht habe. Norbert Keller hingegen verweist auf die Bilanzzahlen. Auch die Investmentgesellschaft Valfidus, Mutter von Aluk, zog sich zurück. Als Gründe geben beide Seiten sich wieder gegenseitig die Schuld. Im Mai schaltete Norbert Keller eine Anzeige im „Luxemburger Wort“ sowie im „Tageblatt“, in der er Abstand nimmt von der Norbert Keller AG  und Serge Niederkorn hart angeht wegen Ungarn, Dubai und Kewido. „Das war Rufmord“, sagt Serge Niederkorn „nachdem Norbert Keller das Unternehmen nicht für günstig zurückhaben konnte, macht er das Unternehmen nun kaputt.“ Sein Kontrahent sieht das anders. „Ich musste meinen Namen schützen. Schließlich hieß das Unternehmen so wie ich“, kontert Norbert Keller, der es Serge Niederkorn persönlich übel nimmt, dass er das Unternehmen entgegen einer Abmachung nicht umbenannt hat.

Private Equity als Lösung

Im gleichen Monat sind die Kontakte zur Private Equity-Gesellschaft Eurefi, die über Marc Niederkorn zustande kamen, schon weit gediehen. Sie holt den belgischen Fensterhersteller Jean-Luc Pierret als Partner ins Boot. Serge Niederkorn hofft auf eine Lösung, einen Retter, der das Unternehmen übernimmt. „Der Bereich B2B Minimal Windows  war rentabel“, sagt Xavier Dethier. Er ist „Directeur Général délégué“ von Eurefi. „Es hätte etwas werden können.“ Dennoch zog Eurefi sich Ende Juni zurück, nachdem für die Produktion entscheidende Mitarbeiter gekündigt hatten. Aber, meint Dethier, das sei alles nicht sauber gelaufen. „Ich habe in mehr als 15 Jahren so etwas noch nicht gesehen. Diese Praktiken scheinen uns skrupellos und auf jeden Fall unvereinbar mit unseren Werten zu sein.“ Dethier meint damit, einige Mitarbeiter, die das Unternehmen schon verlassen hatten, hätten Druck auf Kollegen ausgeübt, um sie abzuwerben. Vorgefertigte, ausgefüllte Kündigungen seien unter Drohungen im Unternehmen vorgelegt worden. „Unsinn, das ist Augenwischerei“, sagt Norbert Keller. „Es kamen ja mehr, als wir einstellen konnten.“

Der ehemalige Betriebsratspräsident Alex Servais hält die Vorwürfe gegen Norbert Keller für absurd. „Leute, die Partei für die Person Niederkorn ergreifen, waren maximal etwa zwei Jahre Teil der Belegschaft, manche andere nur knappe vier Monate.  Dagegen stehen die Aussagen der langjährigen Mitarbeiter, welche teilweise mehr als 25 Jahre Betriebszugehörigkeit hatten, für die die Keller AG wie eine Familie war, welche bis vor rund drei Jahren stolz waren, für die Firma Keller zu arbeiten und welche sich aus Wut und Enttäuschung über die Inkompetenz der neuen Geschäftsführung hilfesuchend an Norbert Keller gewandt haben, um schließlich dann die Firma Keller aus freien Stücken und bei vielen mit Tränen in den Augen zu verlassen und sich neu zu orientieren.“ Fakt ist: Nobert Keller stieg im Juni ins Kapital der Luxemburger Gesellschaft von Ceyssens ein.

Dethier betont: „Keller hat mich angeschrieben und gesagt: „Wir können die Firma gemeinsam übernehmen, in folgendem Szenario: Ich kann die Leute, die weggegangen sind, wieder eingliedern, ohne sie geht nichts.“ Norbert Keller kontert und meint, Dethier war der Auffassung, dass ohne Fachpersonal keine Übernahme möglich wäre.

Vorwürfe auf beiden Seiten: Insolvenzverschleppung versus provozierte Insolvenz

Während Norbert Keller und seine ehemaligen – und heutigen – Mitarbeiter betonen, die Leute seien freiwillig gegangen und Serge Niederkorn hätte Kurzarbeitergeld anderweitig verwendet und die Insolvenz verschleppt, lautet der Vorwurf auf der Gegenseite, Norbert Keller habe die Insolvenz absichtlich provoziert, Mitarbeiter hätten Entwürfe entwendet und im herrschenden Chaos gemacht, was sie wollten. „Keller hat die Insolvenz gut befeuert, der hat Lieferanten und Kunden angeschrieben, sie sollen mit ihm Geschäfte machen. Das hat die Firma in die Insolvenz getrieben“, ist Rainer Konz überzeugt, der zuletzt Einkaufsleiter war. Laut Cardinael hat Keller Flyer verteilt, in denen er den Bankrott bedauert und das „C-View a new SLIM frame concept by Norbert Keller“ bewirbt. „Es soll 2021 auf den Markt kommen“, versichert Norbert Keller lächelnd. Als Adresse der Groupe Ceyssens Luxembourg S.A. ist eine Straße in Troisvierges angegeben. Hier hat Ceyssens Luxembourg Räumlichkeiten angemietet. „Wir haben massenhaft Aufträge“, sagt Ralf Kötten, der auch dort arbeitet. Serge Niederkorn hingegen ist überzeugt, dass Group Ceyssens Luxembourg S.A. bald pleite machen wird, weil mangels Produktion kein Geld da sei, die Mitarbeiter zu bezahlen.

Je tiefer die Gräben zwischen dem Lager Keller und dem Lager Niederkorn werden, desto unterschiedlicher sind die Gründe, die sie für das Scheitern der Norbert Keller AG angeben. Es gibt noch eine letzte Version, nach der ein Mitarbeiter dem Investor Pierret erzählt haben soll, was in der Firma los war, dass Mitarbeiter hinter PCs gesetzt werden, obwohl sie diese Funktion nicht innehatten, dass Serge Niederkorn unfähig sei. Das habe dann dazu geführt, dass Pierret sich abwendete – und somit auch Eurefi. Laut Serge Niederkorn war bei einer Übernahme durch Eurefi und Pierret vereinbart, dass er mindestens 18 Monate im Führungsteam unter der Leitung von Jean-Luc Pierret und Xavier Dethier bleiben und sich später um den internationalen Vertrieb kümmern solle. Was stimmt? Tatsache ist, dass die Insolvenz Ende Juni feststand und Anfang Juli protokolliert wurde. Sie hat viele Opfer.

Viele Opfer

Da sind die rund 35 Mitarbeiter, die bis zuletzt gehofft hatten, es würde etwas mit der Übernahme werden und die sich einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen. Viele Mitarbeiter haben hohe Gehaltsausfälle, teils im fünfstelligen Bereich. Einige kämpfen mit Gesundheitsproblemen, andere haben Streit mit ihrer Familie oder es trennen sie tiefe Gräben von Kollegen, mit denen sie jahrelang per Du waren. Der Staat schaut bei den Sozialabgaben in die Röhre, hat an die Unternehmen der beiden Gegner Kurzarbeitergeld bezahlt und nun Arbeitslosengeld. Kunden wurden nicht beliefert, Lieferanten nicht bezahlt und auch die Banken erhalten nichts. Die Frage bleibt, warum gerade sie – allen voran die größte Gläubigerbank – nicht früher eingegriffen haben.

Vorbei ist die Geschichte trotzdem nicht. Die Insolvenzmasse wurde vom Insolvenzverwalter verkauft. Norbert Keller bot mit. Warum? „Es geht mir um den Erhalt des Know-hows in Luxemburg und es geht mir darum, die Erfolgsgeschichte, die ich vor 40 Jahren angefangen habe, in kompetenten Händen zu wissen, die darüber hinaus ganze Familien ernähren kann.“ Und noch etwas: „Am liebsten wäre es mir gewesen, es hätte mit der Familie Niederkorn funktioniert.“ Was Norbert Keller zudem nicht versteht, ist warum der Staat, die Banken und die restlichen Gläubiger nichts unternommen haben, um diesem Finanzkrimi ein früheres Ende zu bereiten. Er verweist darauf, dass die Luxembourg Capital Investment Group sich über die Jahre hinaus über vier Millionen Euro an Dividenden ausbezahlt habe. „Außerdem schuldet die Luxembourg Capital Investment Group, in der Serge Niederkorn seit März 2020 Geschäftsführer ist, mir einen Betrag im sechsstelligen Bereich, doch dieses Geld kann ich höchstwahrscheinlich abschreiben“, sagt er.

Nachwehen vor Gericht

Und Serge Niederkorn? „Keller will die Marke, die Patente und den Standort zu einem Bruchteil des Verkaufspreises zurück kaufen“, meinte er. Für ihn ist klar, dass Norbert Keller jede mögliche Übernahme torpediert und verhindert hat. „Die Pleite habe ich zu verantworten, aber einige haben tatkräftig dazu beigetragen, dass es so weit kam.“

In einer Pressemitteilung beklagte er diese Umstände und bedauerte den ungleichen Kampf. Jetzt befasst sich der 51-Jährige mit der Abwicklung der Insolvenz und mit Prozessen. Das kann dauern. Es gibt viele Prozesse. Und es kann gut sein, dass noch ein paar hinzukommen.

Die Keller AG hat derweil einen neuen Besitzer, der sich schon vorher mit ihr befasst hatte: Seit dem 25. August heißt sie „Keller minimal windows by AluK“.