SVEN WOHL

Wer dieser Tage in den Zug steigt, um in Richtung Norden zu fahren, bereut diese Entscheidung schnell. Denn wie jedes Jahr um diese Zeit wird fleißig an den Schienen gearbeitet. Die viel verlangten Infrastrukturverbesserungen müssen ja schließlich auch umgesetzt werden. Also ist ab Ettelbrück Schluss, wer weiter in den Norden möchte, steigt auf einen Bus um. Wenn man denn möchte, denn in vielen Köpfen beginnt der Norden nicht etwa bei Ettelbrück. Er hört dort auf.

Ursachen dafür gibt es fast so viele wie Symptome. Da wäre zum einem ein Mangel an urbanen Zentren zu nennen. Wenn die „Nordstad“ durch ambitionierte Fusionsgespräche Realität werden sollte, hat der Norden zwar seine urbane Entwicklungsachse. Doch diese ist dann am südlichen Zipfel des Nordens zu verorten, alles was danach kommt, wird weiterhin als Niemandsland begriffen.

Dass hier der Tourismus entwickelt und ausgebaut wird, ist da verständlich. Natur pur lässt sich „da oben“ hervorragend genießen. Auch wenn es dagegen stellenweise Aufstände gibt - siehe das Referendum von Weiswampach - so scheint hier eine Zukunftsperspektive - ja, Daseinsberechtigung - des Öslings zu finden sein.

Problematisch wird es aber spätestens dann, wenn man versucht, im Ösling zu leben. Alles ist ziemlich weit weg, das meiste nur mit dem Auto zu erreichen. Auch wenn Wiltz aktuell ein Revival erlebt, ist es eine Tatsache, dass der Norden des Landes alles andere als attraktiv für das arbeitende Volk wirkt. Das ist umso tragischer, da dort noch halbwegs ertragbare Wohnungspreise zu finden sind. Eigentlich müsste die jüngere Generation den Norden allein deshalb lieben. Jedoch ziehen diese Städte vor allem jene an, die sich keine teuren Wohnungen leisten können. Im 2017 erschienenen sozioökonomischen Index, welcher vom STATEC erstellt wurde, sind die höchsten Quoten der damaligen RMG-Empfänger unter anderen in den Städten des Nordens, also Wiltz, Ettelbrück und Vianden zu finden.

Während man hier eine Huhn und Ei-Diskussion rund um niedrige Wohnungspreise und sozioökonomischen Index führen könnte, muss man feststellen, dass zu wenig für den Norden getan wird. Dass die „Nordstrooss“ vor Ettelbrück ihr Ende findet ist wieder symbolträchtig. Dass ein Ausbau der N7 ständig gefordert wird, kommt nicht von ungefähr, genau so wenig wie das Verlangen nach einer Verbesserung der Eisenbahninfrastruktur.

Dies ist ebenfalls ein Hinweis darauf, dass das Wahlsystem Luxemburgs in dieser Hinsicht nicht funktioniert. Sollten die neun Nordabgeordneten nicht dafür Sorge tragen, dass mehr für den Norden jenseits Ettelbrücks und der „Nordstad“ getan wird? Die kleinen Städte und Gemeinden des Nordens mit disproportional vielen Arbeitslosen und Revis-Empfängern haben demokratisch weniger Gewicht, als wenn sie im Zentrum oder im Süden liegen würden. Den Wählern dort mit Eifer imponieren zu wollen ist also weniger wichtig, auch weil es dort weniger Sitze insgesamt zu holen gibt. Die Konsequenz: Ettelbrück ist in den Köpfen der Politiker die Endstation des Nordens. Und somit die Sollbruchstelle der Landesplanung.