SCHWEIZ
NICOLA BARDOLA

Der Beginn eines neuen Weltbestsellers: In Italien herrscht wieder Ferrante-Fieber

Das Ferrante-Fieber steigt wieder stark an: In Italien ist soeben der neue Roman der bekanntesten Unbekannten der Weltliteratur erschienen: „La vita bugiarda degli adulti“. Der Suhrkamp Verlag hat sich noch nicht auf einen deutschen Titel festgelegt. Naheliegend wäre „Das verlogene Leben der Erwachsenen“. Im englischsprachigen Raum wird der Roman „The Lying Life of Adults“ heißen und voraussichtlich im Juni 2020, im deutschsprachigen Raum noch später erscheinen.

Im Harry-Potter-Stil wurden in vielen Buchhandlungen Italiens Mitternachtspartys gefeiert: Bis zum Verkauf um null Uhr wurde aus dem bereits bestehenden Ferrante-Werk gelesen, es fanden Podiumsdiskussionen statt oder Quiz-Shows, bei denen man sein Ferrante-Wissen testen konnte. Der Veröffentlichungstermin für den deutschsprachigen Raum steht noch nicht fest. Vielleicht dauert es bis Herbst 2020. Gut möglich, dass dann auch hier das Erscheinen des Romans in Buchhandlungen gefeiert wird, zumal aus der Geschichte der zu Beginn 13-jährigen Ich-Erzählerin Giovanna wohl wieder ein mehrbändiges Werk entsteht, ähnlich wie „Meine geniale Freundin“.

Zwischen kindlichem Glück und pubertären Irritationen

Die junge Giovanna setzt sich mit dem Kontrast zwischen kindlichem Glück und pubertäreren Irritationen auseinander, mit einer vergleichsweise behüteten Kindheit in Neapels Rione Alto und dem Erwachsenwerden in den gefährlichen, den tiefer gelegenen Vierteln der Stadt mit ihren engen Gassen. Dort wohnt die unheimliche Tante, die Schwester ihres Vaters, zia Vittoria. Giovannas Eltern sagen, ihre Tochter sei hässlich wie Vittoria geworden. Giovannas Entdeckungsreise in den 1990er Jahren nach der eigenen, sich noch formenden Identität und vor allem nach der eigenen Sexualität begeistert und verstört jetzt schon die Leser Italiens.

Wie überbrückt man die Zeit zwischen den deutschen Ferrante-Veröffentlichungen? Erst im Mai 2020 erscheint bei Suhrkamp „Zufällige Erfindungen“, ein Band mit Kolumnen, die Elena Ferrante für die britische Tageszeitung Guardian geschrieben hat. Eva Mattes, die alle Hörbücher Ferrantes gesprochen hat, liest in vielen Städten aus Ferrantes Werk, zuletzt im Literaturhaus Leipzig aus „Tage des Verlassenwerdens“. Es war der Auftakt zur einer internationalen Ferrante-Tagung: „Elena Ferrante: Genealogie und Archäologie des 20. Jahrhunderts“. Da bei der Lesung keine Simultan-Übersetzung angeboten wurde, wunderten sich italienische Ferrante-Forscherinnen, dass das deutsche Publikum an manchen Stellen herzlich lachte. Wie ist das möglich? „Tage des Verlassenwerdens“ ist ein ernster, ja tragischer Roman, der vom Überlebenskampf einer Frau mit ihren zwei Kindern erzählt. Schon ist eine Diskussion im Gange: Lesen Deutsche Ferrante anders als Italiener? Gemeinsam begibt man sich auf die Suche nach Humor und Ironie in Ferrantes Werk und natürlich nach ihrer Identität.

Vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans „Lästige Liebe“ schreibt Elena Ferrante 1991 einen Brief an ihre Verlegerin, sie werde nicht öffentlich auftreten und sich nur schriftlich und selten zu Wort melden: „Ich glaube, Bücher brauchen, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr. Wenn sie etwas zu erzählen haben, finden sie früher oder später ihre Leser. Und wenn nicht, dann eben nicht“, erklärt Ferrante. Dieser Brief wird immer wieder zitiert und oft endet die Auseinandersetzung mit Ferrantes Pseudonym damit.

Kurt Tucholsky schrieb: „Pseudonyme sind wie kleine Menschen. Es ist gefährlich, Namen zu erfinden – ein Name lebt.“ Das gilt insbesondere für die mysteriöse Autorin aus Neapel. Elena Ferrante ist ein Pseudonym – ein falscher Name. Genau betrachtet handelt es sich um ein Heteronym, ein falscher Name mit einer erfundenen – oder wahren – Existenz: Mit Heteronymen werden Autorennamen bezeichnet, die (fiktive) Biographien besitzen. In ihren biographischen Schriften, Briefen und Aufsätzen (gesammelt in „Frantumaglia – Mein geschriebenes Leben“, Suhrkamp) spricht Ferrante selbst von Pseudonym und wehrt sich ab 2014 gegen den Begriff der Anonymität.

Unzuverlässige Erzählerin

Diese Ungewissheit ist die Grundvoraussetzung bei der Beschäftigung mit Elena Ferrante. Fest steht demnach: Elena Ferrante ist eine unzuverlässige Erzählerin. Jedes Mal, wenn Elena Ferrante „Ich“ schreibt, können damit verschiedene Identitäten gemeint sein. Linguisten fragen nicht mehr, „wer ist Ferrante?“, sondern „was ist Ferrante?“, denn es könnte sich auch um ein Kollektiv handeln rund um ihre Verleger in Rom. Es könnte auch ein Autorenkonstrukt sein, bestehend aus der neapolitanischen Schriftstellerin Fabrizia Ramondino bis zu ihrem Tod 2008 und danach um ein Kollektiv. Und vielleicht ist es doch eine in Neapel geboren Frau, die bis heute im Verborgenen ihre Leser mit ihrer einzigartigen Prosa begeistert.

Nach ihrem Privatleben befragt, schreibt Ferrante 2015: „Was bin ich außerhalb meiner Bücher? Eine Signora wie viele andere.“ Das ist sie natürlich nicht. Elena Ferrante ist als Privatperson – wenn auch im Geheimen und unerkannt – eine Weltbestsellerautorin und keine Signora wie viele andere. Sie schreibt leidenschaftlich, verdient überdurchschnittlich und beides beeinflusst ihr Privatleben. Der immanente Widerspruch von Ferrantes Argumentation manifestiert sich auch in ihrer Aussage: „Es ist keine Kleinigkeit, zu schreiben und dabei nicht nur eine Geschichte, Figuren, Gefühle, Landschaften, sondern auch die eigene Person als Schriftstellerin für die Leser zu orchestrieren, die wahrhaftigste, weil allein aus Geschriebenem bestehende, aus purer theoretischer Erforschung einer Möglichkeit.“

Manchmal scheint es, als wolle Ferrante ihre Leser manipulieren, wie Lila ihre Freundin Lenù in „Meine geniale Freundin“. Elena Ferrante „orchestriert“ ihr Leben für ihre Leser. Selbstverständlich ließe man die Autorin Ferrante in Ruhe, würde sie keine weiteren Fragen nach ihrer Anonymität beantworten. Thomas Pynchon und viele andere haben es vorgemacht. Bis der vielversprechende neue Roman Elena Ferrantes auf Deutsch vorliegt, lohnt sich die Beschäftigung mit den schon vorhandenen Texten.

Elena Ferrante: La vita bugiarda degli adulti E/O Edizioni Srl, 326 Seiten, 24 Euro

Nicola Bardola: Meine geniale Autorin Reclam, 311 Seiten, 24 Euro

Immer wieder träumen die unvollendete…

LeseZeichen

Ein ganzes Berufsleben lang habe ich als „Dudaist“ („Duda, komm mal an die Tafel!“) in der pädagogischen Provinz, im Rotlichtmilieu geackert. Doch hing mein ganzes Herz an dir, du holde Kunst: In wieviel grauen Stunden [...] hast du mich in eine bessre Welt entrückt!

Nicht mit Friedrich Dürrenmatt in Esch/Alzette, nicht mit Günter Grass in Luxemburg, nein, mit Swjatoslaw Richter in Wiltz hatte ich mein Damaskus-Erlebnis. Richter, der geniale Spielverderber: Die Klaviatur wurde mir daraufhin nicht zur Laufbahn, eher zur Klaviatortur.

Wir studieren ein Jahrzehnt lang auf einem Instrument, das wir uns ausgesucht haben und hören dann, nach diesem mühseligen, mehr oder weniger deprimierenden Jahrzehnt, ein paar Takte eines Genies und sind erledigt, dachte ich. (Thomas Bernhard: „Der Untergeher“, S.122)

Was mir zu schaffen macht: In unseren Gefilden leben wir zunehmend konsum-orientiert; ich sehe mich umgeben von Scharen stumpfsinniger Smombies. Shopping Malls, miles and more, shop and smile. Heute ist wieder Nocturne: Du darfst nach Herzenslust bis Mitternacht chopinieren. Verballhornbachungen bis zum Supermatsch. Die drei Könige, König Kunde, Le Roi Merlin und King Tirelire, sind auf dem Weg zum Kindchen und finden ihren Schönen Stern. Es begleiten sie Blöken und Jingle-Gebell.

Ja, wir leben in rauen, harschen Zeiten; ich aber habe meine Schreibstube, meine Leseecke, mein Musikstudio, alles in einem Raum. Ich habe mein Refugium, worin ich mich zurückziehen kann, um die Stille zu finden als Voraussetzung für meine – oft musikalischen – Federspiele.

in deinem fertighaus // zwischen diesem und jenem // fertiggericht // glaubst du hie und da // mit der liebe // mit dem leben // fertig zu sein // doch kannst du // unverbesserlich // die feder in der hand // den taktstock im kopf // immer wieder // träumen // die unvollende- //te…
(R.H.)