LUXEMBURG
BODO BOST

2019 ist das UN-Jahr zum Schutz indigener Sprachen

Die UNO hat das Jahr 2019 zum Internationalen Jahr zum Schutz der indigenen Sprachen erklärt. Mit der Entscheidung will die UNO die internationale Aufmerksamkeit auf den „schweren drohenden Verlust“ indigener Sprachen rund um die Erde lenken. Es gelte, diese „Sprachen als kulturelles Erbe der Menschheit zu bewahren“, heißt es in einer 2016 einstimmig von den 193 UN-Mitgliedern angenommenen Resolution.

Das Internationale Jahr zum Schutz indigener Sprachen geht auf die Initiative Boliviens unter dessen indigenen Staatspräsident Evo Morales zurück. Das multi-ethnische 12-Millionen-Einwohnerland, dessen Bevölkerung aus einer indigenen Mehrheit besteht, hatte nach seiner Verfassungsreform 2009 alle 36 noch gesprochenen indigenen Sprachen zur Amtssprache erklärt. Dies führt in der Praxis zur Aufwertung dieser seit den Zeiten der spanischen Kolonisatoren unterdrückten Sprachen. So müssen heute zum Beispiel Lehrer wenigstens eine indigene Sprache erlernen. Vor Gericht besteht seit 2009 das Recht auf Prozessführung in der eigenen Sprache.

Sprache ist ein Menschenrecht und der Schlüssel zu qualitativ hochwertiger Bildung. Durch die Sprache kommunizieren wir mit der Welt, definieren unsere Identität, drücken unsere Geschichte und Kultur aus, lernen, verteidigen unsere Menschenrechte und beteiligen uns an allen Aspekten der Gesellschaft. Durch die Sprache bewahren die Menschen die Geschichte, Gebräuche und Traditionen ihrer Gemeinschaft. Dennoch ist es um viele Sprachen auf der Welt schlecht bestellt. Das Ständige Forum für Indigene Angelegenheiten geht davon aus, dass 40 Prozent im Verschwinden begriffen sind. Auch darauf soll in diesem Jahr aufmerksam gemacht werden

In der Enzyklika Laudato sì von 2015 zum Schutz der Schöpfung schreibt Papst Franziskus in Paragraph 145: „Das Verschwinden einer Kultur kann genauso viel oder schwerwiegender sein als das Verschwinden eines Tieres oder einer Pflanzenart.“ Und in dem folgenden Absatz fügt er hinzu: „In diesem Sinne ist es unerlässlich, den indigene Gemeinschaften mit ihren kulturellen Traditionen besondere Aufmerksamkeit zu schenken“. Im Amazonasgebiet werden von den heute dort noch lebenden 390 indigenen Völkern noch 240 Sprachen gesprochen. Sprachen sind im Bereich des Schutzes der Menschenrechte, der Friedenskonsolidierung und der nachhaltigen Entwicklung sowie der Gewährleistung kultureller Vielfalt und des interkulturellen Dialogs von wesentlicher Bedeutung. Dennoch verschwinden sie in alarmierender Geschwindigkeit. 2016 gab es zwar noch rund 6.700 Sprachen. Ungefähr 97 Prozent der Weltbevölkerung spricht nur vier Prozent dieser Sprachen, und nur drei Prozent der Weltbevölkerung sprechen 96 Prozent aller bestehenden indigenen Sprachen. Die große Mehrheit dieser Sprachen, die hauptsächlich von indigenen Völkern gesprochen werden, wird weiterhin in alarmierendem Tempo verschwinden. Ohne angemessene Maßnahmen, um damit umzugehen, gehen mehr Sprachen verloren, und die damit verbundene Geschichte, Tradition und Erinnerung werden zu einer erheblichen Verringerung des reichen Wandteppichs der sprachlichen Vielfalt in der ganzen Welt führen. Es wird geschätzt, dass mit der Zunahme der Anzahl der Menschen, die nur die dominierenden Sprachen wie Englisch, Chinesisch oder Spanisch zu Lasten der Verbreitung der weniger bekannten Sprachen sprechen, bis zum Ende dieses Jahrhunderts zwischen 50 und 90 Prozent der Weltsprachen verschwinden könnten.

Bedenkliche Kehrtwende Brasiliensunter neuem Präsident Bolsonaro

An dem Tag, als das Internationale Jahr zum Schutz der Indigenen Sprache begann, konstituierte sich auch die neue brasilianische Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro. Dieser hatte bereits im Wahlkampf unter dem Beifall der Agrarlobby erklärt, dass er als Präsident „keinen Zentimeter“ zusätzliches Land für Indianergebiete mehr zulassen wolle. Die Indianerschutzbehörde wurde seit dem 1. Januar aus der Zuständigkeit des einflussreichen Justizministeriums herausgenommen und dem Agrarministerium, das von einem Vertreter der Agrarlobby geführt wird, unterstellt. Etwa 13 Prozent der Fläche Brasiliens sind heute als Indianerschutzgebiete ausgewiesen, großteils am Amazonas, und auf diesen Flächen ist die Natur noch weitgehend unberührt. Nur zwei Prozent der Abholzung finden bisher - illegal - in solchen Indianer-Schutzgebieten statt. Nach der Überwindung der Militärdiktatur ist seit 1989 der Anspruch der Indigenen Brasiliens auf ihr Land Teil der neuen brasilianischen Verfassung. Dies wurde mit Hilfe vor allem kirchlicher Basisbewegungen erreicht. Die Kirche hat bis heute ein schlechtes Gewissen weil viele ihrer Missionare mitgewirkt haben am Linguizid in der neuen Welt, weil man mit der neuen Religion zunächst auch eine neue Sprache und Zivilisation den Indigenen aufdrängen wollte. Allerdings gab es auch unter den ersten Missionaren große Förderer der indigenen Sprachen und Kulturen, so etwa der Luxemburger Jesuit und Maranhão Missionar, Johann Philipp Bettendorff (1625-1698), der zu seinen Lebzeiten mit seinem Werk „Compendio da doutrina christãa na lingua portugueza e brasilica“ das in der Sprache des indigenen Volkes der Tupi verfasst war, damit beigetragen hatte, dass diese Sprache zur Verwaltungssprache der Indianergebiete Brasiliens bis zur Vertreibung der Jesuiten 1777 wurde. Auch die Kinder der portugiesischen Siedler in den Schulen der Jesuiten mussten in dieser Zeit diese Sprache lernen.

Die katholische Kirche wird auf der im Oktober in Rom stattfindenden Amazonas Synode, die den Ureinwohnern des amerikanischen Kontinents gewidmet ist, „Räume für interkulturelle und zweisprachige Bildung in Schulen und an Hochschulen und Universitäten fördern“, wie es in einem Vorbereitungsdokument heißt. Dario Bossi, ein Comboni-Missionar, der seit 12 Jahren im heutigen Maranhão lebt, hat zur UN-Initiative zum Schutz indigener Sprachen gesagt: „Eine Sprache ist eine Kultur, eine Vision der Welt, ein Kanal der Begegnung mit Gott, ein Reservoir traditionellen Wissens und ist auch Ausdruck einer tiefen Integration mit der Natur, mit der Umwelt, insbesondere unter den indigenen Völkern, die heute als die am stärksten gefährdeten Gruppen der Welt angesehen werden können.“