THIERRY PAULUS, HISTORIKER
„Eine gemeinsame Lösung sollte gefunden werden“, sagt Historiker Thierry Paulus - Lëtzebuerger Journal
„Eine gemeinsame Lösung sollte gefunden werden“, sagt Historiker Thierry Paulus

Gestürzte Verlierer: Spätestens nach den Unruhen in Charlottesville sind die Streitereien über Bürgerkriegsdenkmäler aus den USA auch hier in Europa ein Begriff. Dort sollen Denkmäler für Südstaatler verschwinden, weil sie den dunklen Zeiten der Sklaverei und dem Widerstand gegen die Freiheitsbewegung unter der „Jim Crowe“-Ära ein Bildnis setzten. Dagegen regt sich aber heftiger Protest, auch weil eine Vielzahl an Menschen die Zerstörung und Entfernung der Statuen als Löschen von Geschichte sehen. Auch hier ist die Diskussion nicht mehr fern: Derzeit berät eine Gemeinde in Deutschland, eine Glocke einschmelzen und ersetzen zu lassen. Obwohl man das gute Stück nicht einmal sehen kann, könnte sie dennoch weichen – weil sie durch ihre historische Provenienz ein Hakenkreuz und eine Führer-Phrase aufgegossen wurden.

„Die Entfernung von fragwürdigen Denkmälern ist nicht erst seit den Geschehnissen in den USA ein Thema, passiert ist es bereits tausendfach: Nach dem Sturz des Saddam-Regimes im dritten Irak-Krieg folgten Stürze seiner Statuen auf dem Fuße; der Mauerfall brachte etliche zerstörte Denkmäler für strahlende Kommunisten mit sich. Unvergessen auch die explodierende Swastika auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg – die Geschichte bringt es mit sich, dass Teile von ihr zerstört werden. Leider gilt das auch für Orte wie Palmyra, die von den IS-Mitgliedern in die Luft gejagt wurden. Es war nicht das erste Mal, dass historische Überbleibsel im fanatischen Eifer vernichtet wurden – dafür hatten auch bereits die Bilderstürmer und der Ikonoklasmus gesorgt. Es dürfte auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass eine Statue oder ein anderes Kunstwerk plötzlich ein Problem darstellt. Aber wann ist ein Abriss, eine Veränderung oder gar eine Verschandelung von Denkmälern wirklich gerechtfertigt, und wann ist es einfach nur Lynchmob-Justiz?

Klar: Der Ärger um die Statuen ist tief in der Geschichte der Vereinigten Staaten verankert. Genau deshalb sollte es aber möglich bleiben, diese in einer erzieherisch relevanten Form zu erhalten, um auch die dunklen Teile der Vergangenheit nicht vergessen zu lassen. Ab wann ist Schluss? Müssen denn auch alle Gedenken an Gründerväter ausgelöscht werden? An Columbus natürlich auch, an die Vorväter vieler Demokraten sowieso – nicht zu vergessen die etlichen Herrscherdenkmäler in Europa, die Feudalherrscher und Monarchen zeigen. Es muss doch aber eine andere Lösung geben.

Derweil wurde die Errichtung einer anderen Statue in den höchsten Tönen gelobt: Das ,Fearless Girl‘ in New Yorks Wall Street-Bereich steht vor dem heran stürmenden Bullen, der einen ,Bull-Market‘ bezeichnet – einen Markt mit steigenden Preisen und guten Investitionsmöglichkeiten. Genau genommen stünde das kleine ,Fearless‘-Mädchen also dem Wohlstand im Weg. Auch hier gab es genügend Beschwerden, die Statue solle doch wieder entfernt werden, nicht zuletzt mit einer einfachen Begründung: Sie entwertet das bestehende Kunstwerk. Abgerissen wurde das Mädchen bislang nicht, trotz aller Proteste und Beschwerden. Inzwischen hat sich die Situation beinahe normalisiert; eine gemeinsame Lösung steht zwar noch aus, scheint aber nah. Vielleicht wäre es eine gemeinsame Lösung, bei den Südstaaten-Denkmälern Hintergrundinformationen anzubringen und den historischen Kontext ausführlich zu beleuchten.. Unreflektierte und kommentarlose Zeugnisse sollten sie nicht sein. Diese völlig zu entfernen und damit indirekt zu leugnen könnte aber auch im Gegenteil plötzlich gefährlich enden – Geschichte wiederholt sich bekanntlich gern. Eines ist sicher: Protestler mit Autos zu überfahren ist sicherlich nicht die richtige Lösung im Umgang mit der Problematik.“