ANNETTE WELSCH

Ein Patient mit Herzproblemen steigt jeden Morgen als erstes auf die Waage, misst dann seinen Blutdruck, legt sich ein kleines Kästchen auf den Brustkorb, das ein EKG schreibt, beantwortet auf seinem Smartphone ein paar Fragen zu seinem Allgemeinzustand und sendet abschließend mit einem Knopfdruck alles an seine 50, 100 oder 200 Kilometer entfernte Klinik. Ein Pflegeroboter hilft einem alleinstehenden Senior morgens beim Anziehen und Waschen, fordert und trainiert seine kognitive Fähigkeiten in Gesprächen und kann ihm auf helfen, wenn er einmal hinfällt - Drucksensoren in den Teppichen schlagen Alarm, wenn der Senior stürzt, Atemdetektoren unter der Matratze überwachen seinen Schlaf. Zugegeben, es sind in der Breite Zukunftsszenarien. Aber: Ein Chirurg führt vom anderen Ende der Welt aus eine Operation in Luxemburg mit Hilfe eines Roboters durch - darauf werden wir nicht bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts warten müssen. Auf Gesundheitsuhren, die Puls und Blutdruck erheben und kranken und gefährdeten Patienten erlauben, kontrolliert sportlich aktiv sein zu können schon gar nicht. Die gibt es schon.

Die Digitalisierung wird auch die Gesundheitsversorgung und Altenpflege grundlegend verändern. Die Welt der Medizin 4.0 ist gar nicht mehr so weit entfernt und sie wird neue Berufsbilder an der Schnittstelle zwischen Medizin, IT, Gesundheitswissenschaften und Lifestyleberatung mit sich bringen. An Konzepten, wie denen des „Self-Tracking“ oder „Ambient Assisted Living“ wird heftig Forschung und Entwicklung betrieben. Die Auswertung von Daten zu Blutwerten, Lungenfunktion, Blutdruck, der Herzfrequenz, Temperatur, Sauerstoffsättigung und Befunde aus bildgebenden Verfahren oder aus dem genetischen Profil werden uns die Gesunderhaltung erlauben. Nicht zuletzt die Patienten fragen danach: Nach einer bestmöglichen Früherkennung und Prävention von Krankheiten, nach einer exzellenten medizinischen Versorgung auch weit entfernt von Zentren oder der optimalen medizinischen Versorgung chronisch Kranker in ihrem häuslichen Umfeld. Die Entwicklung wird schnell sein. Schneller jedenfalls als das Tempo, mit dem wir uns derzeit auf die Digitalisierung einlassen. Denn das so genannte „Dossier de Soins Partagé“ (DSP), die elektronische Patientenakte, lässt weiter auf sich warten. Dabei wurde es mit der Gesundheitsreform von 2010 eingeführt, ging im Juni 2015, nachdem es grünes Licht dafür von der Nationalen Datenschutzkommission gab, in die Pilotphase und sollte Ende 2016 generell für die gesamte Patientenschaft eingeführt werden. Nun ist die elektronische Patientenakte, mit der man „in eine neue Ära der Gesundheitsversorgung“ eintreten wollte, immer noch in der Testphase und man diskutiert immer noch Einzelfragen. Viel zu zögerlich sind wir auch beim Übergang auf mehr ambulante Chirurgie, dabei wissen wir aus Studien, dass Patienten, die in den eigenen, gewohnten vier Wänden medizinisch versorgt werden, von einem positiveren Therapieerfolg und von einer schnelleren Rekonvaleszenz profitieren. Die Digitalisierung kommt, aber wir klammern uns noch immer an eine Krankenhaus-zentrierte Medizin des 20. Jahrhunderts.