LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Früher Ruhm und spätes Engagement: Zum 100. Geburtstag von Ella Fitzgerald

An Persönlichkeiten, die vor 100 Jahren geboren wurden, mangelt es 2017 nicht. Politiker wie Indira Gandhi oder John F. Kennedy, Schauspieler Robert Mitchum oder der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll erblickten 1917 das Licht der Welt. Aus dem Showbusiness kann man den Crooner Dean Martin in dieser Liste aufführen und im Jazz wäre die 1996 verstorbene Sängerin Ella Fitzgerald dieses Jahr 100 geworden.

Ein Teil ihrer Jugend verlief so ähnlich wie die ihrer Zeitgenossin Billie Holiday. Nach dem Tode ihrer Mutter landete sie mit 15 als Waisenkind auf der Straße und lebte teilweise in Heimen. Ella Fitzgerald, die eigentlich Tänzerin werden wollte, gewinnt 17-jährig einen Gesangsnachwuchswettbewerb und wird auf Anraten von Saxofonist Benny Carter in das Orchester des Schlagzeugers Chick Webb engagiert. Schon 1938 hatte sie 21-jährig mit der Kindermelodie aus dem Jahre 1879 „A-Tisket, A-Tasket“ landesweiten Erfolg. Der Song verkaufte sich binnen kürzester Zeit über eine Million mal und blieb stolze 17 Wochen an der Spitze der amerikanischen Charts.

Reue über Holiday-Autogramm

Obwohl Billie Holiday noch immer als die größte, originellste und intensivste Jazzsängerin gehandelt wird, ist Ella Fitzgerald mit Sicherheit auch heute noch die weltweit Bekanntste. Bei einer der rarer Begegnungen mit Billie Holiday überwand Ella sich die zwei Jahre ältere „Lady Day“ um ein Autogramm zu bitten, was sie später bereute.

Aber wie bei Louis Armstrong finden wir auch für Ella Fitzgerald verschiedene Angaben als Geburtsdatum: In den gängigen Biographien ist der 25. April 1917 angegeben, während ihr Impresario Norman Granz, 1920 als Geburtsjahr angibt.

„Die Stimme des 20. Jahrhunderts! Oft kopiert, nie erreicht! First Lady des Jazz!“, das sind oft zitierte Schlagzeilen aus einer 50 Jahre dauernden Karriere in der internationalen Fachpresse. Allerdings war es zu ihrer großen Zeit verpönt eine Schwarze „Lady“ zu betiteln, obwohl sie den Verdienst beanspruchen konnte, die Jazzmusik, die bis dato noch immer mit Unterwelt verbunden wurde, als erste schwarze Interpretin in die großen Konzerthallen gebracht und mit Louis Armstrong die Popularität des Jazz weltweit salonfähig gemacht zu haben.

Mit Armstrong nahm sie 1956 die kommerziell erfolgreiche, wunderbare Gesangsduoplatte „Ella & Louis“ auf, ehe sie sich von ihrem Impresario Norman Granz, der sie auch in die „Jazz At The Philharmonic“-Konzertreihe einführte, überreden ließ, anschließend verschiedene Versionen des „Great American Songbooks“ einzuspielen. Obwohl Ella anfangs von diesem Projekt nicht begeistert war, wurde aus Granz‘ Idee eine Erfolgsserie von 19 Produktionen. Noch heute dienen diese Dokumentationen als begehrte Lehrbücher für perfekte Interpretation.

Ob es die reine Liebe zu aller Art von Musik war, die begnadete Sängerin dazu bewegt hat, sich zuweilen in jazzfremde Gebiete zu begeben oder ob das ein kommerzieller Versuch ihrer nicht immer nur kulturell orientierter Manager war, bleibt offen. Ihre Beatlesadaptationen oder verschiedene Ausflüge in die Welt der Country & Westernnostalgie hätte sie sich und ihren Fans ersparen können. Trotzdem zählen z.B. ihre wunderbaren Interpretationen von Ohrwürmern aus dem Bossa Nova und Sambarepertoire oder Gospelklassiker zu den beliebtesten Fassungen dieser Art.

Pech mit Ehemännern

Die legendäre Jazzsolistin, die noch die Zeit erlebte, als sie an verschiedenen Orten wegen ihrer Hautfarbe nicht auftreten durfte, entwickelte sich im Lauf der Jahre mit selbstbewusstem Auftreten und charmanten Interviews zu einer Kämpferin für Frauenbewegungen, ohne sich politischer Texte oder lauter Parolen zu bedienen.

Erst in den späten 1960er Jahren nahm Ella politische Songs, hauptsächlich aus dem Popbereich, in ihr Repertoire auf. Sie sang zum Amtsantritt von John F. Kennedy und unterstützte später den Wahlkampf seines Bruders Robert Kennedy. Anlässlich der Ermordung von Martin Luther King, den die sehr verehrte, komponierte Ella Fitzgerald den Song „It’s Up To Him“.

Auch privat waren keine divenhaften Auftritte in der Presse zu verzeichnen, außer dass sie kein Glück in puncto Männerbeziehungen hatte. Ella Fitzgerald war dreimal verheiratet. Am dauerhaftesten war ihre Ehe mit dem Jazzbassisten Ray Brown, mit dem sie immerhin 4 Jahre verheiratet war. Sie adoptierten den Sohn von Ellas Halbschwester, Ray Brow junior, der noch heute als Crooner unterwegs ist.

Auch in Luxemburg war Ella Fitzgerald mit zwei Konzerten ein gern gesehener Gast, 1969 beim Wiltzer und 1980 beim Echternacher Festival.