LUXEMBURG/OSTENDE
SVEN WOHL

Ostende überrascht mit einem breiten kulturellen Angebot - Einige Highlights

Graue Wolken, ständiger Nieselregen, leckere Pfannkuchen. Dies sind die Zutaten eines typischen Besuchs in Ostende, jener belgischen Küstenstadt, die jeder Luxemburger kennt und innig liebt. Den Strand rauf und runter zu spazieren, wild gewordenen Fahrradfahrern und - ganz neu - Tretrollerfahrern auszuweichen, hat das Zeug zur Königsdisziplin. Lange hält es die wenigsten dort. Das reichhaltige kulturelle Angebot wird beim Urlaub hier meistens übersehen. Zu unrecht, hat das Städtchen doch einiges zu bieten.

Öffentlich und gratis

Um auf Schnupperkurs mit der örtlichen Kultur zu gehen, muss man sich nicht einmal in ein Museum wagen. Bereits beim Spaziergang am Strand entlang stolpert man über Kultur: Die royalen Galerie, die am Strand entlang verläuft, bietet regelmäßig neue Ausstellungen. Aktuell zu sehen sind Bilder von Photographen (Annie Boedt, Michel Leerman, Natalie Luys, Trees Rommelaere und Tijs Soete), welche ihre Begeisterung für Musik in stilsicheren Konzertfotos vermitteln. Hinzu kommen Monumente für Seefahrer, „Dansende Golven“ von Patrick Steen, auf die man direkt hinter dem Kasino stößt wie auch große rote geometrische Figuren. Da eine Plakette oder ähnliches fehlt, muss der Besucher sich selbst einen Reim auf diese machen. Genau das ist der Plan des belgischen Künstlers Arne Quinze (1971), der die „Rock Strangers“ entworfen hat: die orangenen Riesen sollen fremd wirken und Fragen aufwerfen.

Lokale Legenden

Fragen stellen sich die Touristen auch bei der metallenen Dame, die am Strand - ungefähr auf Höhe des Hippodroms - in Richtung Meer blickt. Wer ist diese junge Dame und wieso bleibt sie hier - bei jedem Wetter - sitzen? Die Antwort: Es handelt sich um eine Hommage an den Künstler Léon Spilliaert (1881 - 1941) und dessen Werk „Vertigo“. Sein Werk und Ostende sind unweigerlich miteinander verbunden. Die größtenteils düster anmutenden Werke, bei denen der Impressionist auf Wasserfarben, Gouache, Pastell oder Kohle zurückgriff, zeigen Eindrücke, so betrübend, wie nur jemand, der in Ostende lebte, sie haben kann. Léon Spilliaert kann man eingehender im „Spilliaert Haus“ entdecken, das sich nahe der jungen Dame am Ende der royalen Galerien befindet. Die kleine Galerie mag überschaubar sein, doch das eindringliche Werk des Künstler ist den Eintritt allemal wert.

Spilliaert ist allerdings nur einer von mehreren lokalen Legenden, welche der Kulturszene Ostendes als Fundament dienen. Weitaus bekannter ist sein Zeitgenosse James Ensor (1860 - 1949), dessen Werk allgegenwärtig ist. Neben dem „Ensor Museum“, das leider bis 2020 geschlossen ist, sollte man hier auch den Weg in das „Mu.ZEE“ suchen. Die aktuelle und verlängerte Ensor Ausstellung „Träume aus Perlmutt“ zeigt unter anderem Leihgaben der „Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen“. Der Künstler gehört zu Recht zu den bekanntesten Menschen aus Ostende: Seine Werke sind mit einer bestechenden Zahl von Details und Farben gesättigt und halten einen dazu an, zu verweilen und jedes Detail zu genießen. Allein die künstlerische und technische Vielfalt, die Ensor an den Tag legte, machte ihn zum Ausnahmekünstler.

Bewegende Bilder

Wer seinen Weg ins „Mu.ZEE“ gefunden hat, sollte die Gelegenheit beim Schopf packen und auch die restlichen Ausstellungen besichtigen. Neben wechselnden Ausstellungen wurde vergangenes Jahr der Servais-Flügel eröffnet. Raoul Servais (1928) produziert seit den 1960er Jahren Animationsfilme. In der beeindruckenden Ausstellung werden nicht nur einzelne Zeichnungen und Ausschnitte auf den Bildschirmen gezeigt, sondern in einem kleinen, offenen Kino auch ganze Kurzfilme des Künstlers vorgeführt. Die inhaltliche und stilistische Vielfalt wie auch die Technik beeindrucken auch heute. Für Kenner wie auch für Neulinge der Animationskunst bietet sich hier ein hervorragendes Schmankerl, in das man stundenlang eintauchen kann.