MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Ein Milliardär darf in Paris die ehemalige Warenbörse zu einem Museum für moderne Kunst umbauen

Der breiten Öffentlichkeit ist François Pinault in Frankreich weitgehend unbekannt. Dabei gehört der 83 jährige Milliardär zu den wichtigsten Personen der französischen Wirtschaft, die er über 30 Jahre lang entscheidend mitgestaltet hat. Und: François Pinault ist seit Jahren der weltweit wichtigste Sammler zeitgenössischer Kunst. Seine verschiedenen Sammlungen, in die sein Kunstbesitz sich mit der Zeit unterteilt hat, belaufen sich aktuell auf 5.000 Exponate. So etwas will – zumindest in Teilen – ausgestellt sein.

In seinem eigenen Heimatland hat der Bretone in der Vergangenheit nicht viel Glück gehabt, wenn es darum ging, ein Museum zu bauen, in dem die verschiedenen Tendenzen heutiger Kunst in der Welt einen Platz finden konnten. Seine Idee, mit eigenem Kapital den schönen Künsten einen Platz auf der Insel Séguin mitten in der Seine zu geben - wo in der Vergangenheit Renault Autos gebaut hatte, wurde in der französischen Bürokratie lange hin und her gewendet. Am Ende verlor der Unternehmer die Lust an dem Pariser Projekt. Er installierte im Jahre 2006 zwei Bereiche seiner Sammlungen zum Entsetzen der Pariser Kulturwelt in Venedig, im Palazzo Grossi und in der Punta della Dogana.

Aber wie es aussieht, verwirklicht der 83Jährige nun seinen Lebenstraum doch noch. Vor drei Jahren schloss er mit der Stadt Paris einen Vertrag. Die Stadt übergab ihm für die Dauer von 50 Jahren das Gebäude der ehemaligen Waren-Terminbörse. Ein beachtlicher Rundbau, der nach fast 700 Jahren Geschichte erhebliche Patina angesetzt hatte und nach und nach vergammelte. Gut 160 Millionen Euro wendet Pinault aus seinem Vermögen auf, um die gewaltige Rotunde herzurichten.

Pinault hat als führenden Architekten den japanischen Star Tadao Ando gewonnen. Der hatte bereits die beiden Museen in Venedig für ihn gestaltet. Eigentlich sollte Ende des Jahres die Eröffnung sein. Mit den obligatorischen Verzögerungen sollen die Arbeiten nun im Sommer kommenden Jahres beendet sein.

Die älteste Metallstruktur Frankreichs

Von den 160 Millionen wird etwa ein Drittel für den Umbau des Gebäudes und seine Reinigung verwendet. Die Fassade wird außen und innen gereinigt. Dabei waren innen Schwierigkeiten zu überwinden, stehen Teile des Gebäudes doch unter Denkmalschutz. Die Glaskuppel wurde restauriert. Sie besteht aus der ältesten Metallstruktur Frankreichs aus dem Jahre 1811, war ursprünglich mit Blei überlagert wie Notre Dame. Die Bleiplatten waren später durch Glas ersetzt worden. Geprägt wird der ursprüngliche Innenraum durch eine 1.400 Quadratmeter große Freske, die die fünf Erdteile darstellt. Allegorie für den Welthandel, der seit 1945 in der Warenbörse einsetzte. Prägend wirkt sich weiter ein begehbarer Betonzylinder aus. Entlang des Zylinders gibt es eine Treppe, die sich zu den jeweiligen Ausstellungsräumen öffnet. Architekt Tadao Ando gibt hier durch die unterschiedlichen Größen der Galerien den unterschiedlichen Sammlungen Pinaults die Möglichkeit, sich darzustellen. Passend zur entstehenden Extravaganz des neuen Kulturortes in Paris soll ganz oben ein Belvedere entstehen, in dem zwei Starköche zu Genüssen einladen sollen. Insgesamt sollen 3.000 Quadratmeter für Ausstellungen zur Verfügung stehen. Zehn Ausstellungen soll es pro Jahr geben. Und: Das neue Museum soll eng mit den beiden Pinault Museen in Venedig kooperieren. Mit der Einigung zwischen der Stadt Paris und Francois Pinault erhält ein Gebäude eine neue Zukunft, das über Jahrhunderte die Stadtkultur geprägt hat und durch private Initiative eine neue Bestimmung erhält. Weder Frankreich noch die Paris verfügen über die Mittel, ihre geschichtlichen Gebäude in präsentablem Zustand zu erhalten. Pinault eröffnet zumindest für eines nun eine Zukunft. Und er setzt sich selbst und seiner Familie mindestens für die kommenden 50 Jahre ein Denkmal. Bei seiner Geburt im Jahre 1936 in einem Dorf im Norden der Bretagne war nicht abzusehen, welchen Lebensweg er nehmen würde. Mit 16 Jahren schmiss er die Schule und ging in einem Sägewerk und im Holzhandel arbeiten. Die Tochter des Eigentümers heiratet er. Aus dem Unternehmen seiner Schwiegereltern baute er ein Holzimperium auf.

Vom Holzhandel zum Handelsimperium

Das wirkliche unternehmerische Geschick aber zeigt sich erst in den 90er Jahren. Er übernimmt aus dem Imperium des Bernard Arnault (LVMH) die Möbelkette Conforama, kauft dann nach und nach das Kaufhaus Printemps, das Versandhaus La Redoute und das Kulturkaufhaus Fnac hinzu. Damit nicht genug, legt er sich doch das politische Magazin Le Point zu und kauft dann das vorwiegend auf Kulturauktionen spezialisierte Versteigerungshaus Christies. Der Konzern firmiert unter dem Titel PPR (Pinault Printemps Redoute) und wird später von seinem Sohn François-Henri in den Börsen notierten Konzern Kering umgewandelt. Die Familie Pinault kontrolliert 40 Prozent des Konzern-Kapitals.

Die Chefs der beiden großen Familienclans in Frankreich – Bernard Arnault und François Pinault - hätten sich im Prinzip nie Konkurrenz machen müssen, wäre da nicht eines Tages in Italien der Luxuswaren-Konzern Gucci zu verkaufen gewesen. Pinault griff zu, sicherte sich 60 Prozent des Kapitals und wurde zum Konkurrenten des Mode- und Luxusgüterzaren Bernard Arnault. In der Folge erweiterte er den Bereich um Yves Sant Laurent, Boucheron, Balenciaga, Alexander Mc Queen. Einer Übersicht über die reichsten Franzosen des Wirtschaftsmagazins Challenges zufolge beträgt das Firmen- und Privatvermögen der Pinaults heutzutage um die 30 Milliarden Euro. Seit 2006 hat sich der Senior der Familie der Kunst verschrieben. „Die Leidenschaft für Kunst ist, wie für Gläubige, religiös. Kunst ist meine Religion geworden. Es mag banal sein, aber: Sie besitzen Kunst nicht, Kunst besitzt Sie. Es ist, wie wenn man verliebt ist“, sagt er zu seiner Leidenschaft des Sammelns zeitgenössischer Kunst. Auch hier ist er zum Konkurrenten von Bernard Arnault geworden. Der hat 2014 seine Stiftung „Louis Vuitton“ in Paris angesiedelt.