LUXEMBURG
PASCAL STEINWACHS

Drei Fragen an den früheren Präsidenten des Mouvement Ecologique, Théid Faber

Théid Faber hat sich sein ganzes Leben lang für den Natur- und Umweltschutz eingesetzt, er war unter anderem Präsident bei „Jeunes et environnement“ und danach beim Mouvement Ecologique (bis 2003), der aus „Jeunes et environnement“ hervorgegangen ist.

Wenn Sie zurückblicken auf 50 Jahre Mouvement Ecologique, was hat sich im Laufe der Jahre geändert, was ist von den initialen Zielsetzungen geblieben?

Aus einer reinen Naturschutzbewegung in den 70er Jahren ist mit dem Kampf gegen die Atomenergie (Remerschen und Cattenom) eine gesellschaftspolitische Organisation entstanden. Umweltskandale, verursacht in erster Linie von Betrieben, führten zudem zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit umweltpolitischen Fragen. Mit Rio rückte dann die globale Entwicklung in den Vordergrund, die nachhaltige Entwicklung auf internationaler Ebene, die Klimaproblematik, der Welthandel…

In der Philosophie des Mouvement Ecologique hat sich jedoch in all diesen Jahren wenig geändert: Der MouvEco hat sich in seinen Statuten einer nachhaltigen Entwicklung im Einklang mit Natur und Umwelt, der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen sowie einer vernetzten Vorgehensweise verschrieben. Dies bedeutet konkret, dass wir Wege suchen, um Ökologie, Ökonomie und Soziales miteinander zu verbinden, dies allerdings im Respekt der natürlichen Ressourcen und der Belastungsgrenzen der Ökosysteme. Dazu braucht es eine lebendige Auseinandersetzung unterschiedlicher Meinungen und Überzeugungen und einer reellen Bürgerbeteiligung. Sei es in den Bereichen der Mobilität, der Landesplanung, der Stadt- und Dorfentwicklung, der Landwirtschaftspolitik, des Natur- und Umweltschutzes: Als Teil der Zivilgesellschaft wurde immer wieder versucht, nicht nur Entwicklungen kritisch zu hinterfragen, sondern auch konstruktive Alternativen vorzuschlagen.

Nachhaltige Entwicklung braucht einen Mentalitätswandel: Sollte dieser nicht beim Einzelnen, beim Verbraucher anfangen?

Der Einzelne hat ohne Zweifel eine große Verantwortung, zum Beispiel als Verbraucher: Er kann mit seinem Kaufverhalten entscheiden, welche Ansprüche er zum Beispiel aus ökologischer Sicht an Lebensmittel oder an Konsumartikel stellt. Er kann sich auch in seinem Mobilitätsverhalten für das Auto oder den öffentlichen Transport entscheiden. Doch, wir wissen alle aufgrund unseres persönlichen Verhaltens, dass wir, bei aller Überzeugung, vielfach nicht konsequent im Alltag handeln. Es gibt zig Gründe, zum Teil auch sehr legitime, weshalb wir zum Beispiel in bestimmten Situationen doch das Auto bevorzugen: Weil der Bus auch im Stau steht, oder die Frequenz nicht stimmt. Oder wenn wir uns aufgrund des alltäglichen Stresses doch ungesund mit industriell gefertigten Massenprodukten ernähren.

Deshalb hat der Mouvement in all diesen Jahren, neben vielen Sensibilisierungsaktionen, den Akzent verstärkt auf das Einfordern von strukturellen Reformen gelegt: Den Bio-Landbau sehr bewusst vom Staat unterstützen, dem öffentlichen Transport und der aktiven Mobilität auf Kosten des Individualverkehrs eine absolute Priorität einräumen, eine pro-aktive Beratung der Bürger in punkto Energiesparen und -effizienz… Die Bürger haben jedoch, neben ihrer Verantwortung als Verbraucher, auch eine Verantwortung, sich in die Gesellschaft einzubringen durch das Aufzeigen von neuen gesellschaftlichen Wegen: Solarkooperativen, Gemeinschaftsgärten, Tauschbörsen, Repair-Cafés, Initiativen für menschengerechte Gestaltung von Straßenräumen und öffentlichen Plätzen und anderes mehr. Die Bereitschaft ist dazu vorhanden, wie viele aktuelle Initiativen aufzeigen. „Bottom up“-Initiativen können letztlich die öffentliche Meinung stark beeinflussen und mit dazu beitragen, politische Entscheidungen zu prägen.

Vielfach geht von einem politischen Desinteresse der Bürger, auch von Jugendlichen, die Rede…

Falls dem so ist, was noch zu beweisen wäre, gibt es ohne Zweifel eine Reihe von Entwicklungen, die dazu beitragen. Vielfach werden unter anderem heutzutage Entscheidungen, die auch von nationaler Bedeutung sind, auf europäischer, ja internationaler Ebene getroffen, vielfach unter Einwirkungen mächtiger Finanz- und Industrielobbys. Sowohl soziale wie ökologische Standards beziehungsweise demokratische Spielregeln bleiben hier auf der Strecke. Dass hier zum Teil ein Gefühl der „Ohnmacht des Bürgers“ entsteht, ist nachvollziehbar. Doch der Erfolg des Protests zum Beispiel bei den Freihandelsabkommen, auch in Luxemburg, zeigt, dass es eine starke Zivilgesellschaft braucht, um Entwicklungen in Frage zu stellen, Alternativen einzufordern und den Menschen das Gefühl zu vermitteln: Ja, Engagement lohnt sich.

Doch auch hier muss der Staat handeln: Politische Bildung in unseren Schulen und im informellen Bereich muss endlich einen höheren Stellenwert erhalten. Schulen brauchen verstärkt Freiräume, um eine Brücke zwischen Schule und Gesellschaft zu schlagen, dies zum Beispiel in fächerübergreifenden Projekten, im Dialog mit Akteuren vor Ort. Das ehrenamtliche Engagement im gesellschaftspolitischen Bereich muss schlussendlich auch verstärkt gefördert werden. Mit den Anforderungen des heutigen Lebens ist es vielfach schwierig, Beruf, Familie und ehrenamtliches Engagement miteinander zu vereinbaren: Hier müssen in der kommenden Legislaturperiode Akzente gesetzt werden.