ECHTERNACH
GERHARD KLUTH

Jean Muller und das OCL beim Echternacher Festival

Rein quantitativ bot das fünfte Konzert des diesjährigen Echternacher Festivals für das Publikum keinerlei Grund zur Klage. Das Orchestre de Chambre du Luxembourg (OCL) unter der Leitung seines musikalischen Chefs David Reiland beglückte sein Publikum am Donnerstagabend mit einem opulenten Programm, dessen erster Teil fast schon eine Länge hatte, aus der andere Orchester gleich einen ganzen Abend gestaltet hätten.

Auf dem Programm fanden sich Gabriel Faurés Orchestersuite „Pelléas et Mélisande“, Opus 80, in der Orchestrierung von Charles Koechlin, die Schönbergsche Orchesterfassung von Claude Debussys „Prélude à l’Après-midi d’un Faune“, sowie die Suite „El Amor Brujo“ des spanischen Meisters Manuel de Falla. Außerdem, als Höhepunkt des Abends das erste Klavierkonzert von Frédéric Chopin. Solist bei diesem Opus 11, das Chopin als gerade einmal 20jähriger niederschrieb, war der luxemburgische Pianist Jean Muller.

Halb voll oder halb leer?

Quantität ist natürlich in der klassischen Musik kein Kriterium. Hier kommt es, gerade bei einem renommierten Festival wie dem Echternacher, auf die Qualität an. Und doch spielte auch bei diesem Abend dieser Aspekt eine Rolle. Das, was das OCL, Muller und Reiland dem Publikum anbot, hätte einen ausverkauften Saal verdient gehabt. Das Echternacher Trifolion war zwar recht gut besucht. Die Anzahl der leeren Plätze jedoch fiel durchaus ins Auge. Schade für die Ausführenden, denn das Farbenspiel, mit dem die Musiker ihr Programm gestalteten, war von seltener Schönheit. Exemplarisch wurde dies schon bei der eröffnenden Suite von Fauré sicht- und hörbar.

Wie zart waren teilweise die Linien, mit denen das OCL die berühmte Liebesgeschichte erzählte. Das lag nicht nur daran, dass Fauré diesen Inhalt meisterlich in Noten übertragen hat. Reiland und das OCL wussten diese Vorlage auch trefflich in Klang umzusetzen. Die Tonsprache Faurés, Debussys und de Fallas scheint diesem Orchester und seinem Dirigenten sehr gut zu liegen. Aber auch Chopin ließ kaum einen Wunsch offen. Hier kamen einige Aspekte zusammen, die am Ende zu einem beeindruckenden Ergebnis führten. Mit Muller brillierte ein noch junger Pianist, der sich offensichtlich nicht hetzen lässt, sondern das, was er tut, gründlich erarbeitet und reifen lässt, bevor er es der Öffentlichkeit vorstellt.

Es ist richtig, wenn im Programmheft davon die Rede ist, Chopins erstes Konzert ziele vor allem auf die Virtuosität. Aber es gibt auch viele innige, romantische Momente, die es auszuloten gilt. Muller ist virtuos, aber gerade in diesen Momenten hob er sich von all den Tastenlöwen, bei denen es auf Technik und Geschwindigkeit an kommt, deutlich ab und lud zum Träumen ein. Getragen wurde er dabei von einem OCL, das mit derselben Hingabe musizierte, wie er selbst. Einziger kleiner Mangel: An manchen Stellen hätte man sich eine stärkere Streicherbesetzung gewünscht.

So war die Balance zwischen den exzellenten Bläsern und der Basis des Klangkörpers in den Fortepassagen ein wenig im Ungleichgewicht. Es tat aber dem Erfolg keinen Abbruch, wie der Applaus, den Muller mit zwei Zugaben honorierte, deutlich
zeigte.