LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Neukonzeptualisierung vom Zuhause in Zeiten der Pandemie

Auch wenn der Lockdown vorbei ist: Die meiste Zeit verbringen wir derzeit zuhause. Prinzipiell ist das ein Ort, an dem wir uns gerne aufhalten, den wir mit positiven Eigenschaften assoziieren, doch die aktuelle Situation verändert seinen Status und damit unsere Sicht darauf.

Geborgenheit und Vertrautheit

Die offensichtlichste positive Eigenschaft des Zuhauses ist seine Stellung als Zufluchtsort, der in wie auch außerhalb der sanitären Krise Schutz und Sicherheit bietet. Es ist uns vertraut, sodass wir genau wissen, wie wir beim Treppensteigen einen Fuß vor den anderen setzen müssen, und wir uns selbst blind in den einzelnen Räumen orientieren können. Wir nennen es wie auch die Dinge in ihm unser Eigen und es dient uns als Goldgrube unserer Erinnerungen. Eine proustsche „mémoire involontaire“ kann sich wohl nur hier ereignen.

Vor allem aber legen wir zuhause alle Fassaden ab, stehen zu unserer Unordnung, offenbaren unsere abgeschminkten Gesichter, nackten Körper oder hässlichsten Pyjamas und identifizieren uns mit dem, was uns umgibt, obgleich andere es als Krimskrams bezeichnen würden. Im Grunde sind wir also nirgendwo so sehr wir Mensch und sosehr wir selbst als in den eigenen vier Wänden.

Ein Gegenort mit Abschließmechanismen

Trotz alledem erhält der heimeligste aller Orte in Zeiten der Pandemie unheimliche Züge. Er wird zu dem, was Foucault als „Heterotopie“ bezeichnet. Dadurch, dass er uns nun auch als Arbeitsplatz oder Fitnessstudio dient, stellt er „mehrere Orte, die eigentlich nicht miteinander verträglich sind, an einem einzigen Ort nebeneinander“ und wird in gewisser Weise zu einem „Gegenort“, einem Ort „außerhalb aller Orte“(1) .

Zudem haben Heterotopien die Eigenschaft, ein besonderes „System der Öffnung und Abschließung“ zu haben. Im Falle des Lockdowns oder der Quarantäne ist der Bewohner gleich im doppelten Sinn eingeschlossen: Er darf sich weder selbst nach draußen bewegen, noch darf er Besuch von außen empfangen. Die Grenzen, die Dialektik zwischen dem „Innen“ und dem „Außen“ werden somit stark spürbar, wobei „drinnen“ nicht nur alles meint, was sich innerhalb der eigenen vier Wände befindet, sondern auch ein verstärkter Hang zur Introspektion bedeuten kann – mitsamt deren Vor- und Nachteilen.

Fenster zur Öffentlichkeit; Arbeits- und Freizeitbereich

Mit dem Zugang zur Außenwelt geht uns auch der zum öffentlichen Leben verloren. Und das ist das zweite dialektische Verhältnis, das deutlich wird: die Spannung zwischen Privatem und Öffentlichen. Man könnte annehmen, dass die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem im neukonstruierten und -erlebten Zuhause verschwimmen. Adäquater wäre aber, zu behaupten, dass das öffentliche Leben an sich verschwindet, weil es per definitionem außerhalb des Zuhauses stattfindet und weil es davon lebt, dass Menschen zusammenkommen.

Das einzige Fenster zur Öffentlichkeit, das übrigbleibt, ist das Internet, das bedeutet aber, dass die Öffentlichkeit an einen Ort verlegt wird, der virtuell und nicht real ist. Und so verlieren die Öffentlichkeit, unser Zugang dazu und überhaupt wir selbst immer weiter an Bezug zur „Wirklichkeit, die durch das Gesehen- und Gehörtwerden entsteht“, um es mit den Worten Hannah Arendts auszudrücken. Es fehlt uns an einer „‚objektiven‘, das heißt gegenständlichen Beziehung zu anderen“ und an der „Möglichkeit, etwas zu leisten, das beständiger ist als [unser] Leben“ (2) und das eine äußere Wirkung hat, jenseits unserer Mauern.

Die letzte dialektische Spannung schließlich ist die zwischen Arbeit und Freizeit. Normalerweise tendieren wir dazu, diese beiden Bereiche räumlich zu verankern und zu trennen. Wird das Zuhause, das eigentlich der Platz für Freizeitaktivitäten ist, zum Home-Office-Büro, bleibt nur eine zeitliche Trennung; räumlich gehen beide nun nahtlos ineinander über. Dadurch fällt es uns schwerer, auch gedanklich hin- und herzuwechseln. Zudem führt es zu einem verstärkten Eindruck von Routine und einem immer gleichen Tagesablauf, was auf Dauer wiederum unser Zeitgefühl verändert. Uns ist, als wäre die Zeit beschleunigt, als würde sie uns davonfliegen, ohne, dass wir sie ausgenutzt hätten.

Struktur- und Sinngebung

Letztlich wird das Zuhause zwar immer wichtiger und es gewinnt immer mehr Funktionen dazu, gleichzeitig aber kommt ihm und uns, die es bewohnen, etwas abhanden. Der Ortswechsel, die räumliche Situierung und Abtrennung von Bereichen wie Privatsphäre, Öffentlichkeit, Arbeit und Freizeit ist und bleibt ein wichtiger Faktor, der uns hilft, unserem Alltag Struktur und Abwechslung zu verleihen, und uns das Gefühl gibt, dass unser Leben ausgefüllt ist. Die Teilnahme am öffentlichen Leben ist sinnstiftend und verleiht persönlichen Bestrebungen eine objektive Note, weil sie nur so im Allgemeinwohl verankert werden können.

Wenn wir also beklagen, dass uns daheim die Decke auf den Kopf fällt, dann steckt dahinter mehr als bloß Langeweile. Dann ist das Problem nicht unser Kopf, der zu voll ist, sondern die heimatliche Decke, die nicht alles tragen kann, was sie derzeit stützen muss.

(1) Foucault, Michel: Von anderen Räumen (1967). In: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, hrsg. v. Jörg Dünne und Stephan Günzel, Frankfurt a. M. 92018, S. 320 u. 324.

(2) Arendt, Hannah: Der Raum des Öffentlichen und der Bereich des Privaten (1960). In: ebd., S. 424.