LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Peter Singers Effektiver Altruismus

Denen meisten von uns geht es gut, verdammt gut. Kaum einen von uns quält der Hunger. Wenn wir abends ins Bett steigen, müssen wir uns keine Gedanken um drohende Bombenanschläge, Überfälle, Kriegsverbrechen machen. Wir haben genug Geld, um uns unsere kleinen und großen Wünsche zu erfüllen oder zumindest unser Überleben zu sichern. Hat man selbst genug, fällt es einem mitunter leichter, ein wenig von seinem Hab abzugeben und Arme oder Kranke zu unterstützen. Nun fragt der Moralphilosoph Peter Singer (*1946), gebürtiger Australier und momentan als Professor für Bioethik an der Princeton Universität tätig, welche Art der Karitativität wohl den größten Impakt und Nutzen für die größtmögliche Anzahl von Leuten hat? Sind Intuition und Emotion die besten Anlässe hierfür? Oder muss man doch der Vernunft in solchen Entscheidungen Vorrang lassen? Singer regt noch zu weiteren Reflexionen an und hinterfragt den Nutzen mancher oftmals sehr populären karitativen Projekte. Wo wird Hilfe wirklich am dringendsten gebraucht? Und, vor allen Dingen, wie kann ich wahrhaft altruistisch leben und dadurch den Impakt meiner Hilfe maximieren?

Denn spenden ist nicht gleich spenden. Wer mal an Weihnachten eine Summe überweist, um sein Gewissen zu beruhigen, kann wohl kaum von barmherziger Gesinnung gezeichnet sein. Auch wer Millionen in die Errichtung großer Museen oder ähnlicher Gebäude steckt, und sich als Mäzen für diese Projekte feiern lässt, dem ist die Idee des Miteinanders und Teilens fremd. Aber warum geben wir nicht alle mehr ab? Warum haben wir oft sogar das Gefühl, schon genug getan zu haben?

Singers Theorie des Effektiven Altruismus‘ geht manchen wahrscheinlich zu weit. Und doch haben sich bereits einige dieser neuen sozialen Bewegung angeschlossen. Es geht den Leuten allesamt darum, herauszufinden, wie sie am effektivsten leben sollten, um maximal spenden und für den anderen (lat. ‚alter‘), uneigennützig und selbstlos leben zu können. Diese sittliche Einstellung ist dem Egoismus radikal entgegengesetzt. Sie hat auch wenig mit einem verklärten Traum der Romantik oder der 68er zu tun, sondern auch, oder vor allem, mit harten, wirtschaftlichen Fakten und Faktoren sowie neuzeitlichen wissenschaftlichen Methoden. Durch diese Herangehensweise wird es analytisch zu begründen sein, welcher Einsatz sich für welchen Zweck im Nachhinein wirklich lohnen kann. Es wird berechnet abgewogen, wann materielle oder doch eher finanzielle Hilfen erforderlich sind, anstatt nach einem Medienbericht über die rezente Naturkatastrophe blind in irgendeine Aktion zu investieren. Was ist wirksamer Einsatz? Wofür gibt es die besten Argumente? Was wäre ein alternatives Modell des wohltätigen Wirkens? Mit Statistik und Kennzahlen wissen die Anhänger des Effektiven Altruismus diese Fragen zu beantworten und ihre Antwort zu rechtfertigen.

Von zentraler Bedeutung ist vor allen Dingen die eigene Lebensweise. Einige der sogenannten effektiven Altruisten haben Top-Jobs und machen von Berufs wegen eine Menge Geld. Sie leben aber nicht im Luxusloft oder fahren mit dem dicken SUV herum, sondern spenden einen Großteil ihres Einkommens. Die Idee dahinter ist viel Geld zu machen und somit Summen zu spenden, die ansonsten nicht gespendet hätten werden können. Wer die Fähigkeiten besitzt, einen solchen gutbezahlten Posten zu besetzen, der zudem noch moralisch tragbar bleibt, kann demnach deutlich mehr Mittel zur Verfügung stellen, als wenn er sich ehrenamtlich bei einer NGO engagiert. Dahinter sticht für einen selbst viel Kalkül und Planung. Und natürlich hat dies primär mit Verzicht und Lebenseinstellung zu tun: Die kleine Wohnung, gebrauchte Möbel, bewusstes Einkaufen, gewollte Askese, und dies trotz des großzügigen Gehalts.

Doch natürlich lebt der Effektive Altruismus nicht ausschließlich von Besserverdienern. Ein jeder kann sich im Alltag fragen, wie er seinen Lebensweg so gestalten kann, um selbst am effektivsten für das Miteinander da zu sein. Warum nicht auch den Mut haben, herrschende Ansichten bezüglich Ethik und Gerechtigkeit in Frage zu stellen? Alternative Modelle auszuarbeiten, dank denen die Säkularisierung von Moral und Wirtschaft wieder Fuß fassen könnte? Auch wenn, oder eben gerade weil, damit auch Fragen auftauchen, die von verschiedenen ‚ganz oben‘ ebenfalls beantwortet werden müssten.

Zudem kann die Gemeinschaft auf keinen Fall auf diejenigen verzichten, die sich in der direkten Einzelhilfe engagieren, auch wenn die vielleicht wirt- und wissenschaftlich gesehen von der generellen Effizienz nicht so hoch ist? Es ist wohl wie immer die Goldene Mitte, die wie so oft das Rennen macht. Vielleicht ist es sogar der Gedanke, sich als Teil des Weltbürgertums überhaupt auch für den anderen mitverpflichtet zu fühlen, der im Nachhinein die Massen zu mehr Mit- und Füreinander bewegen kann. Der Ansatz des Effektiven Altruismus zeugt von dieser Maxime und ist sicherlich eine wohltuende Bewegung hin zum moralischen Ideal. Ob das Leitmotiv jedoch stark genug ist, um dem Egoismus und der Machtgeilheit Einhalt zu gebieten, sei dahingestellt. Es ist die Summe der kleinen Schritte, die es im Nachhinein machen wird.