CORDELIA CHATON

Eine gute Woche ist es her, dass ein Gericht im irischen Cork einen 27-jährigen Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung eines 17-jährigen Mädchens freigesprochen hat. Seine Anwältin gab in ihrem Plädoyer dem Opfer die Schuld und unterstellte sein Einverständnis: „Sie müssen sich ansehen, wie sie angezogen war. Sie hat einen String-Tanga mit Spitze getragen“, giftete sie.

Daraufhin kam es nicht nur in der Hauptstadt Dublin sowie in Cork zu Protesten, bei denen Hunderte Menschen Slips vorzeigten, die aus Spitze bestanden oder Strings waren, um darauf hinzuweisen, dass persönlicher Kleidungsgeschmack kein Freibrief für Vergewaltigung ist. Auch auf Twitter wiesen zahlreiche Menschen unter dem Hashtag #ThisIsNotConsent und dem Post eines Fotos eines Slips darauf hin, dass sie zwar gern Spitze tragen, doch ihre Zustimmung zum Geschlechtsverkehr nicht davon abhinge.

Der Vorfall führte sogar dazu, dass die irische Abgeordnete Ruth Coppinger im Parlament einen schwarzen String-Tanga vorzeigte und anprangerte: „Die 17-Jährige wurde wegen der Wahl ihrer Unterwäsche auf die Anklagebank gesetzt.“

Wir leben im Jahr 2018 und es ist unglaublich, dass eine Jury bestehend aus acht Männern und vier Frauen eine solche, einstimmige Entscheidung trifft und ein solches Plädoyer klaglos hinnimmt. Irland ist katholisch, sicher. Aber macht das aus jeder Frau, die nicht weiße, kochbare, am besten knielange Wirkware aus Baumwolle trägt, automatisch eine Hure? Müssen Irinnen in der Konsequenz dulden, dass Männer ihnen demnächst unter den Rock schauen und dann - je nach persönlicher Beurteilung der Lage - kräftig zur Tat schreiten? Es gibt viele Frauen - auch junge Mädchen - die an Unterwäsche Freude haben und gern Spitze tragen; in welcher Form auch immer. Sind das alles potenziell zum Abschuss freigegebene Opfer? Das kann nicht wahr sein.

Das Schlimmste ist, dass dahinter eine Logik steckt, in der der Mann allein entscheidet und doch das Opfer ist. Wie soll der Arme ja auch wissen, dass sie nicht einverstanden ist, wo sie nur geschrieen und ihn geschlagen hat und doch so einen interessanten String trug? Das ähnelt in erschreckender Weise der Logik radikaler Islamisten, bei denen eine Frau schon sündigt, wenn sie einen Mann anschaut, kein Kopftuch trägt oder überhaupt als Frau zu erkennen ist. Letzteres wird gern als Begründung für die Burka benutzt. Müssen Irinnen sich demnächst komplett grün verhüllen, damit sie nicht Opfer eines Verbrechens werden, dass als Kriegswaffe und Methode der psychologischen Zerstörung anerkannt ist?

In Luxemburgs Nachbarländern Deutschland und Frankreich wird im statistischen Durchschnitt alle zwei bis drei Tage eine Frau von ihrem früheren oder aktuellen Lebensgefährten getötet. Das Problem geht durch alle gesellschaftlichen Schichten. Es sagt viel darüber aus, wie Frauen in der Gesellschaft angesehen werden.

Noch ein Wort zum String: Schon vor dem Auszug aus Afrika vor mehreren zehntausend Jahren sind ähnliche Kleidungsstücke belegt, beispielsweise bei den Khoisan im südlichen Afrika, wo sie vor allem von Männern seit Jahrtausenden getragen werden. Eine Einladung zur Vergewaltigung hat niemand darin gesehen.