LUXEMBURG
CHRISTOPHE DEGRYSE

Jede der drei industriellen Revolutionen hatte Auswirkungen auf die Arbeitswelt: Die Entwicklung der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors/der Elektrizität und der Computer/der Informatik. Auch die vierte, die Digitalisierung der Wirtschaft, ist dabei, starke Veränderungen mit sich zu bringen. Welche und was das für die Gewerkschaften heißt, ist Gegenstand der Forschung am Europäischen Gewerkschaftsinstitut.

„Die Digitalisierung und Automatisierung/Robotisierung der Wirtschaft birgt Chancen, aber auch soziale Risiken und Auswirkungen, die wir antizipieren müssen. Erstens schafft sie Arbeitsplätze, sie kostet aber auch Arbeitsplätze. Es entstehen neue Sektoren, Produkte und Dienstleistungen – wer hätte vor den Smartphones an einen Beruf wie den App-Designer gedacht? Wie viele Arbeitsplätze verloren gehen, ist schwer vorhersehbar und wird unterschiedlich eingeschätzt: Gingen Studien vor wenigen Jahren noch von bis zu 60 Prozent aus, sind die Zahlen nun weniger alarmierend – die OECD spricht von neun Prozent.

Zweitens werden Tätigkeiten sich verändern. Gestern ersetzte der Roboter die Muskelkraft bei schweren Tätigkeiten, heute ersetzt er Hände und Finger für immer komplexere und feinere Aufgaben, weil er präziser arbeitet und morgen? Wird er schlauer sein als wir, das Gehirn ersetzen, um medizinische Diagnosen zu stellen, Artikel zu schreiben, Verbraucherverhalten zu analysieren oder Autos, Züge, Schiffe zu fahren, Landwirtschafts- und Industriemaschinen zu bedienen? Zahlreiche Kompetenzen werden nicht mehr gebraucht werden in Banken, Versicherungen, Finanzen, Logistik oder Transport. Verlieren wir als Arbeitnehmer die Kontrolle und Expertise und müssen wir Robotern gehorchen, sind nur einige Fragen, die sich stellen. Welche Bildung/Ausbildung wird wichtig, um seine Arbeit behalten zu können? Wie gehen wir damit um, dass Arbeitgeber ihre Angestellten permanent geolokalisieren, überwachen und erreichen können und so der gesetzliche Arbeitszeitrahmen gesprengt wird?

Auch die Online-Plattformen mit ihren neuen Geschäftsmodellen bringen Brüche mit sich. Uber besitzt nicht ein einziges Auto, Airbnb nicht ein Hotelzimmer, sie beschäftigen kaum Leute, sind aber beide - genau wie Tripadvisor als Reiseagentur - Marktführer mit Milliardenumsätzen. Es findet so eine Ent-Professionalisierung statt: Jeder kann Taxifahrer oder Hotelier sein und Experten werden durch Profane ersetzt – Tripadvisor ersetzt den Guide Michelin. Auf Plattformen wie Upwork findet man für ein paar Euro weltweit Dienstleistungen und es entsteht so ein virtueller Arbeitsmarkt, wo jeder mit jedem in Konkurrenz steht. Kennzeichen dieses sogenannten Crowdworking sind: Kein Arbeitsvertrag, man akzeptiert Allgemeine Geschäftsbedingungen und es gibt keine kollektive Organisation, keine direkte Beziehung mit dem Arbeitgeber, keine Regelung von Streitigkeiten. Wie können wir die sozialen Rechte von Crowdworkern definieren, wie sie organisieren, wie die Verantwortlichen für ein Arbeitsverhältnis identifizieren und wie können wir die Finanzierung der Sozialsysteme garantieren, sind Fragen, zu denen die Gewerkschaften schon Initiativen ergriffen haben.

Auf der sozialen Tagesordnung bleiben aber Themen wie: Führt die Automatisierung zu Produktivitätsgewinnen, die zur Arbeitszeitverkürzung genutzt werden können und wie können wir Arbeiter umschulen auf Kompetenzen, bei denen der Mensch stärker ist als Roboter - wie Kreativität, Beziehungen aufbauen, verhandeln?“