LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Zweite internationale 5G-Konferenz in Luxemburg - Was die neue Mobilfunkgeneration an Chancen bringt - Und welche Hürden sie nehmen muss

Mit einem kurzen Video löste Fredrik Zetterlund den „Wow“-Effekt des Morgens bei der gestern gestarteten 5G-Konferenz im Europäischen Konferenzzentrum auf Kirchberg aus: Es ist die Aufnahme einer Datentransfer-Mess-App, auf einem 5G-Mobiltelefon, auf der die Downloadgeschwindigkeit nur so flitzt. Der Zeiger befindet sich dauernd im Bereich von 500 Megabit pro Sekunde.

„Das war vor drei Wochen in Shenzhen, China. In einem fahrenden Taxi“, erklärt der „Executive Vice President“ von OnePhone Group, die in Großbritannien zusammen mit British Telecom Unternehmen Lösungen für den Übergang von der Landlinien-Telefonie zur exklusiv mobilen anbietet. Ein Beispiel, um zu illustrieren, wo derzeit in Sachen 5G die Musik spielt. Nämlich in Asien, wo China, Südkorea und Japan ihre Telekom-Infrastrukturen mit immensen Investitionsprogrammen auf Vordermann bringen.

Aber auch in den USA. Gerade hat die „Federal Communications Commission“, die Rundfunk-, Satelliten- und Kabelkommunikation regelt, ein neun Milliarden-Dollar-Paket beschlossen, um auch die ruralen Gegenden in den USA 5G-fit zu machen, berichtete Pradeep Bhardwaj, „Senior Strategy Director and Head of Industry Standards“ bei Syniverse, einem globalen Technologie- und Unternehmensdienstleister.

Bereits heute seien die US-5G-Netzwerke mit bis zu 1.800 Mbp/s im Download die bei weitem schnellsten der Welt.

Revolutionäres „Ökosystem“

Chris Reznicek vom südkoreanischen Mobilfunkanbieter LG Uplus, der dritte Keynote-Speaker des ersten Konferenztages, zeigte auf, wie 5G die Unterhaltungsindustrie revolutioniert. Sich ein Baseball-Spiel aus allen möglichen Perspektiven anschauen: mit den Übertragungsgeschwindigkeiten von 5G kein Problem. Datenintensive „Virtual Reality“-Anwendungen? Absolut ruckelfrei. Aber 5G - kurz für den Standard der fünften Generation der Mobiltelefonie - ist weit mehr als nur „Speed“.

Pradeep Bhardwaj spricht sogar von einem revolutionären „Ökosystem“, einer Kombination vieler Technologien, die gar das Potenzial habe, „eine neue Weltordnung“ zu schaffen, wenn Milliarden von Geräten gleichzeitig vernetzt sind. „5G wird der Eckpfeiler der digitalen Wirtschaft und der vernetzten Gesellschaft der Zukunft“, sagt Bhardwaj, der eine Weltkarte mit dem Stand der kommerziellen Verfügbarkeit von 5G zeigte. In Nordamerika starteten Dienstleister bereits 2018, genau wie im Raum Asien-Pazifik. Während 5G erstmals im kommenden Jahr in Lateinamerika für die Mobilfunknutzer zugänglich sein wird, gibt es im Raum Indien/Mittlerer Osten/Afrika und in Europa erst seit einigen Monaten erste Angebote.

Die EU hinkt hinterher

Wobei sie in der Schweiz am fortgeschrittensten sind, aber noch lange nicht flächendeckend. Wer vermutet hatte, dass Skandinavien, das im Mobilfunk immer die Nase vorn hatte, es auch bei 5G ist, wird enttäuscht. „Exakt vor zehn Jahren wurde in Stockholm das erste 4G-Netz gestartet“, erinnerte Fredrik Zetterlund, „2012 kamen in Europa die ersten Smartphones auf den Markt. Heute hinkt die EU hinterher. Aber wir sind noch immer in den frühen Tagen von 5G, das kann noch werden“.

Denn die EU ist kompliziert. Es gibt 28 verschiedene Mobilfunkregelungen. Der digitale Binnenmarkt? „Wie das Monster von Loch Ness: Jeder spricht darüber, aber niemand hat es bislang gesehen“, sagte Premier- und Kommunikationsminister Xavier Bettel und hatte die Lacher der rund 500 Teilnehmer an der zweiten internationalen 5G-Konferenz auf seiner Seite. Der liberale Politiker bemängelte, dass man in Sachen Telekom nicht schnell genug voran komme und ebenfalls, dass der EU-Haushalt 2021-2027, der heute und morgen ein zentrales Thema beim EU-Gipfel in Brüssel ist, nicht genügend Mittel vorsieht, um Europa schnell zu den Technologien zu verhelfen, die entscheidend für die Zukunft sind. „Es ist ein Budget des letzten Jahrhunderts“, kritisierte Bettel, der im September 2018 die 5G-Strategie seiner Regierung vorstellte.

Die Ausschreibung der Lizenzen sei ein großer Erfolg gewesen, ebenso der Aufruf für Testprojekte, von denen 29 eingegangen seien. „5G ist heute reif für den Betrieb“, freute sich Xavier Bettel.

Laut Roberto Viola, Direktor der EU-Generaldirektion „Communication, Networks, Content and Technology“ der EU-Kommission, soll bis Ende 2020 jeder EU-Bürger Zugang zu 5G-Dienstleistungen haben können. Die Kommission werde auch die lokalen Gemeinschaften dabei unterstützen und dafür sorgen, dass es grenzüberschreitende „Korridore“ gibt, in denen 5G nahtlos funktioniert. Aber „der Rhythmus ist nicht überall gleich“, sagt Viola über Länder, die noch nicht auf dem guten Weg seien, das Ziel zu erfüllen. Gegen sie hat die EU-Kommission auch bereits Verfahren eingeleitet, damit sie in Sachen 5G richtig Gas geben. •

DIE LUXEMBURGER 5G-STRATEGIE

Pioniere, Frequenzen und Investitionen

Nach der Vorstellung im September 2016 der EU-Strategie für den Aufbau von 5G macht sich „Digital Lëtzebuerg“ 2017 mit den Haupt-Telekom-Akteuren an die Arbeit, um eine Strategie für Luxemburg zu entwickeln, die am 12. September 2018 vorgestellt wird. Luxemburg wolle Pionier bei 5G sein, sagt der zuständige Minister Xavier Bettel. Die Regulierungsbehörde untersucht den Frequenzbereich 3,6 Gigahertz, in dem die ersten Pilotprojekte laufen sollen.
Im April 2019 führt Proximus Luxemburg (vormals Telindus und Tango), einen ersten erfolgreichen 5G-Test unter realen Bedingungen durch.
Es werden „Pionierzonen“ ausgewiesen, in denen künftig 5G-Tests stattfinden können: Ein Teil des Kirchbergs, der CFL Multimodal-Standort in Düdelingen, der „Automotive Campus“ in Bissen, das Uni-Gelände in Belval und ein Autobahnteilstück der A13: Luxemburg ist bekanntlich mit Deutschland und Frankreich an dem grenzüberschreitenden Testfeld für autonome Autos beteiligt, das die Autobahnen im Süden des Landes nach Merzig (Saarland) und Metz (Lothringen) betrifft.
Die Regulierungsbehörde ILR führte von Mai bis Juli eine öffentlichen Konsultation durch in puncto Interesse für die 5G-Frequenzen. Sechs Interessenten melden sich für die 700 MHz-Frequenz, neun für die 3400-3800 MHz-Frequenz. Zwischen Juni und Ende September richtet das Kommunikationsministerium einen Aufruf für 5G-Pilotprojekte aus. 29 gehen ein, sie werden derzeit geprüft.
Ende Oktober sagt Kommunikationsminister Xavier Bettel im Parlament, dass die Frequenzen im zweiten Trimester 2020 versteigert werden sollen.
Im vergangenen Frühjahr hatte er die Kosten für drei Mobilfunkbetreiber für den Aufbau des 5G-Netzwerks auf knapp 170,2 Millionen Euro beziffert.
Ende November wird bekannt, dass der Satellitenbetreiber SES im Rahmen der Konvention mit dem Staat für 2022 bis 2041 die Nutzung der Frequenzen bei 3,4 bis 3,8 GHz einstellen wird, auf denen die 5G-Dienste laufen sollen. Mit kommerziellen 5G-Angeboten ist also im Laufe des kommenden Jahres zu rechnen.
2025 sollen mindestens 39 Prozent der Bevölkerung in Luxemburg ein 5G-Abo haben.