LUXEMBURG
LJ

Immunologe Prof. Dr. Claude P. Muller über die Ausbreitung von Covid-19

Für den Immunologen Prof. Dr. Claude P. Muller vom „Luxembourg Institute of Health“ ist es derzeit schwierig, vorherzusagen, wie sich das Virus weiter entwickeln wird. Dass die Mortalität bei Covid-19-Infizierten seit den ersten Fällen von zehn auf zwei Prozent sank, mag positiv klingen. Aber für Muller ist das immer noch eine ziemlich bedrohliche Situation. Man müsse sich nämlich vor Augen halten, dass sich zu Anfang lediglich die Patienten bei Ärzten meldeten, die bereits sehr krank waren. Die Mortalität in dieser Population war hoch. Nun melden sich auch Menschen mit einem leichteren Verlauf der Krankheit, die Mortalität ist deshalb nur scheinbar rückläufig. Zwei Prozent Mortalität in der Gesamtpopulation der Infizierten sei hoch, sagt Muller. Bei der herkömmlichen Grippe liege die Mortalität zehnmal niedriger. Bei beiden Infektionen sind vor allem ältere Patienten mit Vorerkrankungen gefährdet.

Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Hinzu kommt, dass der Covid-19-Erreger über den Luftweg leicht übertragen wird, und eine vergleichsweise lange Inkubationszeit von bis zu zwei Wochen hat. Diese Kombination ist es, was das Virus gefährlich macht. Der Experte sieht zudem die Gefahr, dass der Coronavirus sich mit anderen Viren seiner Art verbinden könnte. Auch der kumulative Effekt mit anderen Atemwegsviren könnte den neuen Virus noch gefährlicher machen. Es ist möglich, dass die Fälle mit steigenden Temperaturen wie bei einer saisonalen Grippe zurück gehen und Covid19 am Ende eine weitere Form einer solch saisonalen Krankheit wird.

Gefährlich sei jedenfalls, wenn sich der Virus in Gegenden mit wenig Verwaltungsorganisation und Gesundheitsversorgung ausbreite, in denen er quasi „freie Bahn“ habe. „Die Chinesen versuchen ihr Bestes, um die Ausbreitung zu kontrollieren“, sagt Claude Muller, auch der Rückgriff auf Plasma mit Antikörpern könnte ein therapeutischer Ansatz sein. Was die Entwicklung eines Impfstoffs anbelangt, so weist der Experte auf die internationale „Coalition for Epidemic Preparedness Inventions“ (CEPI) Plattform hin, deren Ziel es sei schnell Kräfte und neue Technologien zu bündeln um einen Impfstoff zu entwickeln und . Während die Medizin grosse Erfahrung in der Herstellung von Impfstoffen aus Antigenen abgetöteter oder abgeschwächter Erreger habe, seien Impfstoffe aus DNA oder RNA zwar schneller und in großen Mengen herzustellen, aber es gibt auch weniger Erfahrung damit. Und man müsse auch über die Akzeptanz solcher Mittel diskutieren.

Die Angst vor der Pandemie

Unter einer Pandemie versteht man die länderübergreifende, globale Verbreitung einer Infektionskrankheit. Ist eine solche Verbreitung örtlich beschränkt, spricht man von einer Epidemie.
Darunter fällt zum Beispiel die Ebola-Epidemie in Westafrika, die zwischen 2013 und 2016 11.300 Tote forderte und die immer wieder auftaucht.
Zwei Infektionskrankheiten wurden im 21. Jahrhundert von der Weltgesundheitsorganisation zu Pandemien erklärt. Das „Severe Acute Respiratory Syndrome“ griff 2002-2003 in Südchina und in etwa 30 Ländern um sich und forderte insgesamt 774 Tote. Der Virus wurde scheinbar von Fledermäusen auf den Menschen übertragen durch Zibetkatzen, die für ihr Fleisch auf chinesischen Märkten verkauft wurden. Das Virus ruft akute Lungenentzündungen hervor.
Weit verheerender mit offiziell 18.500 Toten - andere Quellen gehen von mehren Hunderttausend Opfern aus - verlief die Grippe A(H1N1) in den Jahren 2009-2010. Der ursprünglich „Schweinegrippe“ genannte Erreger tauchte zunächst in Mexiko auf. Es folgten massive Impfkampagnen in zahlreichen Ländern. Schlussendlich hielt sich die Opferzahl in Grenzen.
Merke: laut Schätzungen der WHO sterben jährlich weltweit 250.000 bis 500.000 Menschen an den Folgen der sogenannten „saisonalen Grippe“. In Luxemburg wird Risiko-Patienten - ältere Menschen und Menschen mit Gesundheitsproblemen deshalb regelmäßig empfohlen, sich impfen zu lassen.
Weitaus tödlicher als SARS und A(H1N1) waren freilich Pandemien in früheren Zeiten.
Das 20. Jahrhundert war etwa geprägt von der „spanischen Grippe“, die zu Ende des Ersten Weltkriegs in nur ein paar Monaten zwischen September 1918 und April 1919 schätzungsweise 50 Millionen Menschen dahinraffte - fünfmal mehr als auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs starben.
Die „asiatische Grippe“ kostete 1957 und 1958 1,1 Millionen Menschen das Leben. Zwischen 1968 und 1970 plagte die „Hong Kong“-Grippe die Welt und forderte über eine Million Tote. Sie wird von Forschern als erste „moderne“ Pandemie des Zeitalters des Massen-Flugtransports eingestuft.
Auch der seit Anfang der 1980er bekannte HIV-Erreger gehört in die Kategorie der Pandemien. Laut UNAIDS sind seither bereits 32 Millionen Menschen an den Auswirkungen von HIV gestorben. Mittlerweile gibt es effiziente Therapien dagegen.  LJ mit AFP