LUXEMBURG
SVEN WOHL

„de Jugendrot/CGJL“ setzt sich für die folgenden Generationen ein

Im politischen Entscheidungsprozess kommt die Jugend oft zu kurz, weshalb „de Jugendrot“ versucht, sie zu vertreten. Ein Gespräch mit Chrystelle Brassinne (34), der aktuellen Präsidentin des Jugendrats:

Wie funktioniert „de Jugendrot“?

„de Jugendrot“ ist eine zivilgesellschaftliche und überparteiliche Organisation. Unter den Mitgliedern finden sich mehrheitlich jugendgeführte Vereine und Organisationen. Gegründet in den 1960er Jahren, hat der Jugendrat heute als ASBL (CGJL - Conférence générale de la Jeunesse du Luxembourg asbl) seit fast 15 Jahren eine Konvention mit dem Jugendministerium. Im Jahr 2020 frischen wir unseren visuellen Auftritt sowie unsere öffentliche Marke unter neuem Namen auf, weg von der „Jugendkonferenz“ hin zum nachvollziehbareren „Jugendrat“.
Wir sind in zwei Hauptbereichen aktiv. Als Dachverband bieten wir einerseits eine Plattform für Jugendorganisationen an und stellen eine Art „Lobby der Jugend“ dar. Andererseits bieten wir, neben der Begleitung der CNEL (Conférence Nationale des élèves du Luxembourg) und des Jugendparlaments, etliche Aktivitäten an, wo Jugendliche ihre Meinung äußern und die von anderen kennenlernen können. Diese Aufgabe nehmen wir ernst, weil ihre Meinungen selten direkt  in politische Entscheidungsprozesse einfließen und sie nicht immer ernst- oder wahrgenommen werden. Dabei hat die Jugend des Landes mitzureden, wenn es um ihre und unsere Zukunft geht.
Partizipation und Engagement gehen einher mit Beteiligung und Ehrenamt. Hier bieten wir eine Bandbreite an Aktivitäten in der non-formellen, außerschulischen Bildung an. Wir müssen jungen Bürgern die Möglichkeit geben, sich zu äußern und einzubringen. Genau dort setzen wir an. Dabei soll sich eine Diskussions- und Partizipationskultur entwickeln.
Eine Herausforderung für uns als Dachverband besteht darin, dass unsere Organisationen oft unterschiedliche Ansichten vertreten. Wir versuchen, eine gemeinsame Plattform im Sinne des Erhalts dieser Meinungsvielfalt zu schaffen. Das „Bureau exécutif“ ist der Vorstand, der sich aus Ehrenamtlichen aus vier Kategorien von Organisationen zusammensetzt: politische Bewegungen wie Jugendparteien, gewerkschaftliche Organisationen, Pfadfinderbewegungen und letztlich sozio-edukative, studentische sowie freizeitorientierte Organisationen. Aus ihm gehen die Posten des Präsidenten, des Vizepräsidenten und anderen hervor. Eine ungeschriebene aber wichtige Tradition: das Amt des/der Präsidentin wird nicht von rein politisch motivierten Bewegungen besetzt. Hier müssen Überparteilichkeit und Neutralität das Maß aller Dinge sein, wollen wir doch die Interessen aller Jugendlichen ohne parteipolitische Färbung fördern. Das Amt des/der Präsidentin tritt nach der Wahl somit auch nicht mehr als Vertreter der Mutterorganisation in Erscheinung und steht dem Jugendrat namentlich vor. So sollen Projekte und Aktivitäten in der politischen Bildung mit uns als neutralem und zuverlässigem Partner angeboten werden können.
Wir zählen aktuell rund 30 Mitgliedsorganisationen im Jugendbereich. Um Mitglied zu werden, muss man kein Verein/ASBL sein, sondern lediglich auf nationaler Ebene agieren und sich mit und für jugendliche Interessen einsetzen. Auf verbandlicher Ebene möchte sich der Jugendrat für seine Mitglieder stark machen und thematische Weiterbildungen, Material und Räumlichkeiten anbieten.

Wie nimmt die Regierung den Jugendrat in Anspruch?

Brassinne Politische Entscheidungsträger treten regelmäßig an uns heran. Der Jugendrat fungiert als eine Art konsultatives Organ, ohne dabei eine Institution oder staatliche Struktur zu sein. Ob parlamentarische Kommissionen, Ministerien, oder andere Akteure und Institutionen: Sie fragen uns nach unserer Meinung. Ein rezentes Beispiel ist ein Austausch mit der Ministerin für Gleichstellung von Frauen und Männern Taina Bofferding zum Aktionsplan zum Thema Gleichberechtigung.
In der politischen Arbeit verfolgen wir eine Herangehensweise, die eine politikfeldübergreifende Sicht auf die Dinge, welche Jugendliche  betreffen, aufweist. Wir machen keine Politik und sind keine Partei, sagen aber, in welche Richtung es gehen soll, wobei die Jugend oft seitens der Politik auf einige wenige Themen reduziert wird. Deshalb ist es wichtig, das Wort zu ergreifen, um mit dem Input der nicht-organisierten Jugendlichen und unserer Mitgliedsorganisationen Stellungnahmen oder Forderungskataloge aufzustellen.
Darüber hinaus verfügen wir über Mandate in hohen nationalen Gremien, wie dem „Conseil supérieur de la Jeunesse“. Wir vertreten dort die Meinungen der Jugend und ihrer Repräsentanten. Mit nationalen Partnern wollen wir unsere Arbeit auch vor Ort umsetzen. Hier greifen wir auf zuverlässige Partner wie das Europahaus, das „Zentrum fir politesch Bildung“ oder die „Agence Nationale pour l‘Information des Jeunes“ zurück.

Was waren wichtige Themenpunkte?

Mentale Gesundheit und Wohlbefinden, ehrenamtliches Engagement, Bildung, Arbeitslosigkeit/Jugendgarantie, demokratische Partizipation – die Themen sind vielfältig und zeitlos. Wir versuchen, diese im öffentlichen Diskurs und gegenüber der Jugend aufrecht zu erhalten. Neben den aktuellen Auswirkungen der Pandemie sind Bildung, Wohnen und Nachhaltigkeit aktuelle Themen und es scheint kein Ende in Sicht zu sein. Wir bleiben also am Ball.

Wie wird Konsens zwischen den Organisationen geschaffen?

Es ist schwierig, starke Positionen aufgrund unseres inneren demokratischen Aushandlungsprozesses zu formulieren, aber wir versuchen, einen gemeinsamen Nenner zu finden um als Verbund vieler Meinungen nach außen hin aufzutreten. Das hat die letzten Jahre gut geklappt. Sogar 2015 konnten wir uns beim Thema „Wahlrecht ab 16“ auf eine Befürwortung einigen. Dies hört sich schwerfällig an, doch diese Meinungsvielfalt ist keineswegs ein Nachteil, sondern unsere Stärke.