LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Das „Female Board Pool“ schult und begleitet Frauen, die in einen Verwaltungsrat wollen

Sie sind Unternehmerinnen, Lehrbeauftragte oder Abteilungsleiterinnen. Die acht Frauen, die an diesem Tag zum Einführungsseminar des „Female Board Pool“ gekommen sind, haben aber eines gemeinsam: Sie alle interessieren sich dafür, in einem Verwaltungsrat zu sitzen. Deshalb wollen sie erfahren, worauf es ankommt. Seit die Luxemburgerin Viviane Reding in ihrer Rolle als Vizepräsidentin der EU-Kommission 2012 den ersten Vorstoß für eine Erhöhung des Frauenanteils in den Verwaltungsräten unternommen hat, ist viel passiert. Nach dem Regierungswechsel hat sich die jetzige Regierung darauf festgelegt, dass in allen Unternehmen mit Staatsbeteiligung die 40 Prozent erreicht werden sollen.

Irgendwoher müssen die Frauen allerdings kommen. Deshalb beauftragte die Regierung Bettel das „Maison du Coaching, Mentoring et Consulting a.s.b.l.“ (M.C.M.C.) damit, geeignete Kandidatinnen ausfindig zu machen, vorzubereiten und zu testen. „Bislang verfügen wir über 400 Namen“, versichert M.C.M.C.-Leiterin Rita Knott. Sie sitzt selbst in drei Verwaltungsräten und weiß, wovon sie spricht.

Das M.C.M.C. arbeitet bei der Initiative „Female Board Pool“ mit der Schweiz und Belgien zusammen. Die Verwaltungsrätinnen auf Abruf werden bereits nachgefragt. Wenn ein Unternehmen bei Knott wissen will, ob sie eine geeignete Kandidatin hat, gleicht sie das Profil der Wunschbesetzung mit den vorhandenen Profilen ab. „Darüber hinaus haben wir eine Konvention mit dem Gleichstellungsministerium unterschrieben“, sagt Knott.

Gefragte Qualitäten

Geeignete Kandidatinnen sollten mindestens fünf Jahre Berufserfahrung haben und in leitender Position tätig sein. Die Bandbreite kann von führenden Akademikerinnen bis hin zu Unternehmerinnen reichen. Darüber hinaus werden andere Qualitäten gefragt wie gute Kommunikation, die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung, sicheres Urteilsvermögen oder Teamfähigkeit. Da in Luxemburg nur 13 Unternehmen börsennotiert sind, kommt der Bedarf wahrscheinlich eher aus den kleinen und mittleren Unternehmen, die über 80 Prozent aller Unternehmen ausmachen. Bislang sind nur elf Prozent der Verwaltungsräte in börsennotierten Unternehmen weiblich, 15 Prozent in den Verwaltungsräten mit Staatsbeteiligung und 19,22 Prozent in den Verwaltungsräten öffentlicher Einrichtungen. Das steht in keinem Verhältnis zum Anteil diplomierter junger Frauen, der in Luxemburg bei über 50 Prozent liegt.

Vorteile von Frauen im Verwaltungsrat

Warum überhaupt Frauen in einem Aufsichtsrat sitzen sollten, erklärt den Kandidatinnen des Seminars der Schweizer Professor Martin Hilb. Der Professor der Universität Sankt Gallen ist heute nicht persönlich da. Knott zeigt die Aufzeichnung einer Rede. Hilb macht den Zuhörern klar, dass die meisten Aufsichtsräte aus weißen Männern über 60 Jahren bestehen - die eine Tendenz haben, die Dinge gleich zu beurteilen.

Große Skandale wie Enron oder Parmalat aber beruhen auf einem Mangel an Anpassung an veränderte Bedingungen, Strategie, Risikomanagement und eben einer schlechten Auswahl der Aufsichtsräte, erklärt Prof. Hilb. Er hält nichts davon mehr als sieben Aufsichtsräte zu haben - und auch das nur bei großen Unternehmen. Die Aspirantinnen sind beeindruckt und aufmerksam. Dann kommt Monique Bachner. Die Rechtsanwältin sitzt selbst im Verwaltungsrat und erklärt den juristischen Rahmen. So sind Verwaltungsratssitzungen geheim. Zwar findet Bachner mehr Diversifizierung bei Aufsichtsräten gut. „Aber damit steigt auch die Reibung“, warnt sie.

Eine Frau allein ist zu wenig

Eine einzelne Frau im Aufsichtsrat fühlt sich oft nicht verstanden - und geht. „Erst mit 30 Prozent Frauenanteil kann eine Veränderung nachgewiesen werden“, sagt die Juristin. Eine Teilnehmerin erinnert an Betty Fontaine. Die luxemburgische Vorzeigeunternehmerin und Brauereibesitzerin hatte im Oktober 2014 ihr Mandat im Verwaltungsrat der luxemburgischen Zentralbank niedergelegt. Dort war sie die einzige Frau.

Bachner gibt Tipps, rät zu einer Rechtschutzversicherung, um nicht eines Tages von Anwaltskosten erdrückt zu werden und weist auf das „Institut Luxembourgeois des Administrateurs“ (ILA) hin. Dort gibt es gegen zwei Empfehlungen und 270 Euro eine Jahresmitgliedschaft und Weiterbildung zum Thema Verwaltungsrat. Laut Bachner sollte ein Mandat zwischen vier und zwölf Jahren dauern - nicht länger. „Aber man kann jederzeit gehen oder abgesetzt werden“, erklärt sie.

Davos mit peinlichem Resultat

Bachner weist noch auf den Rahmen hin. Beim Wirtschaftsgipfel in Davos beispielsweise durften die Sponsor-Unternehmen fünf Mitarbeiter schicken - wenn einer davon eine Frau war. „Sehr viele schickten nur vier Männer“, bedauert Bachner. „Nur 15 Prozent der 2.500 Teilnehmer waren Frauen.“

Sie erinnert auch an den Hacker-Angriff auf Sony. Im Zuge der Veröffentlichungen wurde klar, dass der CEO doppelt soviel verdiente wie die Co-CEO.

„Als Personalchefin habe ich oft erlebt, dass Frauen zu zurückhaltend sind und lieber über Atmosphäre reden, statt ein Gehalt zu fordern“, stellt Knott fest.

Auf die Aspirantinnen warten noch weitere Seminare. Sie sollen Bilanzen lesen lernen und sich mit Gepflogenheiten, Risiken und Chancen ihres angestrebten Mandats auseinander setzen. Es geht um Selbstmarketing und das richtige Verständnis für die Arbeit. Die Stimmung ist entspannt. Die Kandidatinnen wollen alle weitermachen. Zum Abschluss geben sich alle sehr motiviert. Wenn sie die Fortbildung abgeschlossen haben, muss nur noch ein Unternehmen nach ihrem Profil fragen.


www.female-board-pool.com und www.mcmc.lu