LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Kompetenzzentrum für sozio-emotionalen Förderbedarf sieht sich auf „Rentrée“ vorbereitet

Im Herbst 2018 hat das „Centre de compétences pour le développement socio-émotionnel“ (CDSE) seine Arbeit aufgenommen. Es ist eines von acht Kompetenzzentren für Kinder und Jugendliche mit spezifischen Bedürfnissen. Für die vom CDSE begleiteten Kinder und Jugendlichen, aber auch die Arbeit mit den Minderjährigen, bedeuteten der Lockdown und die Schließung der Schule eine Belastungsprobe. Auf die Wiederaufnahme der Arbeit in Präsenz ist das Kompetenzzentrum nach Aussagen von Direktorin Diane Dhur aber vorbereitet.

Sie leiten seit Herbst 2018 das „Centre de compétences pour troubles socio-émotionnels“. Können Sie kurz schildern, wie sich das Kompetenzzentrum seitdem entwickelt hat?

DIANE DHUR Als wir unsere Arbeit aufgenommen haben, hatten wir uns vorgenommen, in den ersten Wochen das neue Personal einzuarbeiten sowie Prozeduren zu festigen. Diese Chance hatten wir allerdings nicht, da wir regelrecht überrumpelt wurden. Wir hatten eine Liste von mehr als 100 Kindern, die dringend unsere Hilfe benötigten. Wir haben uns also im September direkt an die Arbeit gemacht und angefangen, massiv spezialisierte Diagnosen durchzuführen bei Kindern, die zuvor häufig schon viel hin- und hergeschickt wurden. Daraufhin haben wir Vorschläge gemacht für die Intervention in der Klasse und Coaching bei den Lehrern, die auf unsere Hilfe gewartet haben. Es werden auch etwa 60 Kinder und Jugendliche in unserer spezialisierten Beschulung betreut. Dort stärken wir ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen, um sie für eine Integration zurück in die Schule fit zu machen.

Mit der spezialisierten Beschulung sind die Intermezzo-Klassen gemeint?

DHUR Im „Fondamental“ war ursprünglich geplant, regionale Intermezzo-Klassen in Schulen zu bilden. Allerdings sind dabei eine ganze Reihe an Hürden aufgetaucht und das Bildungsministerium ging auf den Weg der „centres socio-thérapeutiques“ (CST), in denen Kinder mit sozialen und emotionalen Problemen für eine begrenzte Zeit außerhalb des schulischen Rahmens betreut werden. Die Träger dieser Einrichtungen kümmern sich um die soziotherapeutische Begleitung der Schüler, unsere Mitarbeiter um die Beschulung. Das auf so wenige Wochen und Monate begrenzt wie möglich, aber so lange wie nötig. Die Rückführung erfolgt progressiv, d.h. da können die Kinder beispielsweise an einem Tag in der Woche oder stundenweise für die Fächer, die sie mögen, und in Begleitung, in ihre Klasse zurückkehren. Auf der Sekundarstufe kommen die vom Kompetenzzentrum betreuten Schüler in unsere Einrichtungen in Izigerstee für eher externalisierte Verhaltensmuster wie Aggressivität beziehungsweise nach Junglinster für eher internalisierte Verhaltensweisen, beispielsweise bei Depressionen oder Angststörungen. Meistens sind dies Jugendliche, die aus einer Therapie kommen und noch nicht bereit dazu sind, den Alltag voll und ganz in ihrer alten Schule zu bewältigen.

Wie sah es im darauf folgenden, also im laufenden Schuljahr aus?

DHUR Zur Rentrée 2019/20 ging es so weiter wie im Vorjahr. Wir bekommen sehr viele Aufträge und versuchen, so reaktiv wie möglich zu sein, weil wir wissen, dass diese Problematik für Lehrer sehr anstrengend ist. Das sind schon oft große Herausforderungen, Kinder, die sich sehr bemerkbar machen. Sodass wir noch mehr Personal brauchen werden. Derzeit zählen wir, mit unseren Beschulungen, 55 Mitarbeiter, die jedoch nicht alle Vollzeit arbeiten.

Von wie vielen Kindern und Jugendlichen reden wir derzeit insgesamt?

DHUR Zum 1. Januar 2020 hat das Kompetenzzentrum 433 Schüler begleitet, davon bei weitem der größte Teil im Grundschulalter. 56 Kinder und Jugendliche wurden in den CST und den Einrichtungen in Junglinster und Izigerstee beschult.

Sie sagen, Schüler sollen über so kurze Zeit wie möglich, aber so lange wie nötig aus der Regelklasse herausgenommen werden. Von welchem Zeitraum reden wir da?

DHUR Zunächst muss man sagen, dass die Herausnahme eines Schülers aus seiner Klasse einen großen Eingriff darstellt und nur dann erfolgt, wenn sehr viele Probleme zusammenkommen.

Was die Dauer angeht, gehen wir jetzt schon in Richtung von zwei Jahren, in Einzelfällen weniger. Diese Kinder liegen, was ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen angeht, häufig ein paar Jahre hinter der Entwicklung von Gleichaltrigen. Das baut man nicht in zwei bis drei Monaten auf. Diese Kinder müssen sehr viele Settings erleben, Strategien ausprobieren können, um sich diese Kompetenzen anzueignen. Wir würden den Kindern keinen Dienst erweisen, wenn wir sie verfrüht in die Schule zurückschicken und sie dort dann überfordert sind. Uns ist es wichtig, dass, wenn die Kinder zurückkehren, ein Gelingen realistisch ist. Und absolut zu vermeiden, dass Kinder im Falle einer gescheiterten Integration in die Klasse nachher ins Ausland geschickt werden.

Was haben sich der „Lockdown“ und die Schließung der Schulen Mitte März infolge der Pandemie auf die Arbeit des Kompetenzzentrums mit den Kindern ausgewirkt?

DHUR Das war für uns natürlich nicht einfach, weil wir mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die durch ihre Problematik Bezugspersonen und eine Betreuung in physischer Anwesenheit brauchen. Zunächst haben wir versucht, mittels Programmen wie Teams, Skype und Whatsapp in Kontakt zu bleiben. Allerdings wurde schnell klar, dass die Videokommunikation die physische Präsenz nicht ersetzen kann. Wir haben daraufhin Termine ausgemacht. Mitarbeiter von uns gingen dann bis zur Tür zu ihnen nach Hause, und unterhielten sich auf Distanz, oder Eltern brachten ihren Nachwuchs zu uns. Nach den Osterferien haben wir angefangen, Kinder und Jugendliche bei uns zu empfangen, wenn auch immer einzeln.

Allerdings wird es schwieriger, je länger diese Situation anhält. Die Ausgangssperre hat den Kindern absolut nicht gut getan. Wir haben beispielsweise junge Menschen mit einer Schulphobie. Für sie ist es fatal, so lange nicht zur Schule gehen zu können. Unsere Kinder haben alle soziale Schwierigkeiten und es fehlt ihnen an sozialen Kompetenzen, die man aber nur in einem sozialen Kontext aufbauen kann.

Wenn Beschulung und Therapie nur begrenzt möglich waren, gehören diese Kinder und Jugendlichen damit zu den Verlierern dieser Krise?

DHUR Ich muss schon sagen, dass es für die Kinder in unserer Beschulung nicht von Vorteil war. Zu Schäden kann ich mich nicht äußern. Wir konnten eine gute Beziehung aufbauen und diese pflegen. Das kommt uns sicher zugute. Ich bin froh darüber, dass der Bildungsminister an der Entscheidung festhält, die Schulen wieder zu öffnen. Die Kinder brauchen das. Wenn sie noch länger zuhause bleiben müssen, dann kommen auf einmal Ängste auf. Und das ist für die eigene Entwicklung nie gut.

Auch wenn die Wiederaufnahme des Unterrichts in den Schulen für viele Diskussionen sorgte, waren die Kompetenzzentren dabei kaum ein Thema. Andererseits haben Personalvertreter und Gewerkschafter kritisiert, es gebe kein klares Konzept spezifisch für die Wiederaufnahme in den Kompetenzzentren, in denen sich die Arbeit mit den Kindern ja doch von der Regelschule unterscheidet. Ist dem so?

DHUR Da gibt es schon eine klare Vorgehensweise. Die Direktoren der Kompetenzzentren haben in dieser Zeit weiter gearbeitet und sich im Kollegium der Direktoren ausgetauscht. Ab dem Moment, wo klar war, dass die Schulen wieder öffnen sollen, haben wir intensiv daran gearbeitet, diese „Rentrée“ zu planen, etwa die Organisation des Transports in die Therapie, was die Schüler brauchen und wie die Sicherheit des Personals gewährleistet werden kann. Die Eltern wurden ebenfalls von den Kompetenzzentren kontaktiert.

Wir werden mit den Kindern einzeln die Hände waschen, erklären, warum das wichtig ist und Bilder und Videos einsetzen, damit sie verstehen, warum das wichtig ist. Wir wissen, dass wir mit Geboten und Verboten nicht weit kommen. Aber es ist auch nicht so, als wenn Kinder nicht auch verantwortungsvoll sein könnten. Für die Schüler, die ab dem 11. Mai kommen, stand im Vorfeld alles und bis zum 25. Mai sind auch die restlichen Fragen geklärt.