FRANCIS SPAUTZ

Die Männerberatungsstelle infoMann besteht seit knapp fünf Jahren. Sie wurde seinerzeit auf Betreiben des Ministeriums für Chancengleichheit eingerichtet, Der Beratungsdienst steht jugendlichen und erwachsenen Männern in allen Lebenslagen zur Verfügung, die das Bedürfnis nach Informationen, Orientierung oder Unterstützung verspüren. Francis Spautz, Leiter der Beratungsstelle, erklärt nach fünfjähriger Erfahrung, wo noch Nachholbedarf besteht.

„Vom Standpunkt der über 200 Männer, die sich pro Jahr an infoMann wenden, gibt es sicher Teilerfolge zu vermelden bezüglich der individuellen Entwicklungen. Und dass es überhaupt, und zwar weit über unsere Landesgrenzen hinaus, die einzige Männerberatungsstelle ist, darf man feiern. Bezüglich der Emanzipation von Männern generell lässt vieles noch zu wünschen übrig. Überhaupt scheint das Thema männlicher Selbstreflektion und -bestimmung noch nicht im kollektiven Bewusstsein angekommen zu sein.

Männer wenden sich an infoMann mit Anliegen, die Familie und Paarbeziehungen betreffen. Natürlich kommen auch Wohnungsnot, Unsicherheit am Arbeitsplatz, soziale Einsamkeit und Fragen zur Sexualität regelmäßig zur Sprache. Sie können sich der psychologischen und sozialarbeiterischen Kompetenz des infoMann-Teams gewiss sein. Unsere Mannschaft achtet allerdings gleichzeitig auch immer auf die spezifische Art, wie der jeweilige Mann sein Mannsein lebt, also wie emanzipiert frei oder gezwungen unfrei sich der Einzelne im Verhältnis zu überlieferten patriarchalen Rollenmustern verhält. Denn das ist ein Kernanliegen von infoMann: die Rollenvorstellungen auflockern, das Selbstbewusstsein stärken, die Selbstwirksamkeit fördern. Bei 200 Männern pro Jahr bleibt dennoch die emanzipatorische Wirkung von infoMann relativ überschaubar.

Die anstehenden großen Themen unserer Zeit - Verschleuderung der Ressourcen, die Gräben zwischen Arm und Reich, die geopolitischen Machtspiele sowie die aufkommenden Nationalismen und Populismen und nicht zuletzt die vermeintliche Bildungsmisere - verunsichern uns alle und könnten doch auch zu mehr Eigeninitiative führen, zur kreativen Verbesserung der Verhältnisse, angefangen im eigenen Lebensumfeld.

Jeder einzelne von uns - insbesondere aber Männer, die ja sowieso in der Politik zahlenmäßig überrepräsentiert sind - könnte sich ein Stück weit lösen von Fragen der Machbarkeit und Finanzierbarkeit hin zu Fragen der Wertigkeit, Zufriedenheit und sozialen Zuträglichkeit. Solidarität und Gemeinschaftsdenken statt Rivalität und Habsucht.

Etwas mehr verspricht die Arbeit mit Jungen und männlichen Heranwachsenden. Stereotypen Verhaltensmustern, sogenannte richtigen männlichen Haltungen, welche die individuelle Wahl- und Ausdrucksfreiheit einschränken, vorzubeugen und Alternativen aufzuzeigen, sind die erklärten Ziele unserer Programme ,Ech kämpfe fair‘ sowie ,Let’s talk about sex‘. In alters- und geschlechtshomogenen Gruppen geht es darum, die jungen Menschen zu unterstützen, sich den Druck stereotyper Sozialisationsmuster bewusst zu machen, sich darüber auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen, jeder in seiner eigenen Art, seine Identität zu entwickeln, jenseits einengender binärer Vorstellungen.

Dass das Thema männlicher Emanzipation im kollektiven Bewusstsein ankäme und das Thema weniger belächelt würde, würde der gesellschaftlichen Stimmung sicher gut tun, nicht zuletzt durch Versöhnen statt Spalten.“