LUXEMBURG
ANNETTE DUSCHINGER

Diplompsychologe Jan Kossack berichtet über seine Therapiearbeit im Gefängnis

Ein wichtiger Bestandteil des Strafvollzugs ist die sogenannte Täterarbeit. Nicht zuletzt geht es dabei um den Schutz der Gesellschaft, sprich die Vermeidung von Rückfällen, wenn die Strafe abgesessen ist. Mit dem Psychologen Jan Kossack, Spezialist für verschiedene therapeutische Bereiche, wie Systemische Therapie, Tätertherapie, Rechtspsychologie, Psychotraumatologie, kognitive Verhaltenstherapie und Schematherapie, der von 2009 bis 2013 ein zusätzliches Diplom in Forensic Sciences/Forensische Psychotherapie an der Universität Zürich abschloss sprach das „Journal“ über seine Tätigkeit.

Sie arbeiten freiberuflich als Psychotherapeut mit Straftätern in Schrassig. Wie läuft das ab?

Jan Kossack In der Regel werde ich vom Service Psycho-Socio-Educatif (SPSE) kontaktiert und bekomme dann von der Staatsanwaltschaft den Auftrag, eine Therapie mit einem Gefangenen durchzuführen. Mit dem zuständigen Sozialarbeiter und dem Klienten wird die Zielsetzung besprochen und es finden zwischendurch auch Bilanzgespräche mit dem Klienten und dem SPSE statt. Gewöhnlich besteht die Therapie aus Einzelgesprächen mit den Häftlingen, manchmal finden auch Gespräche mit dem Umfeld statt.

Ich arbeite nach dem Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie, genauer gesagt der Schematherapie, die eine Weiterentwicklung der kognitiven Verhaltenstherapie ist. In der forensischen Behandlung steht die Persönlichkeit des Straftäters und das Delikt im Mittelpunkt.

Was machen Sie genau?

Kossack Das oberste Ziel der forensischen Therapie ist die Rückfallvermeidung. Dafür sind zwei Richtlinien der Therapie von Bedeutung: Erstens ist mit dem Klienten daran zu arbeiten, dass er seine Steuerungsfähigkeit erhöht, damit er bewusster wahrnimmt, was ihn zum Delikt geführt hat und wie er aus dem Deliktkreislauf ausbrechen kann. Die zweite Richtlinie ist, die Senkung der Deliktmotivation. Damit ist gemeint, dass es verschiedene Hintergründe gibt, warum jemand ein Delikt begeht.

Das können Persönlichkeitsstörungen sein, sexuelle Präferenzen oder bestimmte emotionale Bedürfnisse, welche beim Klienten in der Vergangenheit nicht ausreichend befriedigt und dann über kriminelles Verhalten kompensiert wurden. Wir arbeiten dann daran, wie die Persönlichkeit und der Umgang mit den emotionalen Bedürfnissen so verändert werden können, damit sich die Deliktmotivation senkt.

In der Straftätertherapie spricht man heute auch von „Risk-Management¨, was bedeutet, dass zu Beginn der Inhaftierung analysiert wird, welches die für die Deliktdynamik relevanten Risikofaktoren waren. Dann stimmt man die therapeutische Behandlung, aber auch andere pädagogische und Arbeits- bzw. Ausbildungsmaßnahmen darauf ab, um die Resozialisierung zu unterstützen.

Sie haben von Risikofaktoren gesprochen - was bringt einen Menschen dazu, straffällig zu werden?

Kossack Die Wissenschaft spricht heute von acht kriminogenen Faktoren, die eine große Rolle bei der Rückfallgefahr von Straftaten spielen können. Anti-soziale Persönlichkeitszüge, wie aggressives oder egozentrisches Verhalten, Gefühlskälte oder manipulatives und verantwortungsloses Verhalten, sowie pro-kriminelle Einstellungen, im Sinne von „Das ist doch nicht so schlimm“ oder auch Substanzmissbrauch gehören zu den kriminogenen Faktoren. Ebenso können auch problematische Beziehungsstrukturen zur Familie oder Partnerin kriminogene Faktoren sein. Im Ausland findet man teilweise so etwas wie Familienzimmer in Haftanstalten, wo Angehörige auch übernachten können und intensiv an der eventuell ungünstigen Familiendynamik gearbeitet werden kann. Probleme in der Schule und bei der Arbeit wie auch sexuell deviante Präferenzen können auch kriminogene Faktoren sein, an welchen dann im Strafvollzug gearbeitet werden kann.

Woran hapert es denn derzeit?

Kossack Wünschenswert wäre, auch gruppentherapeutische Massnahmen anbieten zu können. Gerade bei Sexualstraftätern belegen Studien, dass Gruppentherapien für die Rückfallvermeidung oft wirksamer sind: Die gegenseitige Unterstützung in einer Gruppe und das Gefühl mit diesem Problem nicht allein zu sein, hilft den Straftätern oft, sich zu öffnen und auf die Therapie besser einzulassen. Die Klienten erkennen bei sich gegenseitig oft schnell deliktfördernde Einstellungen oder Handlungen und wenn diese dann benannt werden, hat dies manchmal mehr Gewicht, als wenn nur der Therapeut interveniert. So lernen die Klienten gemeinsam in der Gruppe aus ihrem Deliktkreislauf auszubrechen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt wäre, auch außerhalb des Gefängnisses deliktpräventive, therapeutische Angebote für Straftäter zu gewährleisten, beispielsweise nach einer Entlassung, aber auch für Täter, die nur Bewährungsstrafen haben. Für manche Straftäter wäre es ebenfalls sinnvoll, wenn nach der Entlassung aus dem Gefängnis eine engere Betreuung im Rahmen von sozialtherapeutischen Wohnstrukturen möglich wäre, um den Übergang in die Freiheit zu erleichtern sowie durch die pädagogische und therapeutische Begleitung die Rückfallgefahr zu senken.

Der Schutz von Opfern von Gewalt- oder Sexualstraftaten und somit auch die fachgerechte, an der Rückfallvermeidung orientierte Resozialisierung der Täter sind wichtige Aufgaben unserer Gesellschaft heutzutage.