LUXEMBURG/MONT SAINT-MICHEL
LJ & HELMUT WYRWICH

In der Nacht auf Samstag wurde der erste Block des Atomkraftwerks Fessenheim im Elsass vom Netz genommen - Was das bedeutet

Eine Ära ging in der Nacht auf Samstag zu Ende: Reaktor 1 des französischen Atomkraftwerks Fessenheim am Rhein im Elsass wurde herunter gefahren - für immer. Am 30. Juni soll auch der zweite Reaktor vom Netz gehen. Ein historischer Akt, der eine ganze Reihe von weiteren Schließungen einläutet. Denn bis 2035 will Frankreich - die mit verbleibenden 56 Reaktoren weiterhin zweitgrößte Nuklearnation hinter den USA (98) - den Atomstromanteil von 72 auf 50 Prozent in der Gesamtenergieproduktion senken. Auch dann bleibt das Land immer noch in der Top-Liga der atomabhängigen Länder. Momentan ist der Anteil der Nuklearenergie an der Gesamtenergieproduktion außer in Frankreich in der Slowakei (55 Prozent), der Ukraine (53 Prozent) und Ungarn (51 Prozent) am höchsten. Im Riesenland USA produzieren die 98 Reaktoren lediglich 19 Prozent des Gesamtstroms.

Immer wieder Verzögerungen

Mit der Schließung der in den 1970ern errichteten Zentrale von Fessenheim, die drei Prozent an der Gesamtstromproduktion in Frankreich liefert und an der auch Deutschland und die Schweiz beteiligt sind, geht eine jahrzehntelange hochpolitische Diskussion zu Ende. Ursprünglich sollten die AKW nach 40 Jahren Betrieb vom Netz genommen werden, allerdings forderte der Betreiber „Electricité de France“, der zu 82,5 Prozent dem französischen Staat gehört, immer wieder Betriebsverlängerungen. 2011 erteilte so die französische Atomenergiebehörde die Genehmigung für eine Laufzeit bis 2021 für Fessenheim. 2012 war der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande mit dem Versprechen in die Wahlen gegangen, die ältesten Reaktoren des Landes bis Ende 2016 zu schließen. Es sollte ihm nicht gelingen. Auch weil die Schließung an die Fertigstellung der neuen Druckwasserreaktoren in Flamanville an der Kanalküste gebunden war. Das Datum dafür wurde aber immer wieder verschoben, nun geht von 2022 die Rede.

Es war Hollandes Nachfolger im „Elysée“, Emmanuel Macron, vorbehalten, im November 2018 die endgültige Schließung der Reaktoren in Fessenheim anzukündigen. Er sprach damals vom Sommer 2020, nun geht es doch schneller. Was das alles mit sich bringt, zeichnet Frankreich-Korrespondent Helmut Wyrwich auf.

Claude Brender (61) peilt bei den Kommunalwahlen Mitte März ein zweites Bürgermeistermandat an. „Fessenheim, relevons le défi“ („Fessenheim, nehmen wir die Herausforderung an“) heißt seine Wahlliste  Foto: DNA - Lëtzebuerger Journal
Claude Brender (61) peilt bei den Kommunalwahlen Mitte März ein zweites Bürgermeistermandat an. „Fessenheim, relevons le défi“ („Fessenheim, nehmen wir die Herausforderung an“) heißt seine Wahlliste Foto: DNA

Ein Bürgermeister macht sich Sorgen

Die Abschaltung der Reaktoren stellt die Zukunft von Fessenheim in Frage


FESSENHEIM/MONT SAINT-MICHEL
Am Freitagabend begann also nach 43 Jahren die neue - ungewisse - Zukunft der Stadt und des Stadtverbandes Fessenheim. Das endgültige Aus für die Anlage in Fessenheim erfolgt am 30. Juni 2020, wenn auch Reaktor zwei vom Netz genommen wird. Danach werde beide Reaktoren über gut 20 Jahre zunächst Atomruinen, dann riesige Baustellen zum Abbau sein. 2040 soll die atomare Zeit von Fessenheim endgültig Vergangenheit sein.
Die Fragen in Fessenheim aber heißen: „Und jetzt? Was geschieht nun? Wo liegt unsere Zukunft?“ Fragen, die sich der Handel mit Bäckermeister und Fleischer genauso stellen, wie die Zulieferer, die als Fachunternehmen von außen immer wieder immer Kraftwerk arbeiteten und nun vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Drei Millionen Euro jährlich für Fessenheim

Die Nuklearindustrie in Fessenheim beschäftigte einst 2.000 Personen direkt. Hinzu kommen 300 Unternehmen, die als Zulieferer von der Atomkraft lebten. Insgesamt sind es nach Schätzungen von Stadt und Staat etwa 5.000 Personen, deren soziale Existenz von den Reaktoren abhängen. Zwar sichert die Regierung zu, dass niemand entlassen wird, dass man auch für die Zulieferunternehmen sorgen wird, aber daran gibt es berechtigte Zweifel.
Fessenheim war bis in die 1970er Jahre ein Dorf, das von der Landwirtschaft lebte. Fessenheim war arm. Das hat sich geändert. „Wir leben seit 40 Jahren von der Kernenergie“, sagt Bürgermeister Claude Brender. Mit gut drei Millionen Euro, die der Gemeinde jährlich an Steuern zuflossen. Das sind 75 Prozent der Steuereinnahmen. Die Infrastruktur dieser 2.500-Seelen-Gemeinde entspricht mit ihrer Infrastruktur einer Mittelstadt: Kindertagesstätte, Babybetreuung, Schulen, Mediathek, ein neues Rettungszentrum. Mit der Schließung der Kraftwerke endet für die Kommune Fessenheim ein goldenes Zeitalter. Bürgermeister Brender rechnet nun mit dem Verlust von 350 bis 400 Einwohnern. „Es werden die jungen Familien sein, die mobilen, mit Kindern, die gehen“, sagt er. Das heißt, dass die Kindertagesstätte nicht mehr ausgelastet sein wird und möglicherweise auch in der Schulen Klassen geschlossen werden, dann auch Lehrer versetzt werden. Und das in dem Augenblick, in dem ein neues Medizinzentrum eingerichtet werden und ein neues Stadtviertel entstehen sollte. „3.000 Einwohner bis 2030“, lautete der Slogan. Wenig soziales Risiko gehen die EDF-Mitarbeiter ein. Von ihnen werden in diesem Jahr noch 200 in andere Anlagen in Frankreich versetzt. Bis 2025 wird ihre Zahl auf 60 abschmelzen. Dann beginnt der Abbau der Anlage. Aber auch hier gibt es Probleme. Es gibt Häuser zu verkaufen, die an Wert verlieren. Ehefrauen werden ihren Arbeitsplatz aufgeben müssen. Kinder müssen umgeschult werden, Umzüge stehen an.

30 Millionen Überbrückungsgeld

Der Stadtverband Fessenheim hat von der Anlage etwa fünf Millionen Euro Steuern jährlich erhalten. Er soll von der französischen Regierung nun 30 Millionen Euro Überbrückungsgeld erhalten, aber damit ist das Zukunftsproblem nicht behoben. Die Hoffnung ruht zum Teil auf der anderen Rheinseite. In Freiburg im Breisgau liegt die Arbeitslosigkeit bei 3,7 Prozent. Freiburg liegt so weit von Fessenheim entfernt wie Colmar oder Mulhouse, heißt es vage in der Hoffnung, dass zukünftige Grenzgänger in Deutschland Arbeit finden könnten.
Seit acht Jahren weiß man in Fessenheim dass das Kernkraftwerk eines Tages schließen würde. Ersatzprojekte hat es nie gegeben. Dafür viele Ideen. Tesla sollte dort Autos bauen. Ein grenzüberschreitender Industriepark sollte entstehen. In Freiburg herrschte Erstaunen darüber, dass Zeit verschwendet und kein Ergebnis erzielt wurde. Jetzt redet Bürgermeister Brender davon, dass in Fessenheim ein Zentrum zur Metallbearbeitung aus Kernkraftwerken errichtet werde. Dagegen wiederum erhebt sich deutlicher Widerspruch auf deutscher Seite. Man wolle keinen „Tourismus“ von nuklearem Abfall, heißt es aus Deutschland. Die Reaktoren schließen, Fessenheim, aber auch die Einwohner gehen einem ungewissen Schicksal entgegen.   Helmut Wyrwich