Als Zuhause für die Luxemburger Schriftsteller bezeichnete einst Lambert Schlechter das nationale Literaturzentrum in Mersch, das vorige Woche seinen 20. Geburtstag feierte. Hier und jetzt lohnt sich ein Blick zurück auf die Rolle, die diese Kulturinstitution in unserer Gesellschaft spielt, welche gedanklichen Räume sie schuf und welchen Raum sie selbst eingenommen hat.

Das ursprüngliche Servais-Haus entwickelte sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte zu einem renommierten Forschungs- und Kulturzentrum, zu einem ruhigen Ort der Begegnung, des Austauschs, einem Ort des Nachdenkens und der Diskussion darüber, was die Literatur in Luxemburg gewesen ist, was sie heute ist und wo sie vielleicht einmal hingeht. Damit es überhaupt zur Schaffung des Zentrums kam, musste die einheimische Literatur ernst genommen werden, sie brauchte also eine entsprechende Lobby, sowie kompetente Leute, die sich dieser Aufgabe annehmen konnten, ohne in die persönlichen Rivalitäten der Literaturszene verstrickt zu sein.

Dass diese Aufgabe durch den Einsatz von Germaine Goetzinger, und nach ihr von Claude Conter, sowie auch allen anderen Mitarbeitern gelingen konnte, erscheint als die wichtigste Errungenschaft des Hauses. Sowohl Goetzinger als auch Conter schufen im Servais-Haus jenen Raum, in dem die Literatur vergangener Jahrzehnte gelesen, aufgearbeitet und neu verlegt wurde, in dem die Luxemburger Literatur aller Epochen archiviert wird, in dem Ausstellungen zu aktuellen Themen organisiert werden, in welchen oft der literarische Aspekt einer Epoche, oder aber Schriftsteller selbst zum Thema werden. In diesem Sinne ist das nationale Literaturzentrum ein intimistischer Ort geblieben, der ein oft begeistertes Stammpublikum anzieht, der fest im lokalen Merscher Kulturleben verankert ist, und der ein interessiertes Publikum in literarische Welten zurückführt, für die ein Raum erhalten bleiben musste in einer Gesellschaft, die immer schnelllebiger und im Alltag auch oberflächlicher wird.

Im Merscher Literaturzentrum ist es noch von Bedeutung, was Luxemburger Schriftsteller oder Politiker während des Ersten Weltkriegs niederschrieben, oder aber wie einzelne Schriftsteller oder Bewegungen sich in ihre Epochen einfügten. Des Weiteren werden hier auch Preise vergeben und neue Bücher vorgestellt; auch eine Anthologie der Luxemburger Literatur für die Schulen wurde hier ausgearbeitet. Der Blick zurück in die Luxemburger Literaturgeschichte, die Neuverlegung von Werken, die sonst in Vergessenheit geraten wären und wichtige Zeitzeugen sind, macht das Literaturzentrum auch zu einem Ort der Erinnerung, an dem die Zeit auf positive Weise stehen zu bleiben scheint. Hier werden Werte erhalten, die in unserer Gesellschaft verloren gehen. Einem Schriftsteller zuhören, sich über einen schönen Satz, ein besinnliches Gedicht Gedanken zu machen oder zu freuen, Verständnis zu entwickeln für die literarischen Anliegen früherer Jahrzehnte, mit anderen Interessenten der Literaturszene ins Gespräch zu kommen, vielleicht ja auch seinen früheren Literaturlehrern zu begegnen, sind nur einige Möglichkeiten, an die dieser 20. Geburtstag einer unverzichtbaren Institution rührte.