Die Debatten um das Referendum offenbaren einige interessante Nachwehen, bei denen es nicht mehr um die Antworten der Wähler und deren Konsequenzen geht, sondern um die Rolle, die verschiedene soziale Akteure in der Debatte gespielt haben.

Hier wird immer wieder der Begriff des „Volkes“ eingebracht, der eigentlich bewertend, respektive entwertend ist, und dem „Volk“ wird die Elite entgegen gestellt. Auch wurde ein Graben zwischen dem „Volk“ und der Elite festgemacht, und es wird darauf angespielt, dass die Luxemburger Presse die Meinung des Volkes nicht mehr wiederspiegelt.

Hierzu wäre zu bemerken, dass es noch nie Aufgabe der Presse gewesen ist, die Meinung der Mehrheit wiederzugeben. Eine solche Erwartung an die Presse wäre gefährlich; vielmehr hat die Presse eine moralische Aufgabe, zu informieren, auch unterschiedliche Meinungen darzustellen, und politische Ideen konsequent zu vertreten. Darüber hinaus hat eine Zeitungsredaktion durchaus das Recht, sich zu einer bestimmten Idee zu bekennen, und auch meinungsbildend zu wirken.

Da sich nach dem Referendum herausstellte, dass der allgemeine Aufruf der Zeitungsredaktionen zu einem „Ja“ zum Ausländerwahlrecht keinen Erfolg bei der Bevölkerung hatte, haben Journalisten im Nachhinein die Verpflichtung, zu analysieren, was passierte, wieso tatsächlich Medien und Elite eine Mehrheit der Bevölkerung nicht überzeugen konnten. Bemüht sich die Presse um eine Analyse, ohne jetzt den Bürgern für ihr Wahlverhalten den schwarzen Peter zuzustecken, macht sie gute Arbeit, ohne unbedingt die vorher vertretenen Richtlinien zu ändern. Die Bemühungen der Medien um gesellschaftliche Kohäsion und Dialog zwischen den verschiedenen kulturellen Gemeinschaften in Luxemburg ist prinzipiell richtig; da der Weg dorthin, nämlich die Ausdehnung des aktiven Wahlrechtes auf Ausländer jetzt via Referendum nicht erreicht werden konnte, stehen Überlegungen an, wie die Politik, die Presse, und auch die Gesellschaft allgemein einer besseren Kohäsion zuarbeiten können.

Dem wäre hinzuzufügen, dass viele gesellschaftlich relevante Veränderungen in unserem Land vielleicht nicht möglich gewesen wären, wenn man sie einem Referendum unterzogen hätte. In dem Sinne können wir uns fragen, ob unser Land die Todesstrafe hätte abschaffen können, den Schwangerschaftsabbruch in den siebziger Jahren hätte ermöglichen können, die Gleichstellung verheirateter Frauen in den Siebzigern, die Einführung der Laienmoral in den Schulen, die Anerkennung unehelicher Kinder hätte umsetzen können, wenn man besagte Fragen einem Referendum überlassen hätte in einer Zeit, in der konservatives Denken in Luxemburg noch den Ton angab. Es ist sicherlich sinnvoll gewesen, via Referendum zu erfahren, wo die Wähler in verschiedenen gesellschaftspolitischen Fragen stehen. Aber es sollte daran erinnert werden, dass in der Geschichte unserer repräsentativen Demokratie, die Luxemburg nun einmal ist, die Politik auch immer wieder eine moralische Verpflichtung hatte, Reformen und Ideen durchzusetzen, die das Land weiterbringen, die zur Humanisierung der Gesellschaft beitragen, auch wenn diese Reformen auf Anhieb nicht jedem gefallen.