LUXEMBURG
SARAH LIPPERT

Der neue Roman der Wiener Schriftstellerin Vea Kaiser ist ein echter Pageturner für laue Herbstabende

Vea Kaiser hat mit „Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger“ ihren dritten Roman veröffentlicht. Und wie bereits in dem 2012 erschienen Erstling „Blasmusikpop“ hält sich die 1988 geborene und zum Shootingsstar der österreichischen Literaturszene avancierte Vea Kaiser an die Rezeptur, die sie auch bisher zum Erfolg geführt hat: etwas Heimatkitsch, gemischt mit Grotesk-Skurillem und einer Prise schwarzem Humor.

Lorenz, 31-jähriger Prischinger-Spross, erlebt gerade eine depressive Phase in seinem Leben. Der einstmals gefeierte Schauspieler muss feststellen, dass man mit 31 durchaus schon zum alten Eisen gehören kann. Die Engagements werden seltener, seine Freundin trennt sich von ihm und anstatt Geld zu sparen, um die gestapelten und ungeöffneten Rechnungen zu bezahlen, shoppt er lieber im Internet. Bis er seine Wohnung untervermietet und zu seiner Tante Hedi und ihrem Mann Willi zieht. Während die beiden mit ihrer ureigenen Tatkraft und deftiger Kost versuchen, Lorenz „zurück auf die richtige Bahn“ zu lenken, geschieht das Unfassbare: Willi stirbt.

Der letzte Wunsch

Willis letzter Wunsch, in seinem Geburtsland Montenegro begraben zu werden, wird zum Problem: Denn um ihm diesen Wunsch auf legalem Wege erfüllen zu können, fehlt das Geld. Aber Lorenz’ drei Tanten, Hedi, Mirl und Wetti, die von Kindesbeinen an wie Pech und Schwefel zusammengehalten haben, schlagen eine äußerst unkonventionelle Lösung vor: Der Metzger von nebenan, der eine Schwäche für Tante Mirl hat, lässt sich überreden, den Leichnam Willis in einem seiner Kühlräume einzufrieren, damit der Leichnam die Fahrt in das über 1.000 Kilometer entfernte Montenegro ohne größere Zersetzungs- und Fäulniserscheinungen übersteht. Kurzerhand wird Onkel Willi in seinem alten Fiat Panda auf den Beifahrersitz geschnallt, mit Bronzepuder wird die Leichenblässe übermalt, die drei Tanten nehmen auf der Rückbank Platz und Lorenz nimmt jetzt im wahrsten Sinne des Wortes endlich einmal das Steuer in die Hand. So beginnt nach etwa 200 Seiten ein überaus eigensinniges Roadtrip-Szenario ein, dessen Ende nun wirklich nicht voraussehbar ist. Doch geht es in diesem Roman weniger um die Gegenwart des Lorenz als um die Vergangenheit jener Tanten und Onkel, die ihn immerzu unterstützen. Abwechselnd mit dem gegenwärtigen Leben von Lorenz, werden verschiedene Episoden aus dem Leben des Tantentrios Hedi, Wetti, Mirl und Hedis Mann Koviljo, genannt Willi, erzählt. So wird aus Vea Kaisers Erzählung eher eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Österreichs als eine Abrechnung mit einer als oberflächlich empfundenen Gegenwartsgesellschaft. Und aus dem Puzzle, als das sich der „Rückwärtswalzer“ präsentiert, wird eines klar: Die Gegenwart ist immer ein Resultat des Vergangenen.

Und auch wenn es den Figuren manchmal an Tiefgang fehlt und sie in ihrer Plakativität den Eindruck hinterlassen, als würden sich Menschen im Laufe ihres Lebens nicht wirklich verändern, wachsen sie dem Leser dennoch im Laufe der Lektüre ans Herz, repräsentieren sie in ihrem Zusammenhalt doch eine ideale Auffassung von Familie. So erscheint der Titelverweis auf die Manen, römische Ahnengeister, die man mit Ritualen milde stimmte, damit aus ihnen keine bösen Totengeister, sogenannte Larvae würden, durchaus stimmig. Die Toten haben in Vea Kaisers Roman die Lebenden niemals verlassen, sie bestehen weiter in der Spur, die sie in der Lebensgeschichte der anderen hinterlassen haben. Sich ihrer zu erinnern, ist das Ritual, das sie milde stimmt.

Schnörkellose Sprache

Dabei versteht es Vea Kaiser, die skurrilen Ereignisse in einer derart geradlinigen, schnörkellosen Sprache zu formulieren, dass der Ton des Buches an sich gewissermassen für die Glaubwürdigkeit der Ereignisse - ungeachtet ihrer Ungewöhnlichkeit - zu garantieren scheint. Zudem erhöht sich durch den schnöden Ton der Unterhaltungswert des Buches, das einen wie ein guter Film zu fesseln weiß, sodass der Leser schließlich denkt, 423 Seiten seien nicht eine Seite zu viel gewesen. Wer sich diese klare Formulierungsweise außergewöhnlicher Begebenheiten live anhören will, kann am heutigen Abend Vea Kaisers Lesung in der Cité Bibliothèque besuchen. Wer dazu keine Zeit hat, soll sich das Buch schnappen. Die regnerische Herbstzeit schmunzelnd vertreiben, das kann man sich damit allemal.

Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger. Kiepenheuer Witsch, 432 Seiten, 22 Euro

Wanted Writer

Schéin, du wëlls mech! Just firwat wëlls de mech? A wann s de mech bis hues, wat wëlls de da mat dir maachen? Als éischt solls du mol erausfannen, wien ech sinn. Fir datt s du dat erausfanne kéins, misst ech et emol selwer wëssen.

Mee wie weess scho wien en ass! Kanner, seet meng Fra, d’Kanner hëllefen dir dobäi, dech selwer ze fannen. Kanner hunn ech gär, meng eegen, meng Enkelen, „meng“ Kanner an der Schoul, hir oppe Fantasie, hir fantastesch Oppenheet, iwwer 50 Theaterstécker fir Kanner, an ëmmer wann eent dovu gespillt gëtt, freeën ech mech wéi e klengt Kand. Jo d’Kanner weisen dir, wien s du bass, an d’Bühn, den Theater, kënnen dir och hëllefen. Wann an der Realitéit Theater gespillt gëtt, da kann d’Bühn d’Chamber sinn, zum Beispill, oder d’Kierch oder de Klassesall, theatralesch Situatiounen, dacks weess de net, ob s du laachen oder kräische solls.

Mee wann op der Bühn d’Realitéit gespillt gëtt, dann ass ee meeschtens am Kabaret, am politeschen a sozial-kriteschen, da fléien d’Fatzen, dann hale mir iech de Spigel virun äre gefotoshoppte Selfie. 30 Joer Kabaret hannerloosse Spuren, d’Welt ass eng aner ginn an ech och: war de Kabaret, par définition, ëmmer och populistesch, esou kann en dat haut net méi sinn, déi Plaz ass elo vun anere besat a mat deene wëlls de net verglach ginn.

Bleift nach meng éischt Léift, d’Musek, well si huet mech ni sëtze gelooss. Wa guer näischt méi goung, wann ech um Buedem war, zerstéiert an um Enn, da war si d’Trap an den Himmel. Blues a Rock a Punk an Jazz hu mir méi wéi eemol d’Liewe gerett, dofir stinn ech déif an der Schold, ech hunn eppes zréckzeginn a probéieren dowéinst mäint bäizesteieren. Du kanns net nëmmen huelen, du muss och ginn.

An dann d’Bicher! A menge Bicher beschäftegen ech mech dacks a gär mat deene Béisen a Schlechten. An dat ass och gutt esou, well mat deenen aneren hunn ech am richtege Liewen ze dinn. Rausfonnt wien ech sinn? Schreif mer et a gewann mäin aktuellt Buch: journal[at]journal.lu