Kürzlich war Sibelius in Oqaatsut, mit Künstlern aus mehreren Ländern. Das grönländische Dorf hat nur rund 40 Einwohner, „und von denen war noch niemand im Theater“, berichtet der Theatermacher; „aber hinterher waren die alle total begeistert“.
Trier ist nicht Oqaatsut, doch was dort gelang, will Sibelius auch an der Mosel erreichen: Menschen, die noch nie einen Fuß ins Theater gesetzt haben, für eben dieses begeistern. Allein mit den Besuchern, die heute schon kommen und natürlich weiterhin willkommen seien, habe das Haus keine Zukunft, ist er überzeugt.
Sibelius und das Theater Trier stehen vor einer ungewissen Zukunft. Zwar haben die Verantwortlichen in Rathaus und Stadtrat beschlossen, dass ihre Stadt auch künftig ein Ensemble haben und alle Sparten erhalten bleiben sollen, doch wichtige Fragen sind nicht beantwortet; und allen voran der eigentlich zuständige Kulturdezernent Thomas Egger lässt bis dato klare Ansagen vermissen. Sibelius spricht gleichwohl von „großen Chancen“, die sich nun böten - ihm als Intendanten, vor allem aber den Trierern, deren Theater trotz solider Leistungen und auch manch Aufsehen erregender Produktion jenseits von Eifel und Hunsrück bislang kaum wahrgenommen wird. Sein Optimismus klingt nicht einstudiert, sein Elan scheint kaum mehr zu bremsen. Der Wechsel nach Trier ist auch für Sibelius ein Wagnis. Dass er es eingeht macht klar, wie ernst es dem 45-Jährigen ist.
In zwölf Monaten tritt der gebürtige Bregenzer die Nachfolge Gerhard Webers an, doch hat es den Anschein, als sei der Österreicher längst Chef im Hause. So sorgte Sibelius gleich für einen Paukenschlag, der sich für viele der Betroffenen aber wohl eher wie ein Schlag in die Magengrube angefühlt haben dürfte: Er löste sämtliche kündbaren Solo-Verträge auf. Fast 40 Künstler müssen sich neu orientieren.
Dutzende Verträge gekündigt
In Sachen Mobilität macht Sibelius in diesen Wochen und Monaten ohnehin niemand etwas vor. Als Intendant des Theaters an der Rott hat er noch bis Mitte 2015 seinen Vertrag im bayerischen Eggenfelden zu erfüllen. Zusätzlich pendelt Sibelius regelmäßig nach Trier, und wer mit ihm spricht, gewinnt rasch den Eindruck, der Mann habe nur auf diese Herausforderung gewartet. An Baustellen mangelt es in Trier nicht: Das Haus hat einen Etat von 15 Millionen Euro, doch nur rund 1,4 Millionen Euro sind variabel einsetzbar. Der Rest entfällt auf Fixkosten. Sibelius lässt derzeit von einem Controller jede einzelne Kostenstelle prüfen, um zu analysieren, wo sich noch Spielräume eröffnen könnten.
Vor allem aber ist das vor einem halben Jahrhundert am Augustinerhof errichtete Theatergebäude ein Sanierungsfall erster Güte. Im Januar 2009 schlug der damalige Kulturdezernent Alarm, stand sogar eine sofortige Schließung des maroden Baus im Raum. Doch man entschied sich für Flickschusterei und investierte fortan größere Beträge in kleinere Maßnahmen, die den Spielbetrieb aufrechterhalten sollten. Ein Fass ohne Boden, und bis heute ist unklar, ob saniert oder neugebaut werden soll.
Obwohl Ministerpräsidentin Malu Dreyer von der Stadt verlangte, bis „spätestens Anfang 2014“ ein Konzept vorzulegen, scheint der seit 2010 amtierende Kulturdezernent Thomas Egger noch immer nicht zu wissen, wohin die Reise gehen soll; ohne Millionen aus Mainz ist aber weder an eine Sanierung noch an einen Neubau zu denken.
Intendanten-Macher Feitler
Für Sibelius ist die Sache klar: Er wünscht sich einen Neubau und dass das Theater zur Spielzeit 2015/2016 geschlossen wird. Er hält wenig davon, noch im maroden Bau zu starten. Ohnehin wolle er mit dem Theater stärker zu den Menschen, da kämen ihm Ausweichspielstätten vielleicht sogar zupass, sagt Sibelius. Vor allem aber geht es ihm um ein Signal - dass die Stadt an ihr Theater glaubt.
Wohl wahr, und wenn es Triers Stadtpolitiker wirklich ernst meinen mit der spektakulären Berufung des umtriebigen und unorthodoxen Österreichers, dann sollten sie alsbald die Weichen für einen Neubau stellen. Sibelius jedenfalls hat seine ersten Hausaufgaben gemacht: Mit Luxemburgs Grand Théâtre, dessen Direktor Frank Feitler maßgeblichen Anteil daran hatte, dass die Wahl der Trierer auf den Bregenzer fiel, plant er bereits Kooperationen; ebenso mit dem Theater im schweizerischen Chur oder dem Norwegian Opera House.
Sibelius gewann den Luzerner Dramaturgen Ulf Frötzschner als neuen Schauspielchef und engagierte Katharina John als künftige Operndirektorin. Für das Tanztheater gelang ihm nach eigener Darstellung ein „sensationeller Griff“. Von einer „absoluten Koryphäe“ schwärmt er, von einer Frau, „die deutsche Tanzgeschichte“ geschrieben habe. Um wen es sich handelt, will Sibelius erst Ende August verraten. Dann nennt er doch einen Namen, nur so zur Orientierung, in was für einer Liga er seine künftige Spartenchefin verortet: Pina Bausch. Höher hätte er die Messlatte nicht mehr hängen dürfen.


