SEW-Präsident Patrick Arendt über den Auftrag der öffentliche Schule,den Sprachenunterricht und die Politik von Minister Meisch

Das „Syndikat Erzéiung a Wëssenschaft“ (SEW) ist „nicht einverstanden mit der grundlegenden Philosophie“ hinter der Politik von Bildungsminister Claude Meisch. Mit den jüngsten Reformen werde letztendlich der Auftrag der öffentlichen Schule, alle Schüler unabhängig ihres Hintergrunds zum selben Ziel zu führen, infrage gestellt, meint der Vorsitzende des OGBL-Syndikats, Patrick Arendt, der deshalb von einer gefährlichen Entwicklung spricht. Bei anderen Projekten fehlte es indes an Konzepten. Lediglich in der Berufsausbildung scheint die Gewerkschaft derzeit Gehör beim Ministerium zu finden.

Chinesisch als Wahlfach, englischsprachige Sekundarschulklassen, insgesamt mehr Autonomie: Für das Gewerkschaftssyndikat SEW stellt Bildungsminister Claude Meisch derzeit die Weichen für eine Entwicklung, durch die öffentliche Schule ihre Rolle als gesellschaftlicher Kohäsionsfaktor verliert. Schon unter seiner Vorgängerin sei hierfür das Terrain vorbereitet worden, sagt Patrick Arendt, Vorsitzender des Syndikats. „Wir wissen, dass die Kinder einen sehr heterogenen Hintergrund haben. Damals wurde gesagt: ,Wir holen jedes Kind dort ab, wo es steht‘. Aber der zweite Teil des Satzes, dass wir auch alle zum selben Ziel führen, fehlte.“ Arendt befürchtet, dass Eltern in Zukunft den Überblick über das Bildungsangebot und letztlich den Durchblick verlieren und ihre Kinder falsch orientieren. Als ein aktuelles Beispiel nennt der SEW-Präsident das englischsprachige Angebot im „Lycée Michel Lucius“. Viele würden meinen, es handele sich um ein Angebot des Bildungsministeriums, so Arendt, dabei würden Lizenzen eingekauft und die Examen in Großbritannien korrigiert. Außerdem würden so manche Schüler um Schwierigkeiten mit dem Deutschen oder dem Französischen vorbei an ihr Abitur kommen - aber mit Blick auf das Französische später großen Problemen bei der Arbeitssuche begegnen.

„Wir werden Ghettoschulen bekommen“

Anderes Beispiel: Bereits jetzt zeichne sich ab, dass verschiedene Sekundarschulen auf die besten Schüler aus seien. Absehbar sei daher auch, dass es andere Schulen geben werde, die vornehmlich schwächere Schüler besuchen. Eine ähnliche Entwicklung sei auch im „Fondamental“ möglich, wenn Grundschulen ermöglicht wird, sich zu spezialisieren, meint Arendt. „Eltern wählen Schulen nie aufgrund ihres pädagogischen Angebots, sondern aufgrund der Schulbevölkerung aus“, sagt er und fügt hinzu: „Wir werden Ghettoschulen bekommen.“ Das sei nicht zuletzt auch einer gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet. Für den SEW-Vorsitzenden geht das Prinzip der Solidarität, dass die Stärkeren den Schwächeren helfen, immer mehr verloren.

Der Lehrer bedauert, dass diese Entwicklung nicht weiter hinterfragt wird. Das führt Arendt zum einen auf die Kommunikationsstärke von Minister Meisch zurück. „Er bringt es fertig, dass kritische Stimmen nicht mehr gehört werden.“ Andererseits würden die Akteure in der Bildung vor - zumindest fast vollende - Tatsachen gestellt werden. Im Vorfeld von Reformen würden die Akteure in der Bildungslandschaft nicht informiert oder gar konsultiert werden, die Gesetzesentwürfe anschließend möglichst schnell durchs Parlament geschleust. Eine Diskussion bliebe so aus. „Wir müssen schon nicht einverstanden sein mit einem Vorhaben und trotzdem eingebunden werden können“, sagt der SEW-Vorsitzende.

Debatte über Sprachenunterricht

Der SEW vermisst außerdem eine Debatte über die Art und Weise, wie Sprachen gelehrt werden sollen. Für das Syndikat fest, dass an den vier Sprachen Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch kein Weg vorbeiführt und ein Weglassen oder Heruntersetzen der Anforderungen keine Lösungen sind. Ziel müsse immer noch sein, sich in diesen Sprachen auszudrücken zu können. Allerdings: Was vor 30 Jahren im Unterricht noch funktioniert haben mag, funktioniere heute eben nicht mehr. Das SEW schlägt etwa vor, dass Schüler im Lyzeum eine bevorzugte Sprache wählen. Die anderen Sprachen (Deutsch, Französisch oder Englisch) müssten auf dem Niveau einer Kommunikationssprache erlernt werden.

Für Arendt besteht indes kein Zweifel daran, dass das Sprachniveau in der öffentlichen Schule allmählich sinkt. Die Universität erkenne das luxemburgische Abitur nicht an, weil Absolventen mit einem Sekundarschuldiplom, die sich zum Grundschullehrer ausbilden lassen wollen, einem „Examen-Concours“ stellen müssen. Meistens würden weniger Bewerber genommen als freie Plätze zur Verfügung stehen. Der Staat selbst sei ebenfalls unzufrieden mit den sprachlichen Fähigkeiten der Kandidaten für den Staatsdienst, die über ein luxemburgisches Abschlussdiplom verfügen. Viele scheiterten am Sprachtest, obwohl die Anforderungen nicht sonderlich streng seien. „Der Staat erkennt sein eigenes Diplom nicht mehr an“, fasst Arendt seinen Standpunkt zusammen.

Mit gemischten Gefühlen blickt das SEW auch auf die mehrsprachige Bildung ab diesem Herbst in der Früherziehung. Bislang sei noch nicht absehbar, wie das Programm in der Umsetzung aussehen wird. Zwar sei es sinnvoll, darüber nachzudenken, wie man Luxemburgisch-sprachigen Kindern die Angst vor dem Französischen nehmen kann, „wenn es aber im Endeffekt lediglich darauf hinausläuft, dass wir im ,Précoce‘ zweimal pro Woche ein französisches Lied singen, dann haben wir das heute schon.“

Arendt stellt nicht infrage, dass Kinder mehrere Sprachen parallel erlernen können. Allerdings funktioniere das eigentlich nur in einer Situation, in der die Verwendung einer anderen Sprache auch notwendig ist, also etwa im Kontakt mit einem zweiten französischsprachigen Erzieher - den es im öffentlichen Bildungssystem aber nicht gebe. Außerdem bedauert der SEW-Präsident, dass sich nicht schon im Vorfeld darüber Gedanken gemacht wurde, wie die Annäherung an das Französische und das Luxemburgische in der Praxis aussehen soll, anstatt dass jetzt jeder für sich ein Konzept ausarbeite. Das Rahmenkonzept gebe dazu nicht viel her.