MEXIKO-STADT
MARK STEVENSON (AP)

Was die Neuverhandlung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta für Mexiko bedeutet

Niedrige Löhne, lasche Regulierung und die Nähe zu den USA - diese Kombination hat die mexikanische Wirtschaft zuletzt deutlich angekurbelt. Den Rahmen dafür bildete das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta. Viele US-Unternehmen verlagerten Fabriken in das südliche Nachbarland. Das dadurch entstandene Handelsdefizit Washingtons ist Präsident Donald Trump nun aber ein Dorn im Auge. „Mexiko hat sich lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht und sich in einer Komfort-Zone eingerichtet. Jetzt müssen wir diese verlassen“, sagt der mexikanische Wirtschaftsminister Ildefonso Guajardo. „Der Wecker hat geklingelt, um uns aufzuwecken.“ Ob Autos, Fernseher und andere Produkte auch weiterhin im selben Maße exportiert werden können, ist tatsächlich fraglich. Genauso fraglich ist aber, ob Trump eine Änderung des Nafta-Vertrags von 1994 ganz und gar in seinem Sinne durchsetzen kann.

Niedrigere Fabriklöhne als in China

In manchen Bereichen wären schärfere Regeln wohl auch im Sinne von Mexiko. Während die Löhne für Fabrikarbeiter in China bis 2016 bereits auf umgerechnet etwa 3,10 Euro pro Stunde gestiegen sind, lagen sie in Mexiko zuletzt nur noch bei etwa 1,80 Euro. Damit können sich viele Mexikaner, die Autos produzieren, ebendiese selbst gar nicht leisten - das Land exportiert etwa dreimal so viele Fahrzeuge, wie im eigenen Markt verkauft werden.

„Das ist ein sehr ernsthaftes Problem“, sagt der Arbeitsmarkt-Experte Alex Covarrubias vom mexikanischen Sonora College. Dass die Löhne so niedrig seien, habe auch damit zu tun, dass viele der Arbeitsverträge im Land gegen geltendes Recht verstießen. Und viele der betroffenen Arbeiter seien sich darüber nicht einmal im Klaren.

Eines der Ziele Washingtons ist es, Arbeitsmarkt- und Umweltregeln, die bisher nur Teil von schwer durchsetzbaren Seitenabsprachen sind, in den Haupttext des Nafta-Vertrags zu integrieren.

Damit müsste die mexikanische Regierung unter anderem ein Recht auf Tarifverhandlungen anerkennen. Experten zufolge könnte dies die Löhne steigen lassen und damit auch die Verlagerung von Jobs aus den USA weniger attraktiv machen. Guajardo zeigt sich durchaus offen, diesen Punkt in den Gesprächen ab dem 16. August auf die Tagesordnung zu setzen. „Es wäre aus meiner Sicht ein Fortschritt, wenn garantiert werden könnte, dass alle Seiten von dem Abkommen profitieren“, sagt er. Die Fokussierung Washingtons auf den Abbau des eigenen Handelsdefizits - nach Angaben der Trump-Regierung ist beim bilateralen Warenaustausch seit 1994 aus einem Überschuss von 1,3 Milliarden Dollar (1,1 Milliarden Euro) ein Defizit von 64 Milliarden Dollar (55,5 Milliarden Euro) geworden - stößt in Mexiko dagegen auf Unverständnis.

Das Land wird die Gespräche vielmehr nutzen wollen, um bessere Bedingungen für Gastarbeiter zu schaffen. US-Landwirtschaftsminister Sonny Perdue ließ jedoch schon verkünden, dass dieses Thema nicht Teil der Agenda sein werde. Grundsätzlich sieht es danach aus, dass die mexikanische Regierung so wenig wie möglich ändern möchte - eine Position, die unter manchen einheimischen Experten für Ernüchterung sorgt. Aus mexikanischer Sicht gibt es allerdings eine klare Deadline: Das Thema sollte vom Tisch sein, wenn 2018 die heiße Phase des Wahlkampfs beginnt. Denn für die aktuelle Regierung könnte jedes Zugeständnis gegenüber den USA dann zum Problem werden. Wenn sich Trump durchsetzen sollte, würde dies wohl vor allem dem linken Präsidentschaftskandidaten Andrés Manuel López Obrador in die Hände spielen. Arturo Sarukhan, der einst als mexikanischer Botschafter in Washington war, sieht inhaltlich große Chancen in der Neuverhandlung. Das aktuelle Nafta-Abkommen sei vor dem jüngsten IT-Boom, vor der Öffnung des mexikanischen Öl-Sektors und vor den Forderungen Trumps nach einer Mauer an der Grenze zwischen den beiden Staaten unterzeichnet worden. Die bevorstehenden Gespräche könnten Nafta modernisieren.