PERL
PATRICK WELTER

Wie sehen Frostschäden in den Weinbergen konkret aus? Mit einem Experten vor Ort

Es ist die pure Mai-Idylle: Knallblauer Himmel mit ein paar Wölkchen, der Blick reicht über die Mosel nach Schengen und praktisch zu unseren Füßen liegen die ersten Häuser von Apach, das schon zu Frankreich gehört. Die Luft ist lau und nicht nur „Lexus“, der Rhodesian Ridgeback von Helmut Herber, fühlt sich an diesem Morgen wohl. Mitten im „Perler Hasenberg“, einer Weinlage die grenznäher nicht sein könnte und einen freien Blick auf das Dreiländereck bietet, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

Doch das täuscht. Am Anfang stand eine nüchterne Meldung „Große Verluste für die Winzer durch Spätfrost“. Auch das „Journal“ berichtete. Die Verluste wurden nicht nur in Luxemburg, je nach Lage, mit zwischen fünfzig und hundert Prozent angegeben. Verluste heißt in dem Fall, dass die jungen Knospen an den Rebstöcken erfroren sind und die Erntemenge drastisch sinkt. Selbst Weinanbaugebiete, die deutlich weiter im Süden liegen, sind durch Spätfrost gefährdet, auch das Burgund.

Wie sieht die Realität hinter diesen Meldungen aus? Um das herauszufinden, haben wir uns mit Ökonomie-Rat Helmut Herber vom gleichnamigen Weingut in Perl getroffen. Herber war für 25 Jahre Präsident der saarländischen Winzer, daher der Ehrentitel Ökonomierat, und ist einer der Vorreiter der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Winzer aus Luxemburg und Deutschland. „Charta Schengen“-Weine reifen auch in seinen Kellern. Das Weingut „Ökonomie-Rat Herber“, das heute in der fünften Generation von Matthias Herber geführt wird, bezeichnet sich selbst als Burgunderweingut. Auf elf Hektar Fläche zu beiden Seiten der Mosel baut der Familienbetrieb zu 80 Prozent Burgunderweine an. Also erläutert uns ein erfahrener Experte die Lage vor Ort.

Überraschend kalte Mainächte

In den Nächten vom 4. auf den 5. Mai und vom 5. auf den 6. Mai ist die Temperatur unter Null Grad gesunken. Nur ganz knapp unter den Gefrierpunkt, aber das reichte schon. Ein typischer Fall von Spätfrost. Helmut Herber erklärt uns, was dann passiert: „Die kalte Luft fließt hangabwärts und sammelt sich in Talmulden. Dort erfrieren dann die jungen Knospen an den Rebstöcken. Wenn man Glück hat, nur die Blätter.“ Wobei egal ist, um welche Rebsorte es sich handelt, alle Knospen sind frostempfindlich, entscheidend ist die geografische Lage. Was auch zu unterschiedlichen Schadensbildern von Weinort zu Weinort und von Weinberg zu Weinberg führt.

Herber ist aber immer noch erstaunt darüber, dass in diesen beiden Nächten zumindest in den Lagen um Perl das Wetter gewissermaßen gegen alle Regeln verstoßen hat. Die Kälte erwischte nicht die unteren Weinlagen, sondern die weiter oben stehenden Stöcke. Selbst in bekannten „Kältelöchern“ war es offensichtlich nicht so kalt, dass es zu Erfrierungen kam. Dafür traf es vorgeblich sichere Lagen.

Nebenaugen: natürliche Selbsthilfe

Herber zeigt, wie eine erfrorene Knospe aussieht, grau und tot. Hier, in seinem Wingert im „Perler Hasenberg“ stehen 15 Jahre alte Grauburgunder-Stöcke. 80 Prozent aller Knospen hat es in diesen beiden Nächten erwischt. Die Natur reagiert mit Selbsthilfe, gerade bilden sich „Nebenaugen“ heraus. Laienhaft ausgedrückt so etwas wie Notknospen. Die Nebenaugen haben allerdings eine Verzögerung von 14 Tagen gegenüber den anderen Knospen und bilden auch weniger Blüten aus. Lakonische Feststellung: „Die ein oder andere Traube wird kommen.“

An einer Stelle sieht man auch als Laie, dass schon ein leichter Schutz ausreicht, um den Frost zu überstehen. Der betroffene Rebenbogen scheint nur noch tote Knospen zu tragen, nur eine, die im Windschatten eines Weinbergpfahls ausgeschlagen ist, hat den Frost überstanden. Interessant ist auch, dass sich Knospen, die unmittelbar auf dem Kopf des eigentlichen Rebstocks sitzen, gut gehalten haben. „Wir müssen diesen Weinberg, trotz der vielen Ausfälle ganz normal weiterbearbeiten, um den Rest der Trauben zu sichern“. Aktuell werden in allen Weinbergen die Stöcke entgrünt, damit Wasser und Nährstoffe nur den später tragenden Reben zugute kommen.

Jahrzehntelang kein Spätfrost

Spätfröste waren für die Lagen rund um den luxemburgisch-deutschen Moselabschnitt über zwei Jahrzehnte hinweg praktisch unbekannt - bis 2017, da sorgte erstmals wieder bittere Kälte im April für massive Schäden. „Eine Frostnacht reicht,“ erläutert Herber. Im Gegensatz zu ihren luxemburgischen Kollegen haben die wenigsten deutschen Winzer eine Versicherung gegen Frostschäden - aus einem simplen Grund, die teuren Versicherungsbeiträge werden jenseits der Mosel nicht bezuschusst.

In zahlreichen Medien waren Anfang Mai Bilder von offenen Feuern in Weinbergen zu sehen, um Nachtfröste zu bekämpfen, etwa in Rheinhessen. Herber sieht dieses Vorgehen für die hiesigen Verhältnisse kritisch. Das Problem sei dabei der ungeheure organisatorische Aufwand. Man müsse quasi bei Fuß stehen und es nützt nur etwas, wenn alle Winzer mitmachten. Dann sei noch die Frage der Genehmigung zu klären.

Die Arbeit mit der Natur bleibt eine Herausforderung

Das Fazit unserer gemeinsamen Weinbergbegehung ist simpel: „Der Weinbau hängt trotz aller Kellertechnik und weitreichendem Fachwissen immer von den Launen der Natur ab. Ein Weinjahr wie 2018 ohne Frost, Dauerregen und Rebkrankheiten war die ganz große Ausnahme.“ 2019 zeigt schon im Mai, dass die heimischen Winzer beiderseits der Mosel Jahr für Jahr mit Herausforderungen kämpfen müssen.