CHRISTINE MANDY

Warum Misstrauen die Oberhand gewinnt

Vertrauen ist die wohl wichtigste soziale Tugend und der Grundsatz jeglichen Zusammenlebens. Oder etwa nicht? Wenn ich 2017 durch die Zeitungen blättere, überkommt mich der Eindruck, dass sich der Tugendkatalog grundlegend verändert hat. Im Fall des Vertrauens scheint die Waage sich sogar auf die Gegenseite verlagert zu haben. „Vorsicht“ und „Misstrauen“ heißen die neuen Tugenden, Vertrauen ist fortan nicht mehr, als ein Laster.

Kopfsache

Der Grund: Vertrauen hat eigentlich etwas grundsätzlich Irrationales an sich. Denn es handelt sich gar nicht um eine Handlung oder Einstellung, zu der wir uns bewusst entscheiden, sondern vielmehr um ein spontan auftretendes, instinktives Gefühl. Misstrauen hingegen ist eine vernünftige, rationale Lebenseinstellung, die wir sehr wohl bewusst an den Tag legen. Damit dürfte klar sein, warum Misstrauen der Weg ist, den wir eher zu gehen bereit sind. Immerhin bedeutet Vertrauen vor allem Risiko. Es läuft die Gefahr, vergeblich zu sein. Vertrauen kann missbraucht werden, wo Vertrauen ist, herrscht oftmals Enttäuschung.

Man denke an die berühmte Metapher vom Engelchen und vom Teufelchen, die uns jeweils etwas ins Ohr flüstern und uns damit auf ihre Seite zu ziehen versuchen. Das Vertrauen ist das Engelchen, das süße, naive, unschuldige Gefühl, während das Teufelchen das Misstrauen ist, der rationale, gefühlskalte, unbarmherzige Intellekt. Das Frappierende dabei: Obwohl wir uns ja gegen das Gefühl entscheiden wollen, das wir als Schwäche empfinden, gegen das Menschliche, gegen die Moral, werden wir bei dieser Entscheidung, die wir scheinbar für den Intellekt fällen, gerade von einem anderen Gefühl geleitet: Der Angst.

Auf eigene Gefahr

Es ist nämlich nicht so, dass wir schlichtweg nicht vertrauen dürfen oder sollten, nein, wir können es einfach nicht mehr. Wir können es nicht, weil uns Misstrauen tagtäglich eingeimpft wird. Und es wirkt, das Misstrauen, wie ein Gegenmittel gegen Vertrauen, bis wir gegen dieses offensichtlich trügerische, verhängnisvolle, blind-machende Gefühl immun geworden sind. Das Gegenmittel ist nicht bloß symbolischer Natur, es ist materiell und mit den Sinnen erfassbar.

Es sind die warnenden Buchstaben und Fotos in den Zeitungen, die von Terror, Korruption und Kriegen erzählen, es sind die Berichte von den gehäuften sexuellen Übergriffen auf junge Frauen, es sind die bewaffneten Polizisten auf der Straße, die Betonblöcke auf den Weihnachtsmärkten, die leeren Pfeffersprayregale, die überbelegten Selbstverteidigungskurse, ja, die Liste ließe sich endlos weiterführen. Von überallher wird die Botschaft auf uns eingedroschen, dass wir eines unter keinen Umständen tun sollten. Und das ist vertrauen. Wer 2017 noch vertraut, ist selbst schuld. Denn es liegt in unserer Hand, ob wir belogen und betrogen werden oder nicht, das zumindest, scheint die allgemeine Überzeugung zu sein.

Wer vertraut, wie die deutsche Bundeskanzlerin, der wird ausgelacht. „Wir schaffen das“? Von wegen! Vertrauen ist gut, einfach nur gut, und nicht mehr als das, Kontrolle aber heißt die Devise. Die allgemeine soziale Skepsis bemächtigt sich unserer, es werden Sicherheitsvorkehrungen getroffen, immer, überall und um jeden Preis. Wenn wir uns gänzlich in Watte hüllen, packen, wickeln könnten, würden wir das ohne mit der Wimper zu zucken tun. Aber Vertrauen? Nein, das haben wir nicht einmal in uns selbst. In uns selbst haben wir es am Ende vielleicht am Allerwenigsten, da wir uns doch das Vermögen absprechen, im rechten Moment in die rechten Dinge unser Vertrauen zu setzen. Da verzichten wir lieber gleich ganz darauf.

Kurz vor dem Abgrund

Nun würde ich an dieser Stelle gerne ein Plädoyer für das Vertrauen schreiben und mich gänzlich für die in Vergessenheit geratene Tugend aussprechen, doch so gern ich das auch tun würde, so könnte ich diesen Ratschlag nicht mit gänzlich gutem Gewissen erteilen. Mich selbst trifft die Angst und ich ertappe mich, wie ich Menschen misstraue, so wie wir alle, wenn wir Ausschau halten nach verdächtigen Rucksäcken oder einsamen Koffern. Ich vermag nicht zu sagen, ob die Angst letztlich gerechtfertigt ist oder einfach nur irrational. Können wir unserer Welt und der Politik, von der sie regiert wird, vertrauen? Selbst wenn wir es nicht können, so müssen wir es doch! Es ist notwendig, die Angst zu überwinden und es zu versuchen.

Denn was bliebe übrig, wenn gar kein Vertrauen mehr vorhanden wäre? Wir würden um uns blicken und alles, was wir dort sähen, wären Verbrecher, Gauner, Banditen, kurzum: Menschen, die uns schaden wollen. Es wäre die endgültige Verzweiflung, die absolute Angst, Paranoia und Resignation. Aber von diesem finalen Schritt, vor diesem Abgrund, hält uns die Hoffnung glücklicherweise noch zurück. Wenn wir nach Hause kommen, zu unserer Familie, dann sind wir an dem Ort, an dem wir unser schützendes Misstrauen ablegen können und an dem wir uns daran erinnern können, warum es guttut, hin und wieder dem Engelchen auf der Schulter zuzuhören, warum wir es brauchen wie die Luft zum Atmen.

Es ist denkbar, dass das Misstrauen nur ein Teufelskreis ist. Nur wer anderen misstraut, wird entsprechend reagieren und seinem Umfeld wiederum Grund und Anlass dafür geben, ihm Misstrauen entgegenzubringen. Es bleibt zu hoffen, dass uns das irgendwann zu anstrengend wird!