LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Multidisziplinäres Spektakel beim Tanzfestival „Les Émergences“ im „Trois C-L“

Eine schwarze Blume, die den Menschen an Größe um einiges überragt, steht auf der Bühne. Langsam beginnt sie sich zu bewegen, strahlt dabei etwas gleichermaßen Anmutiges wie Unheimliches aus. Diese Ambivalenz ist es, die eine gewisse Faszination auf den Zuschauer ausübt. Die Neugierde wächst mit jeder Sekunde: Er will endlich wissen, was oder vielmehr wer sich hinter ihr verbirgt. Gestillt wird sie nur zur Hälfte, in dem Moment, als Maki zum Vorschein kommt, verkörpert vom Tänzer und Choreografen Georges Maikel Pires Monteiro. Doch er ist nicht die Blume, diese gedeiht vielmehr in ihm, löst in ihm eine plötzliche, unerklärliche und lähmende Unsicherheit aus.

Der Zuschauer sucht gemeinsam mit Maki nach den Ursachen, verliert sich mit ihm im Sog seiner Erinnerungen, die in Form von Videoprojektionen dargestellt werden. Die schwarze Blume jedoch bleibt, wie das romantische Literaturmotiv der inspirierenden und vitalisierenden „blauen Blume“, die in gewisser Weise ihr positives Gegenstück repräsentiert, unergründlich.

Bestandteile und Zustände der Seele

Weniger düster doch ebenso mystisch geht es bei der zweiten Kreation der diesjährigen, nunmehr fünften Ausgabe des Tanzfestivals „Les Émergences“ im „Trois C-L“ zu. Catherine Elsen und Tania Soubry entführen mit „Soul-scapes“ in einen spirituellen Kosmos, in den sich das Individuum eingliedert. Mit auffälligen Kostümen, Sound- und Lichteffekten verkörpern sie unterschiedliche Seelen beziehungsweise Seelenanteile, die sich mal ergänzen, mal widersprechen, mal einander folgen, mal in entgegengesetzte Richtungen treiben. Diese wechselnde Anziehung und Abstoßung ergibt ein verrücktes, buntes, optisch ansprechendes und unterhaltsames Schauspiel, bei dem zwischen Parallelität und Ungleichheit, Synchronität und Asynchronität der Bewegungen variiert wird, ein Spiel, das auch komische Momente bereithält.

Spannung und Fusion

Absolut synchron hingegen laufen Annick Schadeck und Teresia Lucia Forstreuter nebeneinander her, drehen sich, synchron, um die eigene Achse und verhalten sich überhaupt die ganze Vorführung über wie das Spiegelbild des jeweils anderen, bewegen sich sehr nah beieinander, ohne sich zu berühren. „Continuous file“ heißt Schadecks Choreografie, die von der Spannung zwischen zwei Entitäten erzählt sowie dem „Dazwischen“. Der Mensch nimmt, oft ohne es zu wissen, eine Mittlerposition ein, etwa zwischen Raum und Zeit. Diese Differenzen werden aufgezeigt, verschmelzen auf der Bühne aber gleichzeitig zu einer dritten Instanz. So entstehen Dynamik und Identität als Summe.

Zwischen Instinkt und Fortschritt

Mit dem Element des Wassers verbindet man die Vorstellung von Ruhe und Harmonie, von Natur und Leben. Diese Assoziationen wecken auch die atemberaubenden Unterwasseraufnahmen in einem Schwimmbad, die Maria Ciprianos Kreation „Mektoub?“ einleiten. Schnell jedoch wird klar: Diese Welt ist keineswegs so perfekt, wie es den Anschein hat. An der Oberfläche sammeln sich Plastikflaschen und anderer Abfall. Das Bild gewinnt eine politische Dimension, die nach Ende der Projektion durch Cipriano und Katia Benbelkacem tänzerisch weiter entfaltet wird. Vom riesigen, kaum überschaubaren Becken bleibt schließlich nur noch eine mit Wasser gefüllte Vase übrig, an der alles zu hängen scheint.

Doch es erschöpft sich nicht mit dem Thema der Umwelt, die Tänzerinnen wagen den Versuch, unser grundsätzliches Verhalten nachzuvollziehen, das trotz des immensen Fortschritts, trotz des hohen Zivilisationsgrades durch eine erschreckende Primitivität und instinktgeleitete Gewalt geprägt ist. Dabei tragen sie ausgerechnet weiße Kleidung, die Farbe der Reinheit und Unschuld, und bewegen sich um und auf einem weißen Tisch als Requisite. „Let’s build this wall“ ertönt im Hintergrund, ergänzt durch andere Zitate des amerikanischen Präsidenten.

Wirkung der Live-Kunst

„Les Émergences“ macht deutlich, dass zeitgenössische Kunst keine durchsichtigen und eindeutig deutbaren Geschichten erzählt. Weil sie primär existenzielle Themenfelder berührt, die uns übersteigen, zeigt sie gewisse Fragezeichen auf, verleiht ihnen eine Form, aber liefert keine Antworten. Nun liegt es in der Natur des Menschen, sich damit nicht zufriedenzugeben, und die vier Choreografien werden den Zuschauer somit auch nach der Vorführung noch eine Weile beschäftigen. Das ist der Vorzug eines solchen atmosphärischen Erlebnisses, das einem entgeht, wenn man sich stattdessen zu Hause vor dem Fernseher, nicht mit Fragezeichen und „schwarzen Blumen“, sondern mit Ausrufezeichen, berieseln lässt.

Weitere Vorstellungen folgen an diesem Samstag, den 21. April um 20.00 und am Sonntag, den 22. um 18.00 in der Banannefabrik (12, rue du Puits, 2355 Luxemburg). Alle Infos unter www.dans.lu