LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Trump will bis Weihnachten raus aus Afghanistan. Der Schlachtruf lautet nicht mehr „America first“, sondern „Nach mir die Sintflut!“ Trump, der Afghanistan mit ziemlicher Sicherheit auf keiner Landkarte findet, hat entschieden, dass er die „Boys“ jetzt heimholen will. Jetzt! Es ist Wahlkampf und da braucht es Entscheidungen. Egal was, Hauptsache entschieden! Wenn es sein muss auf den letzten Drücker. Hat er nicht schon vor vier Jahren angekündigt, alle „Boys“ (und die „Girls“?) nach Hause zu holen. Grundsätzlich haben die USA die Angewohnheit im falschen Augenblick abzuziehen und die Verbündeten ihrem Schicksal zu überlassen, zuletzt die Kurden in Syrien.

In Afghanistan konnte Trump nicht behaupten, dass die anderen NATO-Partner nicht dabei waren, das ganze Nordatlantische Bündnis steht oder stand jahrelang am Hindukusch. Selbst Island schickte zwei Mann nach Kabul, die großherzogliche Armee neun oder zehn Soldaten, die immer wieder ausgetauscht wurden.

Vor ziemlich genau zehn Jahren hatte ich die Gelegenheit mit dem damaligen Verteidigungsminister Halsdorf und einer Delegation aus Generalstab und Abgeordneten nach Kabul zu reisen. Neben dem Flug mit der unverwüstlichen Transall über den Hindukusch und schrägen Erlebnissen mit der tadschikischen Polizei, bleiben zwei Dinge in Erinnerung. Die Diskrepanz zwischen dem lauten, staubgrauen Kabul und der unwirklichen Ruhe im NATO-Hauptquartier mit alkoholfreiem Biergarten und der unverbrüchliche Optimismus des Oberkommandieren General Petraeus. Ein kleiner, kluger aber gleichzeitig eisenharter Mann, der sich sicher war, durch Einbindung und Ausbildung der regulären afghanischen Armee die Taliban stoppen zu können. Damals tobte der zweite Afghanistan-Krieg, der auf den 11. September folgte, schon neun Jahre. Davor herrschte aber bestenfalls für ein paar Monate „Frieden“ unter der mittelalterlichen Knute der Taliban, die im Namen Gottes mordeten und folterten. Jetzt, zehn Jahre später, reden die halbwegs legitimierte afghanische Regierung und die Taliban wenigstens miteinander. Immerhin. Aber 2020 addiert sich die Kriegszeit im Land am Hindukusch auf 41 Jahre – gerechnet vom Einmarsch der Sowjets 1979.

Sollten die USA wirklich sang- und klanglos abziehen, dann halten die Afghanen einen Weltrekord: Den im Supermächte verprügeln. Sie haben im Lauf von 150 Jahren drei Weltmächte aus dem Land getrieben: Das britische Empire, das den ganzen indischen Subkontinent unterwerfen konnte, aber jenseits des Khyber-Pass immer wieder blutige Prügel bezog, die Sowjets, deren brüderliche Hilfe in den 1980ern in einem blutigen Fiasko endete und nun die USA, die mit ihrem strategischen Latein am Ende sind.

Sollte der Westen sein Engagement in Afghanistan ganz aufgeben, gibt es wieder den Status quo ante: Den immer währenden Stammeskrieg. Zynisch, also ehrlich, betrachtet, wäre der Kampf der NATO aber nicht umsonst gewesen. Für fast 20 Jahre waren islamistische Kämpfer und vor allem das Geld religiöser Spender in einem Krieg weit weg vom Westen gebunden. Wer die Taliban ausrüsten muss, kann keine Terrorgruppen in Europa finanzieren. Das habe ich erst kapiert, als ich im PX in Kabul Postkarten mit einem feuernden Panzer und folgender Aufschrift sah: „What in Afghanistan happens, stays in Afghanistan!“