LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Mitten in der Corona-Krise hat Claude Mangen die Präsidentschaft der „Theater Federatioun“ übernommen

Bereits bei der letztjährigen Generalversammlung der „Theater Federatioun“ war festgehalten worden, dass das neue Duo an der Spitze – Präsident Nicolas Steil und Vizepräsident Claude Mangen – nach einem Jahr die Rollen tauschen würde. Damals ahnte noch niemand, unter welch außergewöhnlichen Umständen dieser Wechsel am 22. April 2020 erfolgen würde. Mitten in der Corona-Krise, in Zeiten geschlossener Kultureinrichtungen, des Notstands und der Ausgangssperre übernahm Claude Mangen das Ruder. Für den Direktor des „Mierscher Kulturhaus“ bedeutete – und bedeutet - dies eine Herausforderung, die er so natürlich nicht erwartet hatte. Wir haben uns mit ihm über die erlebte Situation und die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf den Kultursektor unterhalten.  

Lëtzebuerger Journal

Herr Mangen, wie war es, gerade auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie die Präsidentschaft der „Theater Federatioun“ zu übernehmen?

Claude Mangen Natürlich anders als angenommen, weil die Problematik plötzlich eine ganz andere war. Andererseits boten die Umstände in gewisser Weise auch die Chance, direkt konkret werden zu können, also gleich anzupacken. Außerdem bin ich der Meinung, dass die ganze Krise uns als Sektor letzten Endes zusammengeschweißt hat.

Wie hat die „Theater Federatioun“ während des Lockdown funktioniert?

Mangen Es wurde viel kommuniziert. Der Vorstand hat sich einmal pro Woche via Zoom getroffen, regelmäßige digitale Versammlungen mit allen Mitgliedern gab es auch. Ich für meinen Teil hatte das Gefühl, durch die Krise mehr Zeit für die „Theater Federatioun“ zu haben, da ich als Leiter des „Mierscher Kulturhaus“ weniger Arbeit hatte, wenngleich natürlich unfreiwillig. Das Gleiche gilt für die Kollegen aus den anderen Häusern, die ja alle geschlossen waren. Jeder stand für Treffen auf Zoom und einen regelmäßigen Austausch zur Verfügung, sodass wir uns voll auf diese Tätigkeit konzentrieren und die vielen offenen Fragen diskutieren konnten. Natürlich haben wir unsere eigenen Häuser nicht vernachlässigt.

Um welche Fragen ging es vordergründig?

Mangen Wir mussten verschiedene Etappen durchlaufen. Priorität hatte erst einmal die Bestandsaufnahme in den Häusern und in den Künstlertruppen von allem, was abgesagt werden musste. Das war nicht leicht, da es anfangs hieß, die Kultureinrichtungen würden bis zum 31. März geschlossen bleiben, dann wurde der Ausnahmezustand bis zum 24. Juni verlängert, und schließlich wurde mitgeteilt, dass bis zum 31. Juli kein Publikum empfangen werden dürfe. Jedes Mal haben alle Mitglieder des Dachverbands versucht, sich an dem jeweiligen Stichdatum zu orientieren, demnach zu entscheiden, ob geplante Events abgesagt oder verlegt werden. Das wurde ganz unterschiedlich gehandhabt, abhängig von den Budgets, Strukturen und Programmen der einzelnen Mitglieder. Die eigenen Produktionen und Koproduktionen wurden prioritär behandelt. Das Gros konnte dann auch auf ein späteres Datum verschoben werden. Was nun die Künstler anbelangt - die ASPRO („Association luxembourgeoise des professionnel-le-s du spectacle vivant“) ist ja auch Mitglied der „Theater Federatioun“ -, so hat das Kulturministerium ganz schnell Maßnahmen auf den Weg gebracht, um sie zu unterstützen.

Wie war denn die allgemeine Stimmung?

Mangen Das schwankte. Wir wussten lange nicht richtig, wie die Perspektiven aussehen. Jeder hat während dieser Zeit wohl die gleiche emotionale Entwicklung durchgemacht. Es war eine Achterbahnfahrt. Am Anfang überwog eine Art Schockstarre. Irgendwann mussten wir wohl oder übel zu dem Schluss kommen, dass die Saison 2019/20 gelaufen ist und sie hinter uns zu lassen. Obwohl zwischendurch immer mal wieder ein Down kam, so war es jedenfalls bei mir, galt es, das Beste daraus zu machen. Mittlerweile schauen wir alle nach vorne, auch wenn es sich immer noch ein bisschen anfühlt, als würde man mit angezogener Handbremse fahren. Kollateralschäden in diesem Ausmaß hat niemand erwartet, und ich beziehe mich da natürlich nicht nur auf den Kultursektor.   

Die schnelle Reaktion des Kulturministeriums, was die Hilfsmaßnahmen anbelangt, haben Sie bereits erwähnt. Wie lief die Zusammenarbeit ansonsten?

Mangen Der Austausch mit dem Kulturministerium war die ganze Zeit über sehr gut, das muss ich klar sagen. Als feststand, dass die Spielzeit vorzeitig beendet werden müsste, haben wir in einem nächsten Schritt eine Arbeitsgruppe für das „Déconfinement culturel“ zusammengestellt. Das war ein großes Feld. In diese Arbeitsgruppe waren neben unseren Mitgliedern auch zwei Vertreter des Ministeriums eingebunden. Das war uns wichtig, wir wollten das nicht losgelöst tun. Gemeinsam haben wir ein Papier ausgearbeitet, das sich an dem inspirierte, was sich im Ausland so tat, wie die Situation dort im Kulturbereich gehandhabt wurde. Da in Luxemburg viele Künstler aus dem Grenzgebiet arbeiten, waren unsere Hauptinspirationsquellen Belgien und die Schweiz, weil sie uns als kleine Länder am nächsten kamen. In dem Moment waren die Grenzen noch geschlossen. Unzählige Fragen haben wir uns gestellt. Dieses Papier haben wir dann im Ministerium eingereicht. Das war noch vor der Pressekonferenz zur Vorstellung des „Plan de relance“, wo ja dann ein Maßnahmenpaket in Höhe von fünf Millionen Euro angekündigt wurde.

Bei dieser Pressekonferenz wurde auch mitgeteilt, dass die Häuser zwei Tage später, also ab dem 29. Mai wieder für das Publikum öffnen dürften. Theoretisch war das ja eine gute Nachricht...

Mangen Das schon, aber nicht realistisch. Das haben wir auch in einem Pressekommuniqué mitgeteilt. Die ganze Zeit über konnten wir nicht proben, alle Veranstaltungen waren abgesagt worden. Natürlich wollten wir nicht, dass es so klingt, als würden wir nichts machen wollen, obwohl wir die Erlaubnis erneut hatten. Aus dem Ministerium kam jedenfalls der Wunsch, dass bald wieder etwas passieren würde. So einfach ist das aber nicht. Auch wenn die meisten Theater- und Kulturhäuser jetzt nicht gleich wieder ein Programm bieten, heißt das nicht, dass gar nichts passiert. Im „Mierscher Kulturhaus“ hat die Militärmusik beispielsweise ein Konzert aufgenommen. Außerdem stellen wir unseren Saal Ensembles zum Proben zur Verfügung. Ähnlich ist es in anderen Häusern. Es tut sich also etwas, aber wir konnten nicht von heute auf morgen wieder öffnen, und waren uns einig, dass wir geschlossen bleiben, an unseren Spielzeiten arbeiten und erst im Herbst wieder richtig starten.

Wobei noch längst nicht sicher ist, dass dann wieder alles normal läuft…

Mangen Genau das ist das Problem. Eine große Unbekannte ist das Publikum. Können wir wieder mehr Zuschauer empfangen oder müssen wir uns an die Abstandsregel halten? Da gehen die Meinungen weit auseinander. Zum jetzigen Zeitpunkt gilt die Regel, entweder zwei Meter Abstand in 360 Grad zwischen den Leuten zu lassen oder das Tragen der Maske während der Veranstaltung vorzuschreiben. Halten wir uns an die Abstandsregel, ist die Situation ziemlich dramatisch, das würde nämlich für jeden einen Verlust von 85 Prozent Kapazität der Säle bedeuten. Ob das Tragen der Maske eine echte Option ist, ist jedoch fraglich, denn will das Publikum wirklich die ganze Zeit mit Maske da sitzen? Wir sind momentan noch etwas ratlos und hängen auch ein bisschen in der Warteschleife. Wir arbeiten weiter an unseren Programmen, doch viele Fragen bleiben offen.

Wie Sie eingangs erwähnt haben, können Sie der Krise durchaus Positives abgewinnen?

Mangen In gewisser Weise ja, denn es war für mich wirklich toll zu sehen, dass die Mitglieder enorm mitgearbeitet haben. Von den großen bis zu den kleinen Häusern, von den Künstlerkompanien bis zur ASPRO hat wirklich jeder mitgedacht. Ich hoffe, dass wir diese gute Energie erhalten können. Es wäre wichtig, diese Zusammenarbeit fortzuführen und die Solidarität aufrechtzuerhalten. Eine Unterredung im Ministerium steht jetzt auch im Juli an. Da geht es dann um das „Debriefing“ dieses Austauschs und der Zusammenarbeit sowie um die Festlegung der künftigen Prioritäten. Innerhalb der „Theater Federatioun“ ist es auch zu einem Umdenken gekommen. Wir denken beispielsweise darüber nach, eine Gruppe auf die Beine zu stellen, die sich mit der Frage befasst, wie wir nachhaltiger und effektiver programmieren und produzieren können. Ich werde mich auf jeden Fall für eine bessere Koordination und mehr Kollaboration einsetzen. Eine gute Initiative gibt es bereits vom Großen Theater und dem Mamer Kinneksbond, die den kleinen Theatern ihre Bühnen zur Verfügung stellen. Das ist der richtige Weg. Die letzten Monate waren spannend, wenngleich  im Endeffekt natürlich fruchtbar, wenn man über die ganzen Auswirkungen nachdenkt. Als „Theater Federatioun“ sind wir aber gestärkt aus der ganzen Geschichte hervorgegangen. Die Mission hat sich vertieft. Und die Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten, war auf einmal relevanter.

Lässt sich bereits sagen, wie stark verschiedene Mitglieder gelitten haben?

Mangen Wie die finanziellen Auswirkungen aussehen, lässt sich im Moment noch nicht sagen. Die bereits geleisteten Arbeiten an verschiedenen Projekten, die abgesagt werden mussten, wurden zu einem gewissen Teil bezahlt. Drei Monate gab es kein zahlendes Publikum. Als Gewinner werden wir definitiv nicht aus dieser Krise hervorgehen, was das aber im Endeffekt für jedes Haus heißt, wissen wir noch nicht. Die großen Leidtragenden sind ganz klar die Künstler. Die Programmgestalter, Organisatoren und Häuser können die Ausfälle wohl einigermaßen auffangen, aber wenn das Engagement eines Künstlers von April auf November verlegt wird, heißt das ja auch, dass er in dieser Zeit nicht bereits in einer nächsten Produktion mitwirken kann. Da entsteht also ein gewisser Stau.

Reichen die finanziellen Unterstützungen denn, die das Ministerium auf den Weg gebracht hat?

Mangen Sicherlich reicht das nicht, es ist aber eine Hilfe, und sie wurde bis August verlängert. Wie die Situation momentan für die Künstler aussieht, weiß die ASPRO wahrscheinlich besser. Das Ministerium hat wirklich schnell reagiert, das möchte ich noch einmal hervorheben.

Öffentlich thematisiert wurde die Kultur in der politischen Debatte aber kaum, oder zumindest erst relativ spät…

Mangen Das habe ich zwischendurch auch bemängelt, hatte aber mittlerweile einen Austausch mit der Kulturministerin. Wir hätten uns einfach gewünscht, dass die Kultur früher in einer gesonderten Pressekonferenz thematisiert worden wäre, das wäre auch als moralische Unterstützung aufgefasst worden, denn gut und viel gearbeitet hat Sam Tanson ja wirklich in der ganzen Zeit.

Aus dem Kultursektor selbst hat man nun aber auch nicht wirklich viel gehört. Warum gehen die Künstler und Kulturschaffenden nie auf die Barrikaden? Probleme und finanzielle Engpässe gibt es ja nicht erst seit der Krise.

Mangen Das ist genau der Punkt, der mir als Präsident der „Theater Federatioun“ auch am Herzen liegt. Wir müssen lauter werden. Wir müssen uns häufiger zu Wort melden und eine Lobbyarbeit machen, auch beim breiten Publikum. Diesbezüglich sind Aktionen geplant. So wollen wir etwa „Theater Assisen“ organisieren. Außerdem denken wir über die Verleihung eines Preises nach. Das Theater ist der einzige Sektor, der keine offizielle Auszeichnung hat. Es gibt Literaturpreise, einen Filmpreis und mehrere Kunstpreise, aber keinen Theaterpreis. Diese Sachen will ich zu meinen Prioritäten machen, um der Branche letztlich Gehör zu verschaffen, nicht nur um zu politisieren. Man kann nicht immer nur nörgeln, wir müssen uns auch in positiven Botschaften zu Wort melden.

Obwohl alle Bühnen geschlossen waren, war die Kultur doch im Netz sehr präsent. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Mangen Es waren gute und auch wichtige Aktionen, die mehr oder weniger gelungen waren, die aber niemals das Live-Spektakel oder den Live-Kontakt ersetzen können. Das Internet sehe ich als gute zusätzliche Plattform, die sich zweifelsohne in Corona-Zeiten bewährt hat. Ob durch diese Initiativen jetzt mehr Leute auf den Geschmack gekommen sind und wir als Häuser letztlich davon profitieren, weiß ich nicht, das muss man abwarten. Ohnehin müssen wir abwarten, wie das Publikum reagiert und ob es unter diesen Bedingungen überhaupt zurückkehrt.