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Dr. Torsten Bohn forscht über die gesundheitsfördernde Wirkung von sekundären Pflanzenstoffen

Damit unser Körper funktioniert und gesund bleibt, braucht er eine gewisse Menge an Fetten, Kohlenhydraten, Proteinen, Vitaminen und Mineralien. Doch neben diesen essenziellen Substanzen, die wir über unsere Nahrung aufnehmen, gibt es noch jede Menge andere Stoffe, die als nicht essenziell betrachtet werden, jedoch einen Einfluss auf eine Vielzahl von Stoffwechselprozessen ausüben können. Außerdem werden ihnen verschiedene gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben, wie zum Beispiel eine Senkung des Blutdrucks oder eine entzündungshemmende oder antibakterielle Wirkung.

Auf dem Gebiet der auch Phytochemikalien genannten sekundären Pflanzenstoffen forscht Dr. Torsten Bohn, Ernährungswissenschaftler in der Umweltabteilung (ERIN) des „Luxembourg Institute for Science and Technology“ (LIST). „Seit etwa Ende der 70er Jahre beziehungsweise Anfang der 80er Jahre ist das Interesse an den sekundären Pflanzenstoffen stark gewachsen“, erklärt Bohn. Bislang sind etwa 100.000 verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe bekannt, wovon bis zu 10.000 in der menschlichen Nahrung vorkommen. In signifikanten Mengen aufgenommen und mit gesundheitsfördernden Effekten in Verbindung gebracht werden davon allerdings nur eine Handvoll von Stoffgruppen, erklärt der Lebensmittelchemiker. Dazu zählen die beispielsweise in Traube oder in der Schokolade vorkommenden, eher wasserlöslichen Polyphenole sowie die fettlöslichen Karotinoide, die die Rot- beziehungsweise Gelbfärbung zum Beispiel von Tomaten, Karotten oder Papaya bewirken. Große, über mehrere Jahre angelegte Studien mit tausenden von Teilnehmern hätten gezeigt, dass es Korrelationen zwischen der Einnahme dieser Pflanzenstoffe und geringeren Erkrankungsraten zum Beispiel von Diabetes vom Typ 2, dem Altersdiabetes, gibt. Sekundäre Pflanzenstoffe könnten demnach in der Prävention von Erkrankungen wie Krebs eine wichtige Rolle spielen. Das wollen die Forscher genauer wissen.

Eingeschränkte Aufnahme

Herausfinden will Dr. Bohn etwa, ob die Aufnahme von Karotinoiden, die als wichtige Vitamin A-Lieferanten gelten und möglicherweise chronischen Krankheiten vorbeugen können, durch die Kombination von Lebensmitteln eingeschränkt wird. Zu diesem Zweck versuchen die Forscher am LIST, die Bioverfügbarkeit zu messen. „Die Bioverfügbarkeit versucht zu beschreiben, wie viel eines Stoffes vom Körper aufgenommen und beispielsweise zur Speicherung oder physiologischer Nutzung verwendet werden kann“, erklärt der Lebensmittelchemiker. Laboruntersuchungen, in denen quasi eine künstliche Magen-Darm-Verdauung simuliert wird, haben bereits gezeigt, dass die Aufnahme von Karotinoiden durch die Aufnahme von größeren Mengen an Mineralstoffen wie Kalzium oder Magnesium im Zellmodell behindert wird. Ob dieses Ergebnis beim ungleich komplexeren Wesen Mensch bestätigt werden kann, muss sich allerdings erst noch zeigen und ist Ziel der Doktorarbeit von Joana Corte-Real. Zu diesem Zweck führte die Ernährungsgruppe am LIST zusammen mit dem „Clinical Epidemiological Investigation Centre“ (CIEC) des Luxembourg Institute of Health in diesem Jahr eine Ernährungsstudie durch, bei der die Teilnehmer während drei Tagen Spinat zum Frühstück bekamen - einmal ohne, einmal mit einer halben und einmal mit einer vollen Tagesdosis Kalzium (1 g). Nach der Auswertung der Studie wollen die Forscher entscheiden, ob sie die Forschung in diese Richtung weitertreiben.

Vorteilhafte Lebenskombinationen

„Ziel ist es auch herauszufinden, welche Lebensmittelkombinationen vorteilhaft für die Aufnahme und langfristig deshalb für die Gesundheit sind“, sagt der Ernährungswissenschaftler. Das könnte in Zukunft als zusätzliche Präventionsstrategie dienen, um etwa Herz-Kreislauferkrankungen vorzubeugen. Möglicherweise ließen sich so in Zukunft Ernährungsempfehlungen formulieren für Menschen mit einer Stoffwechselstörung oder im Kampf gegen Mangelernährungen wie Vitamin A, in vielen Ländern noch immer ein Problem. In diesem Sinne beschäftigt sich die Doktorandin Anouk Kaulmann mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, bei denen der Körper die eigenen Darmzellen angreift. „Da spielen möglicherweise bestimmte Wirkstoffe in Lebensmitteln eine entzündungshemmende oder antioxidative Wirkung“, sagt Dr. Bohn.

Die große Schwierigkeit in der Vorhersage von Gesundheitsaspekten liegt allerdings in der Komplexität der Pflanzeninhaltsstoffe und weiteren Faktoren, wie Lebensgewohnheiten. Ein Apfel enthält beispielsweise Polyphenole, aber eben auch Ballaststoffe, Calcium oder auch Chlorophyll. „Das hängt alles mit einander zusammen. Es gibt viele interagierende Störfaktoren“, sagt Bohn. Hinzu kommt, dass fettlösliche Produkte, wie die Karotinoide erst während der Verdauung gelöst werden, weshalb die Zusammensetzung der Nahrung eine wichtige Rolle spielt. Eine gewisse Menge an Fett, beispielsweise im Salatdressing, wird also gebraucht, damit Vitamine optimal aufgenommen werden können. Betreibt eine Person Sport oder ist sie Stress ausgesetzt, kann sich das ebenfalls auf den Bedarf und die Aufnahme von Nährstoffen auswirken. „Auf einen Stoff wird man die gesundheitsfördernden Wirkungen wohl eher nicht reduzieren können. Vermutlich wird aber man sagen können, dass verschiedene Nahrungsmittel oder deren Kombinationen gesünder sind als andere“.

Was Nahrungsergänzungsmittel wie etwa Vitamintabletten angeht, rät der Experte zu einer gewissen Vorsicht. In den meisten Ernährungsgesellschaften herrsche die Auffassung, dass man bei einer normalen Ernährung keine Supplemente braucht. In einigen Ländern wie etwa den USA sehe man das aber durchaus großzügiger, als eine Art „Zusatzversicherung“. Bei einer halben oder einer ganzen Multivitamintablette pro Tag sieht der Experte zwar kein Gesundheitsrisiko. Von der regelmäßigen Zufuhr individueller Komponenten rät der Experte allerdings eher ab.