DIFFERDINGEN
NORA SCHLEICH

Flavia Carbonetti kreiert hochwertige Unisex-Mode

Mancher Kunde fragt sich vielleicht, wie man Nachhaltigkeit, Genderfragen und Mode miteinander in Verbindung setzen kann. Flavia Carbonetti (26) aus Senningerberg hat sich der Frage angenommen und mit ihrem Modelabel „Einfühlung“ ein Zeichen für hochwertige Modekunst gesetzt. Wie die passionierte Designerin in einer Welt zwischen Ideen, Kreativität und dem harten Unternehmertum etablieren konnte, erzählt sie uns heute im Interview.

Wann kam das Interesse für nachhaltige Mode auf?

FLAVIA CARBONETTI Das klingt jetzt ein wenig klischeehaft, aber ich habe mich immer schon für Mode interessiert. Anfangs habe ich meine Puppen modisch gekleidet, später war meine Schwester mein Versuchskaninchen. Mein Onkel arbeitete auch in der Modewelt, sodass ich zu Hause mit einigen Stoffresten experimentieren konnte. Als ich in Florenz Modedesign studierte, kam ich mit dem ganzen Produktionsprozess in Verbindung, der während dem Entwerfen ebenfalls berücksichtigt werden muss. Ich war schnell der Meinung, dass man hierfür bestimmt einen umweltschonenderen Weg finden könnte. An der Universität war Nachhaltigkeit leider kein Thema. Dies ist ohnehin ein großes Problem der Modeschulen. Es gibt mittlerweile so viel Innovation was Technologien anbelangt, dass man ohne Weiteres ein schonendes Produktionsverfahren nutzen könnte

Wie sind Sie mit dem praktischen Teil des Modedesigns in Verbindung gekommen?

CARBONETTI In Florenz habe ich bei einem Schneider gearbeitet. Da ich mich ohnehin auch für das Herstellen der Ware interessierte, habe ich viele Stunden nach der Universität bei ihm verbracht. Um etwas zu designen, das auch funktioniert, muss man wissen, wie es hergestellt wird. Ich habe sieben Jahre bei ihm gearbeitet und wir sind gute Freunde geworden. Mittlerweile ist er 83 Jahre alt, er kennt sich im Metier bestens aus. Danach war ich in einigen Mode-Ateliers tätig, die vorwiegend auf Damenmode ausgerichtet waren. Wir haben dort Haute-Coutûre Kleider nach Maß gefertigt. Die Kunden verstreuten sich quer durch die Welt. Das war eine tolle Gelegenheit für mich, da ich viel herumreisen konnte.

Und dann haben Sie Ihre eigene Marke „Einfühlung“ geschaffen?

CARBONETTI Vor einem Jahr habe ich mich entschlossen, eine „Société à responsabilité limitée simplifiée“ hier in Luxemburg zu gründen. Mit der Idee habe ich mich aber schon seit drei Jahren beschäftigt. Als ich ein Praktikum bei Vivian Westwood absolvierte, kam ich mit dem Unisex-Konzept in Verbindung, das ich auch in meiner Kollektion in den Vordergrund stelle. Auch privat war Unisex-Mode schon ein Thema. Mit meinem Freund lebte ich in einer winzigen Wohnung, mit einem winzigen Kleiderschrank. Deswegen haben wir angefangen, unsere Kleidung zu teilen und auch gezielt solche Sachen einzukaufen, die wir beide tragen konnten.

Ist die Unisex-Thematik eine Antwort auf die aktuelle Gender-Diskussion?

CARBONETTI Ja, ich will auf jeden Fall Grenzen übertreten die Frage stellen, warum Männer nicht auch Kleider tragen können, die für Frauen entworfen wurden und umgekehrt. Natürlich wird das bei Abendroben schwierig, aber bei alltagstauglichen Kreationen geht das ohne Abstriche. Um diese Botschaft an meine Kunden zu bringen, versuche ich gezielt über mein Image zu kommunizieren. Daran arbeite ich momentan noch, wobei meine Homepage bereits einige Einblicke in die Philosophie von „Einfühlung“ gewähren soll.

Wie entstehen Ihre Kleider?

CARBONETTI Zunächst benötige ich viel Zeit für Nachforschungen und das Design der Kleider. Dann suche ich Stoff und Material heraus, um die ersten Prototypen schaffen zu können. Meine Werke werden in Italien produziert, also reise ich für die Arbeit am Endergebnis dorthin. Da ich aus einer italienischen Familie stamme und lange in Italien gelebt habe, kann ich mich ohne Probleme mit den Produzenten verständigen. Ich kann dort mit sehr hochwertigen Manufakturen zusammenarbeiten, das Land ist ohnehin eines der führenden in Sachen Mode und Textil.

Was zeichnet „Einfühlung“ aus?

CARBONETTI Die Marke hebt sich in verschiedenen Aspekten von konventioneller Mode ab. Am Prägnantesten ist das Unisex-Element. Das ist zwar im Kommen, aber dennoch eine Randerscheinung. Zudem findet man Unisex-Mode eher im lässigen oversized Look. Ich schneidere meine Kleider aber gezielt auf Männer- und Frauenmaße, sodass es nicht so aussieht, als würde die Freundin im T-Shirt ihres Partners umherlaufen. Es gibt da kleine Tricks, die es erlauben, dass die Kleider beiden passend sitzen. Dazu kommt, dass ich nur ausgewählte Stoffe und Materien verwende, die nach strengen Nachhaltigkeitskriterien gewonnen werden. Die Produzenten verpflichten sich zum Beispiel bindend dazu, einer verantwortlichen Abfallpolitik zu folgen oder gezielt auf toxische Chemikalien zu verzichten. Ohnehin wird bereits beim Design darauf Acht gegeben, dass die Ware nachher leicht recyclebar ist. Zwei Prozent des Gewinns werden zu Wohltätigkeitszwecken gespendet. Bei jeder Kollektion wird eine andere Organisation unterstützt werden.

Gab es bei der Unternehmensgründung Schwierigkeiten?

CARBONETTI Das war eigentlich sehr einfach. Die „Société Simplifiée“ kam mir sehr entgegen. Zwar habe ich ohnehin so viel Kapital investiert, wie es für die Gründung einer herkömmlichen Gesellschaft nötig gewesen wäre, aber ich konnte dies nach und nach tun. Jetzt wird es natürlich auch schwieriger, ich suche noch nach Partnern und Investoren. Management und Kommunikation sind Bereiche, in denen ich mich selbst noch nicht so gut auskenne. In der Zukunft will ich mich als luxemburgische Marke auch im Ausland präsentieren, sodass ich mich nun ebenfalls mit Marketing beschäftigen muss.

Wen zählen Sie zu Ihren Kunden?

CARBONETTI Bis jetzt haben vorwiegend Frauen in den Vierzigern meine Kollektion gekauft. Die interessierten Männer sind gut zehn Jahre jünger. Es fühlen sich Menschen angesprochen, die ohnehin ein Bewusstsein für einen nachhaltigen Lebensstil entwickelt, und die Nase voll von untransparenter und unökologischer Ware haben. Natürlich haben meine Kleider auch ihren Preis, sodass die Zielgruppe dadurch ebenfalls etwas eingeschränkt wird. Um Kunden zu erreichen, stelle ich oft auf Events aus und informiere über die sozialen Medien. Online, in Pop-Up Stores oder auf ausgewählten Märkten, wie etwa dem „Letz Go Local“ oder dem „Marché des Créateurs“ im Mudam kann man meine Kollektion erstehen. Da habe ich schon viel verkauft. Ich begrüße aber auch gerne Kunden in meinem Showroom im „1535“ in Differdingen.

 

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