LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Die Zahl der zugelassenen Tageseltern ist seit drei Jahren rückläufig - Ursachen gibt es dafür aus Sicht von zwei Engagierten viele

Ihrem Engagement für die Belange von Tageseltern hat es keinen Abbruch getan, dass Stella Falkenberg inzwischen selbst nicht mehr aktiv ist - und stattdessen wieder studiert. Während viereinhalb Jahren betreute sie neben den eigenen noch die Kinder anderer Eltern. Für alle Beteiligten eigentlich eine ideale Situation: Die Tagesmutter oder -vater kann die insbesondere in den ersten Jahren so wichtige Bindung zum Kind aufbauen und gleichzeitig berufstätig bleiben. Parallel dazu kommen andere Kinder in den Genuss einer Betreuung in einem familiären Umfeld.

Eigentlich. Denn geht es nach Stella Falkenberg und Guy Hengel, sind die Bedingungen für Tageseltern heute in vielerlei Hinsicht alles andere als ideal. Es gebe viele Gründe, warum immer mehr „assistants parentaux“ ihren Job an den Nagel hängen.

„Sie verdienen einfach nichts mehr“

Tatsächlich sinkt die Zahl der zugelassenen Tageseltern. Nachdem sich die Zahl der „agréments“ zwischen 2009 und 2014 zunächst von 368 auf knapp 700 fast verdoppelte, ist seit drei Jahren ein Rückgang festzustellen. Stand Ende August 2019 waren noch 552 Tageseltern zugelassen - ein Rückgang um rund 20 Prozent. Diese Entwicklung ist für Ressortminister Claude Meisch (DP) auf unterschiedliche Gründe zurückzuführen. In seiner Antwort vom 7. Oktober auf eine parlamentarische Anfrage nannte er indes nur einen: die Einführung zusätzlicher Anforderungen durch das Inkrafttreten des Qualitätsgesetzes, „um eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zu gewährleisten. Diese Anforderungen haben eine Reihe von Anbietern dazu bewogen, ihre Zulassung abzugeben“.

Stella Falkenberg und Guy Hengel streiten das nicht ab. Mit dem Gesetz von 2017 „mussten alle Tageseltern ein neues Dossier, ein ,projet d‘établissement‘ einreichen“, so Hengel. Das habe dazu geführt, dass zahlreiche „Karteileichen“ wegfielen oder verschiedene Tageseltern diesen Aufwand einfach nicht auf sich nehmen wollten. „Doch jetzt sind wir im Jahr 2019. Diejenigen, die jetzt wegfallen, hören definitiv auf“, betont er. Falkenberg und Hengel werfen dem Ministerium vor, den Elefanten im Raum entweder zu ignorieren oder schlichtweg zu übersehen. „Tageseltern verdienen einfach nichts mehr“, fasst es Stella Falkenberg zusammen.

Konstruktionsfehler

Um das zu erläutern, muss man etwas ausholen: Über das System der Kinderbetreuungsgutscheine subventioniert der Staat die Kosten, die Eltern für die Fremdbetreuung ihrer Kinder aufbringen müssen. Für Kinderkrippe, „Maison-relais“ und „Mini-crèche“ sind das einkommensabhängig bis zu sechs Euro die Stunde, für Tageseltern sind es (tagsüber) 3,75 Euro. Mit dieser unterschiedlichen Bezuschussung hat Falkenberg ein grundsätzliches Problem. Sie sieht einen Konstruktionsfehler im System. „Das Ministerium sagt: Die Zuzahlung wurde nach den Personal- und Betriebskosten einer Struktur berechnet. Was hat das bitteschön mit der Berechnung einer staatlichen Subvention für eine Fremdbetreuung zu tun?“, sagt sie. Kohärent sei dieses Modell allerdings auch nicht. In absoluten Zahlen habe eine Tagesmutter natürlich schon deutlich geringere Kosten, wirft Hengel ein. Relativ gesehen zur Anzahl der Kinder gehe diese Rechnung aber nicht mehr auf. Zudem würden Möbel, Spielzeug, Fahrzeuge in öffentlichen Strukturen mitsubventioniert - wenn nicht gar die Gemeinde das Gebäude stellt.

Vielmehr, so lautet ihre Vermutung, will das Ministerium den möglichen Verdienst von Tageseltern auf ein in seinen Augen erträgliches Maß zurechtstutzen. Eine Aussage des Bildungsministeriums scheint genau das zu bestätigen. Wie RTL Ende Oktober berichtete, prüfe das Ministerium derzeit, ob die vor zwei Jahren beschlossene Erhöhung der Subvention für die Betreuung bei Tageseltern um 25 Cent und die Einführung eines höheren Nachttarifs ausreiche, um einen „akzeptablen“ Lohn zu garantieren.

Nachvollziehen kann Stella Falkenberg diese Haltung jedenfalls nicht. Warum sollte eine selbstständige Tagesmutter, die gute Arbeit leistet, nicht auch gut verdienen, argumentiert sie. Fünf täglich über zwölf Stunden versorgte Kinder bei einem Tarif von 7 Euro die Stunde würden monatlich 8.400 Euro brutto ausmachen. Zumindest in der Theorie kann man als Tagesmutter also durchaus gut verdienen. Doch auch hier zeigt die Realität ein anderes Bild. „Als Tagesmutter habe ich einen Tarif von acht Euro die Stunde verlangt, doch die meisten Tageseltern liegen sehr weit unter diesem Preis“, erinnert sich Stella Falkenberg, die insbesondere im Süden des Landes von einer „besonders krassen Situation“ spricht. Dort würden Tageseltern Kinder für 3,75 Euro die Stunde betreuen. Heißt also, dass diese Eltern unterm Strich nichts für die Kinderbetreuung zahlen. Die Tageseltern müssen indes ihre Sozialversicherungsbeiträge als Selbstständige selbst zahlen - laut Falkenberg mindestens 500 Euro monatlich - plus die Mehrkosten für Transport, Essen oder Weiterbildungen. So würde eine Tagesmutter selbst bei 4.000 Euro brutto netto weniger als 2.200 herausbekommen- für eine Arbeitszeit von oft mehr als zehn Stunden am Tag, weil die Kinder ja selten alle gleichzeitig da sind.

Gratisstunden mit Langzeitfolgen

Verschärft wird die Lage durch einen anderen gewichtigen Faktor, der sich negativ auf die Attraktivität der Tageseltern auswirkt: die Einführung der 20 Gratisstunden im Rahmen des Programms für eine mehrsprachige Frühbildung. Tagesväter und -mütter können daran nicht teilnehmen. „Das Ministerium sagt, die Spracherziehung muss personenbezogen sein“, erklärt Guy Hengel. In der Wissenschaft sei das allerdings umstritten. Eine spielerische Heranführung an das Luxemburgische oder das Französische könne genauso gut situationsbedingt mit einer Person funktionieren. „Die Kinder stellen sich darauf ein, sie sind sehr flexibel“, argumentiert Falkenberg. „Die Einführung der 20 Gratisstunden wird langfristige Auswirkungen haben. Immer mehr Eltern werden sich sagen, dass sie in der Maison-Relais oder in der Krippe viel weniger bezahlen. Die Eltern sehen nur die Zahl unter dem Strich“, führt Hengel aus.

Subvention gleichstellen

Aus diesen Gründen, aber auch weil Tageseltern aufgrund vereinzelter Missbrauchsfälle, die dem Berufsimage keinen Dienst erwiesen haben, heute auf maximal zwölf Verträge begrenzt sind, „müssen sie zusehen, dass sie ihren Tag ,voll‘ kriegen. Kinder, die quasi nur einmal die Woche für drei Stunden kommen, können sie quasi nicht mehr nehmen. Tageseltern werden also quasi gezwungen, wie eine Maison-Relais oder Kinderkrippe zu arbeiten und im Voraus auf Ganztagesplätze zu kalkulieren, sonst reicht es finanziell nicht“.

Als Verlierer dieser von ihnen beschriebenen systemischen Schieflage sehen Stella Falkenberg und Guy Hengel vor allem Eltern, die Schichten oder Teilzeit arbeiten, aber auch Kinder, für die die Betreuung in einer großen Betreuungseinrichtung nicht förderlich ist. „Als Tagesmutter darf ich ein weinendes Kind in den Arm nehmen. In einer Kinderkrippe oder Maison-Relais geht das nicht. Das ist gerade bei den Kindern wichtig, die beispielsweise aggressiv sind, die noch nicht gelernt haben, mit ihren Gefühlen umzugehen, nervös sind. Ein solches Kind geht in einer Maison-Relais, wo 120 Kinder zusammenkommen und die Bezugspersonen immer wieder wechseln, kaputt“, ist sie überzeugt.

Ministerium will Verbesserungen prüfen

In der Antwort auf besagte parlamentarische Anfrage beteuert Bildungsminister Claude Meisch die Bedeutung der Tageseltern als „wichtiger Bestandteil des nationalen Betreuungssystems, im Sinne der Förderung vielfältiger Betreuungsangebote“ und stellt gleichzeitig die „Analyse möglicher Perspektiven“ im Kontext der Reform des Systems der Kinderbetreuungsgutscheine in Aussicht.

Stella Falkenberg und Guy Hengel lesen diese Aussagen mit großer Skepsis. „So lange, wie wir keine konkrete Informationen haben, in welche Richtung es gehen soll, können wir das nicht groß kommentieren. Außer, dass unsere Forderung immer noch die gleiche ist: Im Sinne der Eltern und Kinder in erster Linie, und dann natürlich auch im Sinne der Tageseltern: Die Subvention soll gleichgestellt werden.“ Dann, davon sind sie überzeugt, hätten wirklich alle Eltern die freie Wahl.