LUXEMBURG
GERHARD KLUTH

Schuberts „Große“ in der Philharmonie

Eine Stunde geballte Musik. Eine Stunde ein ständiges Fortschreiten von Höhepunkt zu Höhepunkt. Eine Stunde ein Vollbad in Klängen. Das bot das Orchestre Philharmonique du Luxembourg (OPL) unter der Leitung seines Chefdirigenten Emmanuel Krivine dem Publikum in der Philharmonie. Zur Aufführung kam die achte Sinfonie von Franz Schubert, die aus gutem Grund auch „die Große“ genannt wird. Robert Schumann, dem wir verdanken, dass dieses Werk nicht in der Versenkung verschwand, verglich sie mit einem „dicken Roman in vier Bänden von Jean Paul“. Recht hatte er und wer eine Vorliebe für kleine, dünne Taschenbücher hat, bei denen man schon nach fünf Seiten weiß, wie die Geschichte ausgeht, für den war das D 944 eine zu schwere Kost. Wer sich aber einließ auf ausführliche Beschreibungen, wer bereit war, einzutauchen in diesen Kosmos neuer sinfonischer Ideen, der wurde belohnt. Er durfte diese großartige Brücke bewundern, die den Bogen von den Sinfonien Beethovens zu denen Anton Bruckners schlug und ein einzigartiges Bauwerk in der musikalischen Landschaft des 19. Jahrhunderts darstellt.

Innere Strahlkraft

Aber bei aller Begeisterung, die dieses Opus auslöst, da es so viel innere Strahlkraft hat; die Interpretation Krivines hatte auch ihre Schwächen. Zu oft erging sich sein Dirigat in überflüssigen Details, bremste er seine bestens vorbereiteten Musiker mit Philippe Koch als Konzertmeister, aus. Immer wieder begrenzte er die Räume, in denen sich das Orchester bewegen konnte, nahm dem OPL und der Musik die Weite. Und doch tat es dem Werk keinen Abbruch. Welch einen Kontrast bildete dieser Schubert zu Michael Jarrells „Émergences“ aus dem Jahre 2011, das nach der überaus farbenreichen Orchesterfassung von Maurice Ravels „Une barque sur l’océan“ vor der Pause erklungen war. Während bei Schubert eine ganz normale Orchesterbesetzung reichte, um Großes darzustellen, bedurfte es bei Jarrells formal als Konzert für Violoncello und Orchester angelegtes Werk eines riesigen Apparates. Nebst großer Ausstattung an Streichern und Bläsern musste das OPL vom Glockenspiel bis zu vier Gongs so ziemlich alles auf die Bühne stellen, was die Waffenkammer der Schlagzeuger bereit hält. Harfe und Celesta durften natürlich auch nicht fehlen. Ideenreich ist vielleicht die treffendste Beschreibung dieses Konzertes. Jarrell reiht sehr viele Ideen aneinander, die sich verästeln und ineinander verschwimmen. Ein klares Bild hingegen konnte sich nicht entwickeln. Bewundern hingegen musste man die begnadete Virtuosität des Solisten Jean-Guihen Queyras. Er musste sein wundervolles Instrument an manchen Stellen so traktieren, dass man sich sorgen machen musste. Welch ein Sonnenaufgang, als Queyras als Zugabe das Prélude aus Johann Sebastian Bachs erster Cello-Suite spielte. Wie herrlich konnte sein Cappa-Cello von 1696 hier singen. Wie lebhaft bedachte das Publikum hier mit Applaus.