CORDELIA CHATON

Den Euphrat kennen die meisten noch aus dem Alten Testament, wo von Euphrat und Tigris die Rede ist. Beide fließen durch das Zweistromland. Laut der „Genesis“ soll sich sogar das Paradies zwischen den Flüssen Pischon, Gichon, Chidekel und Euphrat befinden. Im Moment aber gibt es dort vor allem eines: Krieg.

Der gestrige Einmarsch der Türkei in Syrien markiert einen neuen Punkt der Krise. Seit jener friedlichen Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings Anfang 2011, die zum bewaffneten Konflikt führten, ist es eine markante Etappe - und ein offenbar gut vorbereitete.

In der Weltöffentlichkeit macht es sich erst einmal gut, wenn man die global geächteten IS-Terroristen bekämpft. Das ist laut Staatschef Recep Tayyip Erdogan denn auch das Ziel der Operation. Er erklärte, der Einsatz sei „gegen Bedrohungen gerichtet, die für die Türkei von Terrororganisationen wie dem IS oder der syrischen Kurdenmiliz YPG ausgingen“. Der zweite Teil des Satzes ist sehr aufschlussreich. Denn die Türkei bekämpft seit Jahren die verbotene Kurdenorganisation PKK, der die YPG nahe steht.

Kurden gibt es nicht nur auf dem Gebiet der Türkei, sondern auch in Syrien und dem Irak. Und nicht wenige dieser Kurden träumen von ihrem eigenen Staat. Das genau will Erdogan verhindern. Die syrische Kurdenmilz YPG hatte im Rahmen der kurdisch-arabischen „SDF“-Streitkräfte und unterstützt von US-Luftschlägen erst vor wenigen Tagen die Stadt Manbidsch, 30 Kilometer südlich der türkischen Grenze, vom IS zurückerobert. „Rojava“ soll laut YPG der neue Staat der Kurden heißen. Die YPG will sich dabei keinesfalls an eine Grenze östlich des Euphrat halten, den die Türkei von der PKK eingefordert hatte.

Erdogan wird weder wollen, dass die Kurden zu viel Einfluss erhalten, noch zu viel Ruhm. Auch wenn er derzeit die Offensive auf den furchtbaren, blutigen Ausgang einer Hochzeit mit über 50 Toten schiebt, für den der IS verantwortlich sein soll: Er hat diesen Schritt mit großer Wahrscheinlichkeit bei seinem Putin-Besuch in Russland am neunten August abgesprochen und somit länger geplant. Putin will sich die Islamisten vom Hals halten und einen Zugang zu Meer haben. Erdogan will keine Islamisten - zumindest derzeit nicht - und die Gefahr einer möglichen Abtrennung oder eines Bürgerkrieges einschränken.

Andererseits kann er nicht zu direkt gegen die YPG vorgehen, denn die ist immerhin mit den Amerikanern verbündet. Die Amerikaner aber wollen nicht, dass Türken und Kurden gegeneinander kämpfen. Die syrische Kurdenmiliz ist sich dieser Situation bewusst und warnte schon mal, die Türkei würde genau so besiegt werden wie der IS. Angesichts des Angriffs verkam der Besuch von US-Vizepräsident Joe Biden zu einer Randnotiz. Biden will keinen Kurdenstaat anerkennen. Aber das wird die Miliz nicht interessieren.

Die Situation bleibt damit schwierig, Grundsteine für zukünftige Konflikte sind schon gelegt. Da hilft es wenig, wenn es Gerüchte über eine Übergangsfunktion Assads gibt. Das Problem ist viel größer. Angesichts dieser Dimension klingt der Name der türkischen Militäroperation wie Hohn: „Schutzschild Euphrat“.